Geschichte der Autobombe Tod auf Rädern

Billig, leicht herzustellen, absolut zerstörerisch: Autobomben sind zum Symbol des Terrors geworden. "Manifeste, die mit dem Blut der anderen geschrieben werden", sagt ein US-Historiker, der die Blutspur der mobilen Todesfallen nachvollzogen hat - von Paris, New York, Beirut nach Bagdad.

Hamburg - Es war am Heiligen Abend des Jahres 1800, als das Verderben zum ersten Mal auf Rädern des Weges kam. Ein Pferdekarren, beladen mit Schießpulver und Eisenschrott, abgestellt in einer dunklen Pariser Straße, der Rue Saint Nicaise. Das war die neuartige Waffe, derer sich die royalistischen Rebellen bedienen wollten.

Ihr Ziel, der Erste Konsul Frankreichs, Napoleon Bonaparte, holperte langsam und nichts ahnend in einer Kutsche der Uraufführung des Haydn-Oratoriums "Die Schöpfung" entgegen. Der mächtige Mann schlief, als plötzlich mit einem gewaltigen Knall die erste Bombe auf Rädern in der Menschheitsgeschichte detonierte. Sie riss vier Menschen in den Tod und verletzte 60 weitere. Napoleon blieb unverletzt.

"Luftwaffe des kleinen Mannes"

Autobomben und ihre furchtbaren Folgen kennt heute jeder - günstigstenfalls aus den Medien. Die ebenso billigen wie leicht herzustellenden Waffen sind von London bis Kapstadt zum Symbol des internationalen Terrors geworden. Im Irak töten sie inzwischen fast täglich Dutzende Unschuldige.

Autobomben sind mittlerweile "fast so weltumspannend vertreten wie iPods und HIV/Aids", schreibt US-Sozialhistoriker Mike Davis in seiner jüngst erschienenen "Geschichte der Autobombe". Minutiös zeichnet er darin die unheilvolle Wirkungsgeschichte der "Luftwaffe des kleinen Mannes" nach.

Davis' Bilanz: "Autobomber sind oder waren vor kurzem noch in mindestens 23 Ländern aktiv, und weitere 35 Staaten wurden in den vergangenen 25 Jahren von zumindest einem tödlichen Autobombenanschlag getroffen." Die Spitzenposition in der Rangfolge der betroffenen Gebiete teilen sich demzufolge Westeuropa und der Nahe Osten. Zum globalen Epizentrum habe sich jedoch der Irak entwickelt.

Riesiger Feuerball in der Wall Street

Der Siegeszug der Bombe auf Rädern in den vergangenen Jahrzehnten - er geht zurück auf einen Anschlag in den USA. Offenbar von dem frühen Attentat auf Napoleon inspiriert, wagte der italienische Anarchist Mario Buda im September 1920 eine Attacke auf das Zentrum des US-Wirtschaftssystems, auf die Wall Street. Buda wollte die Inhaftierung seiner "besten Freunde" Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti rächen. Er belud einen Pferdekarren mit Eisenschrott und vermutlich auch mit gestohlener Sprenggelatine. Er parkte das tödliche Vehikel vor dem Bankhaus J. P. Morgan und machte sich mit dem Mittagsläuten der Dreifaltigkeitskirche aus dem Staub.

Noch ehe die Glocken verklungen waren, detonierte die Kutsche in einem riesigen Feuerball. Passanten wurden von umherfliegenden Metallteilen niedergemäht, Fenster zerbarsten, Markisen und Autos fingen Feuer. 40 Tote und mehr als 200 Verletzte zählten die Behörden schließlich. Der Vater des späteren Präsidenten John F. Kennedy, Joseph P. Kennedy, der gerade über die Straße ging, erlitt einen Schock.

Der Bankier Jack Morgan jedoch, gegen dessen Institut sich der Angriff richtete, blieb unverletzt. Er weilte in Schottland, als die Bombe explodierte.

Anonymes Fahrzeug voller Sprengstoff

"Budas Wagen war im Grunde der Prototyp der Autobombe", vermerkt Davis. Es war "der erste neuzeitliche Einsatz eines unauffälligen und in fast jeder städtischen Umgebung anonymen Fahrzeugs, mit dem sich große Mengen brisanten Sprengstoffs präzise in die Nähe eines bedeutenden Ziels transportieren lassen".

Doch erst Jahre später, am 12. Januar 1947 nämlich, sei die Autobombe zu einer "expliziten Waffe städtischer Kriegführung" geworden. Damals parkte die rechtszionistische "Stern-Bande" einen Lastwagen voller Sprengstoff vor einer britischen Polizeistation im palästinensischen Haifa und zündete die mobile Bombe. Vier Menschen starben, 142 wurden verletzt. "Die Stadt bebte, im ganzen Viertel waren die Straßen mit Glas und Splittern übersät", notierte ein US-Korrespondent.

