Gottesdienst für Germanwings-Opfer "Ein ganzes Land rückt zusammen"

Bei der Trauerfeier im Kölner Dom für die Opfer des Unglücksflugs 4U9525 fanden Politiker und Geistliche berührende Worte. Bundespräsident Gauck sprach als einziger von der "verstörenden Vernichtungstat".

DPA

Von , Köln


Es ist dieser eine Augenblick, in der die Verzweiflung spürbar wird. An das Mikrofon tritt eine junge Frau, sie holt Luft und spricht: "Herr, ich bitte dich: Trockne unsere Tränen, stärke die schönen Erinnerungen und schenke uns allen neuen Lebensmut!" Ihre Stimme bebt, sie beginnt zu weinen, eine Freundin streichelt ihr über den Rücken. "Lieber Gott, gib unseren verunglückten Verwandten und Freunden ein neues Zuhause und pass' immer auf sie auf", sagt die Frau. Dann wendet sie sich ab und fällt ihrer Begleiterin um den Hals. Lange drücken sich die beiden, die eine sucht Halt, die andere gibt ihn ihr.

Die Szene, die viele Menschen im Kölner Dom zu Tränen rührt, wirkt wie ein Symbol dessen, worüber ein Bundespräsident, eine Ministerpräsidentin, ein Erzbischof und eine Präses im Laufe der Trauerfeier für die Opfer der Germanwings-Katastrophe sprechen werden: Zusammenhalt, Nähe, Trost.

"Wir sind verbunden durch Trauer und Schmerz und tiefempfundener Ratlosigkeit", sagt Joachim Gauck. "Es ist etwas zerstört worden, das in dieser Welt nicht mehr geheilt werden kann." Und die Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, Annette Kurschus, predigt: "Familien, Häuser und Nachbarschaften, Schulen, Dörfer und Städte, ein ganzes Land, ja mehr als nur ein Land, rücken zusammen im Aushalten-Müssen und im Begreifen-Wollen."

"Band des Mitleidens und Mittrauerns"

Andreas Lubitz war allein, als er am Mittag des 24. März den Germanwings-Flug 9525 zum Absturz in den französischen Alpen gebracht haben soll. Er war allein im Cockpit, weil er den Kapitän des Airbus ausgesperrt hatte. Womöglich hat er schon vorher in seinem Leben Menschen ausgesperrt, sie ferngehalten von den Tiefen seiner psychischen Erkrankung.

Etwa 1400 Trauernde sind am Freitag in den Kölner Dom gekommen, darunter 500 Angehörige der Toten: Großeltern, Eltern, Geschwister, Kinder. "Indem wir neben unseren leidenden Mitmenschen stehen bleiben, indem wir zueinander stehen, entsteht zwischen uns ein Band des Mitleidens und Mittrauerns", sagt der frühere Pastor Gauck. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundestagspräsident Norbert Lammert, der Präsident des Bundesverfassungsgerichts sowie Minister aus Düsseldorf, Berlin und dem Ausland nehmen an dem Gottesdienst teil.

Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki wendet sich direkt an die Angehörigen: "Bloße Worte sind zu schwach, Sie zu trösten." Aber die Gemeinsamkeit vieler Menschen solle ihnen Trost sein "in diesen Stunden der Einsamkeit", so der Kardinal. "Unser Herz ist bei Ihnen", sagt auch die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. "Ich wünsche mir so sehr, dass Sie diese Anteilnahme spüren und sie Ihnen Kraft gibt."

Vor dem Altar stehen 150 Kerzen, eine für jeden Toten des Absturzes - und damit eben auch eine für Andreas Lubitz, den mutmaßlichen Verursacher der Katastrophe. Zu richten sei nicht die Sache der Menschen, hat Erzbischof Woelki schon vor der Veranstaltung gesagt, und doch schwebt so etwas wie ein stilles Urteil über der Trauerfeier. Niemand erwähnt Lubitz, namentlich ohnehin nicht, aber auch nicht als Person. Präses Kurschus spricht davon, dass es "tief dunkel wurde erst in einem Herzen, dann in so vielen anderen". Aber es bleibt bei Andeutungen.

"Abgründe der menschlichen Seele"

Bis als letzter deutscher Redner Bundespräsident Gauck das Wort ergreift. Der Grund des Absturzes sei eben "mit größter Wahrscheinlichkeit" kein technischer Defekt gewesen, sondern die "verstörende Vernichtungstat" eines Einzelnen. Das sei vielleicht noch schwerer zu ertragen, weil es die "Sinnlosigkeit des Geschehens" so deutlich mache. "Dieser eine hat die vielen anderen mit in den Tod gerissen, den er für sich selber gesucht hatte", sagt der Bundespräsident. Zu Trauer und Schmerz komme noch das "tiefe Erschrecken vor den Abgründen der menschlichen Seele", so Gauck. "Uns fehlen Worte für diese Tat."

Am Ende ist das Geschehene vielleicht für immer unerklärlich, so dass die Fragen bleiben werden: Warum hat sich Lubitz gerade auf diesem Flug, in diesem Augenblick zu seiner mutmaßlichen Wahnsinnstat entschlossen? Was hat sie ausgelöst? Und hätte sie verhindert werden können? "Herr, wir bitten dich für alle, die sich Vorwürfe machen, etwas falsch gemacht oder unterlassen zu haben", heißt es in einer Fürbitte. "Schenke ihnen Frieden!"

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