Geschacher um Chiles Kumpel Gerettet, gefeiert, verkauft

Die 33 chilenischen Bergleute wurden aus der Tiefe gerettet - frei sind sie noch lange nicht: Medien aus aller Welt belagern die Helden, für Interviews werden Tausende Dollar geboten. Die Angehörigen der Kumpel schachern kräftig mit.

REUTERS

Von , Copiapó


Copiapó/Santiago de Chile - Irgendwo oben am Hügel, da wo sich Copiapó immer weiter in die Wüste schiebt, wohnt Luis Urzúa. Colonia Extranjera heißt sein Viertel, Stadtteil der Fremden, eine typische Bergarbeiter-Siedlung. Schmale, rechteckige Häuser reihen sich aneinander, die Straßen sind wie mit dem Lineal gezogen. Dahinter nur Sand. Hier landen die Männer, die aus allen Teilen Chiles kommen, um in den Kupfer- und Goldminen der Region gutes Geld zu verdienen.

Auch Urzúa, 54, ist vor vielen Jahren mal in die Stadt in der Atacama-Wüste gekommen. Seit mehr als 30 Jahren ist er Bergarbeiter. In der Unglücksmine San José hat Urzúa als Schichtleiter rund 1200 Euro monatlich verdient, für einen Arbeiter in Chile ist das ein stattliches Einkommen. In den kommenden Monaten könnte er diese Summe um ein Vielfaches erhöhen.

Die Geschichte vom Boss unter Tage, der die Gruppe der 33 zusammengehalten hat, ist auf dem Markt der Exklusivgeschichten viel Geld wert. Das dämmerte auch Urzúas Cousin Fernando Orrelano. Der Mann mit dem grauen Bart und der Baseball-Mütze steht vor dem Krankenhaus in Copiapó und gibt ein Interview nach dem anderen. Während die Ärzte in der Klinik seinen Vetter Urzuá noch eingehend untersuchen, bietet Orrelano bereits einen Besuch bei Urzuás Mutter Nelly daheim in der Colonia Extranjera an.

"Ich kann meine Zeit nicht mit Ihnen verschwenden, wenn Sie nichts zahlen"

Doch deren Tür bleibt der Presse verschlossen. Sie müsse erst einmal verdauen, dass ihr Sohn dem Leben zurückgegeben wurde, sagt sie. Auch Urzúas Bruder Juan Carlos sind nur karge Aussagen zu entringen. "Luis mag es, wenn die Dinge klar sind", diktiert er Journalisten in die Blöcke. Dann tauchen zwei weitere Vettern des befreiten Kumpels auf sowie ein Freund der Familie. Alle sagen, dass sie "gern" aus dem Leben von Luis Urzúa erzählen könnten und lassen wie nebenbei einfließen, dass ein chilenischer TV-Sender bis zu 4000 Dollar für ein Interview zahlen will.

Wenige Tage nach dem glücklichen Ausgang der Rettungsaktion in der Atacama-Wüste geriert sich journalistische Recherche zunehmend wie das Treiben auf einem Bazar.

Enge wie weitläufige Verwandte der 33 "Helden von Chile" handeln mit Presseleuten immer höhere Summen für Interviews aus. Zum Beispiel Mónica Araya, Frau von Florencio Ávalos, der als Erster aus der Mine geborgen wurde. "Ich kann meine Zeit nicht mit Ihnen verschwenden, wenn Sie nichts zahlen wollen", sagte die Frau einem Journalisten, der ein Interview mit ihr anfragte, "ich habe eine Menge Anrufe zu beantworten".

"Da finde ich noch ein besseres Angebot"

Nicht viel anders machte es angeblich der gerettete Kumpel Ariel Ticona. Der wollte Journalisten zu seiner Willkommensparty zulassen. Das höchste Gebot für eine Eintrittskarte zu seiner Feier waren umgerechnet 215 Euro. "Da finde ich noch ein besseres Angebot", soll Ticona entgegnet haben.

Es gibt in diesen Tagen nach der Befreiung der Bergmänner aus ihrem dunklen Verlies nichts, was sich den Medien nicht verkaufen ließe.

Besonders hoch im Kurs steht Kumpel Victor Segovia, Spitzname "der Schriftsteller". Er hielt Absurditäten und Anekdoten über die 69 Tage in 700 Meter Tiefe in einer Art Tagebuch fest. Insgesamt vier Hefte hat Segovia mit dem Protokoll des Zusammenlebens unter Tage gefüllt.