Die "Pforten zur Hölle"

In den Folgejahren seien Autobomben nur vereinzelt eingesetzt worden, protokolliert Davis. Sie hätten zwar in Saigon, Palermo und Algier erhebliche Schäden angerichtet, doch erst einige radikale Studenten der Universität von Wisconsin hätten dann im August 1970 die "Pforten zur Hölle" aufgestoßen.

In einer Broschüre der Jagd- und Fischereibehörde (Titel: "Grubensprengungen für wildlebende Tiere") hatten Vietnamkriegs-Gegner eine Bombenbau-Anleitung entdeckt. Diese war eigentlich für Landwirte gedacht und erklärte, wie sich mit Hilfe einer kraftvollen Sprengstoffmischung aus Kunstdünger und Diesel Ententeiche in den Boden bomben lassen.

Doch die Aktivisten der Gruppe "Studenten für eine demokratische Gesellschaft" wollten kein künstliches Gewässer für frei lebendes Federvieh anlegen. Am 23. August 1970 mischten sie 800 Kilogramm Ammoniumnitrat, das sie für 48 Dollar in einem Genossenschaftsladen gekauft hatten, mit 80 Litern Diesel. Sie luden das Ammonium Nitrate Fuel Oil (ANFO) in einen Ford-Lieferwagen vom Typ Ecoline - und zündeten das Gebräu mit der Sprengkraft von 3400 Stangen Dynamit vor dem mathematischen Forschungszentrum der US-Armee in Madison.

Die gewaltige Detonation erschütterte den gesamten Campus, riss eine Außenwand des Hauptgebäudes weg und beschädigte umliegende Häuser. Ein junger Physiker wurde getötet, mehrere Studenten erlitten Verletzungen.

Semistrategische Waffe für maximalen Terror

Die erste Generation vom Bombenbauern hatte oft noch auf riskante Art Sprengstoff stehlen müssen - nun war plötzlich klar: Neue Terroristen-Generationen werden es leichter haben.

"ANFO wurde einfach aus billigem und überall erhältlichen Zutaten angemischt", schreibt Davis. Es "erhöhte die maximale Sprengladung einer Lieferwagen- oder Lastwagenbombe auf mehrere Tonnen TNT". Die ANFO-Bombe geriet zur semistrategischen Waffe, mit der die Bevölkerung ganzer Städte terrorisiert werden konnte.

Die furchtbare Wirkung dieser neuen Sprengsätze bekamen die Amerikaner 1983 in Beirut zu spüren. Dort paarte sich zum ersten Mal technisches Zerstörungspotential mit selbstmörderischem Fanatismus. Am 18. April steuerte ein Hisbollah-Extremist einen mit 1000 Kilo ANFO beladenen Kleintransporter in die Eingangshalle der US-Botschaft.

Ein CIA-Agent, der Augenzeuge des Infernos wurde, erinnerte sich später, wie "die Mitte der siebenstöckigen Botschaft Dutzende Meter hoch geschleudert" wurde, "eine Ewigkeit lang in der Luft schwebte und dann in einer Wolke aus Staub, Menschen, zerfetzten Möbeln und Papier zusammenbrach". 63 Tote waren zu beklagen.

Größte konventionelle Bombe

Es sollte noch schlimmer kommen. Ein halbes Jahr später raste ein Hisbollah-Kämpfer in einem Mercedes-Muldenkipper mit sechs Tonnen Sprengstoff in die Beiruter US-Kaserne. Das FBI beschrieb den Sprengsatz Davis zufolge später als die größte konventionelle Bombe, die Sprengstoffexperten jemals gesehen hatten. 241 US-Soldaten starben - so viele an einem einzigen Tag wie seit der Erstürmung der japanischen Front-Insel Iwo Jima im Zweiten Weltkrieg nicht mehr.

Die Blutspur der Autobomben, die der Historiker Davis in seiner detaillierten Untersuchung nachzeichnet, führt auch nach Indien, Tschetschenien, Korsika, Nordirland, Italien, Afrika, Afghanistan. Vor allem aber führt sie in den Irak: Dort seien zwischen Juli 2003 und Juni 2005 mehr als 9000 Menschen durch die mobilen Sprengsätze getötet worden.

Autobomben böten Aufständischen schlicht viele Vorteile, schreibt Davis: Sie sind "starke und zerstörerische Tarnwaffen", die viel Aufsehen erregen und wahrgenommen werden müssen. Sie sind billig, leicht herzustellen und anzuwenden. Sie verbreiten Angst und Schrecken, weil sie als "faschistische Waffe" wahllos töten. Sie hinterlassen kaum verwertbare kriminalistische Spuren. Ein Teufelszeug.

Die beunruhigende Prognose des Historikers: "Die Autobombe wird vermutlich eine großartige Zukunft haben." Wie Drogendealer fänden auch "Autobomber immer einen Platz für ihr Geschäft". Aus Budas Pferdekarren sei in den vergangenen 87 Jahren ein "Rennwagen der Apokalypse" geworden.


Mike Davis: Eine Geschichte der Autobombe. Verlag Assoziation A. Berlin, 2007; 227 Seiten; 20 Euro

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