Die ersten Aufzeichnungen hatte Segovia im Wartungsbuch einer der großen Perforationsmaschinen gemacht. Kaum waren die Mineros am 22. August gefunden, orderte Segovia einen Bleistift und drei neue Blöcke. "Das Schreiben hat mir das Leben gerettet", sagte Segovia nach der Rettung. "Vor der Angst und der Unsicherheit konnte ich mich in die Welt der Worte flüchten."

Deutsche Zeitung soll 50.000 Dollar für Unter-Tage-Tagebuch geboten haben

Segovia weiß noch nicht, was er mit den Aufzeichnungen machen will. Eine deutsche Zeitung habe ihm 50.000 Dollar für die Rechte angeboten, sagte er dem Blatt "La Tercera", "ich habe aber den Namen der Zeitung vergessen". Das Ringen um die besten Geschichten hat gerade erst begonnen.

Grund genug für den Chefpsychologen des Rettungsteams, Alberto Iturra, mahnende Worte an die Journalisten zu richten. Er habe zwar nichts dagegen, dass die 33 Männer Kapital aus ihrer Leidenszeit in der Mine San José schlagen - "Ich würde mich auch über ein Angebot von 50.000 Dollar freuen." - rief die Medien aber dringend dazu auf, den Bergleuten nicht auf den Leib zu rücken. "Lasst sie in Ruhe. Sie müssen jetzt mit ihren Familien allein sein", sagte Iturra.

Zudem widersprach der Psychologe Berichten, es gebe einen Pakt der 33 Kumpel, das gewonnene Geld in einen Topf zu werfen: "Es ist doch ihr Ding, wie sie ihr Geld verdienen und wie sie es umlegen."

Luís Urzúa hat noch keinen Vertrag abgeschlossen, zumindest weiß sein Bruder Juan Carlos, der ebenfalls in der Colonia Extranjera lebt, von keinem Abkommen. "Er soll sich jetzt erst mal erholen und überlegen, ob er jemals wieder in die Mine einfahren will", empfiehlt Juan Carlos.

Was er seinem Bruder raten würde, wenn der ihn darum bäte, weiß Juan Carlos allerdings genau: "Nutze die Gelegenheit jetzt. Dann brauchst du später nicht mehr unter Tage zu arbeiten."



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
town621903 17.10.2010
1. .. und warum nicht?
Diese Menschen haben die einmalige Chance, durch Interviews u.ä. mehr Geld innerhalb eines Monats zu verdienen als mit ihrer lebensgefährlichen Arbeit in ihrem ganzen Leben.
unterländer 17.10.2010
2. Überraschung!
Zitat von sysopDie 33 chilenischen Bergleute wurden aus der Tiefe gerettet - frei sind sie noch lange nicht: Medien aus aller Welt belagern die Helden, für*Interviews werden tausende Dollar geboten - und die Angehörigen schachern kräftig mit. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,723565,00.html
Schlimm, schlimm. Da wollen Menschen doch tatsächlich Geld von Leuten haben, die mit den Interviews mit ebendiesen Leuten Geld verdienen wollen. Nachdem die Narichtenschreiber seit Jahrhunderten Geld mit den Nachrichten verdienen, erkennen die "Nachrichten", dass das auch umgekehrt geht. Na und? (Mal ganz davon abgesehen, dass es vermutlich wirklich ziemlich stressig ist, die ganzen Interviewanfragen zu ertragen.)
mullemaus5 17.10.2010
3. ja!
Zitat von town621903Diese Menschen haben die einmalige Chance, durch Interviews u.ä. mehr Geld innerhalb eines Monats zu verdienen als mit ihrer lebensgefährlichen Arbeit in ihrem ganzen Leben.
sie sagen es richtig. wie sehr ist allen kumpel zu gönnen, dass sie einen geldfluss haben können, der ihnen das leben leichter werden lässt. wenn die medien meinen, jedem zipfelchen familiengeschichte hinterherlaufen zu müssen, sollen sie auch bezahlen dafür.
Asirdahan 17.10.2010
4. Man muss jönne könne
Wem, wenn nicht diesen Männern und Familien, sei dieser Geldsegen von Herzen gegönnt? Ich möchte das für eine Million nicht durchmachen. Schön wäre es, wenn das positive Rettungsbeispiel nun auch anderen Bergleuten in aller Welt helfen würde, was die Sicherheitsbestimmungen angeht.
sappelkopp 17.10.2010
5. Die sollen mal...
...zusehen, dass sie jeden Dollar mitnehmen, in einigen Wochen wird eine andere Sau über den Erdball getrieben, da interessiert sich wieder kein Mensch für die Arbeitsbedingungen chilenischer Bergleute. Also, zieht den Pressefritzen die Asche aus den Taschen, Jungs. Die verdienen genug mit Euch.
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