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ZEITGEIST Geschmacksterror in Pink

Neonfarben, Schulterpolster, Fönfrisuren und Dada-Pop: Die Stil-Nostalgiker im Mode- und Unterhaltungsgeschäft beschwören eine Renaissance der achtziger Jahre - und erhoffen nun von der Kino-Komödie »Eine Hochzeit zum Verlieben« neue Schubkraft.
aus DER SPIEGEL 25/1998

Es ging um nichts. Das war das Schöne an der Zeit zwischen Ronald Reagans Wahlsieg im November 1980 und dem Fall der Berliner Mauer, einer Epoche, die wohl als die goldenen Jahre des 20. Jahrhunderts in die Geschichte eingehen werden. Es war die Zeit des schnellen Reichtums und der klaren Verhältnisse. Der Weltfrieden war atomar gesichert, jeder wußte, wo der Feind steht, und das viele Geld, das in Umlauf kam, eroberte die Domänen der Reichen für die Massen.

Mode wurde besonders wichtig genommen in diesem Jahrzehnt. Auf die richtige Marke, von Lacoste etwa über Kenzo und Giorgio Armani zu Thierry Mugler, kam es an; ein neuerwachtes Interesse an der Kultur diente vor allem dazu, Geschmack und Status zu belegen. Kaum jemand scherte sich mehr darum, daß das Schlaraffenlandleben auf kurzsichtigen Profitstrategien und der Ausbeutung ärmerer Nationen beruhte - schließlich konnte damals niemand ahnen, daß den geordneten Verhältnissen des Ost-West-Konflikts schon bald das Chaos der sogenannten Neuen Weltordnung folgen sollte.

Wie in jedem Jahrzehnt der Nachkriegszeit machten auch in den achtziger Jahren jede Menge modische Geschmacklosigkeiten Furore: Schmale Lederkrawatten, spitze Schuhe und Schulterpolster prägten die Mode; bleiche Knaben mit toupierten Haaren dominierten die Hitparaden; und die Innenarchitekten hantierten bevorzugt mit Neon, Rosa und Türkis.

Nun sieht es so aus, als würden genau diese Stilirrtümer wiederentdeckt: Modemacher und Hollywood-Regisseure, Internet-Propheten, Party-Veranstalter und Musikproduzenten zitieren mit Inbrunst die achtziger Jahre herbei - oder vielmehr die Schlüsselreize eines seltsam fernen und doch im Bewußtsein der meisten Konsumenten noch höchst präsenten Jahrzehnts.

Anders als die nostalgischen Schübe der vergangenen Jahre kommt das jüngste Revival nicht aus London, sondern aus den USA. In den vergangenen Jahren hatten vor allem britische Trendscouts Gespür für den schlechten Geschmack der Vergangenheit bewiesen - und Existentialisten-Rollis aus den fünfziger Jahren, Topfschnitte aus den Sechzigern sowie die Schlaghosen und Plateauschuhe der Siebziger samt der zugehörigen Musik kurzerhand (und meist nur kurzfristig) zum letzten Schrei der Clubszene erklärt.

Der US-Spielfilm »The Wedding Singer« des Regisseurs Frank Coraci, der in der kommenden Woche in Deutschland unter dem Titel »Eine Hochzeit zum Verlieben« anläuft, ist zwar nur eine eher harmlose Komödie - doch in Amerika brachte er es in diesem Frühjahr zum Überraschungshit. Adam Sandler, einer der Komiker aus der in den USA höchst populären »Saturday Night Live«-Fernsehshow, spielt darin Robbie Hart, den Sänger einer Tanzband, die auf Hochzeitsfesten tingelt. Robbie verliebt sich in Julia (Drew Barrymore), die mit einem Bilderbuch-Yuppie verlobt ist - Grundlage für romantische Verwicklungen, die brav nach dem üblichen Schema ablaufen.

Doch die Handlung ist eher nebensächlich. Ausschlaggebend für den Erfolg des Films scheint allein: »The Wedding Singer« spielt im Jahre 1985 und lebt von der Aneinanderreihung ulkiger Achtziger-Jahre-Anachronismen.

Adam Sandler etwa trägt Jacketts mit Schulterpolstern und dazu schauerlich schmale Krawatten. Die Mädchen ziehen sich Madonna-Korsetts an, und die Yuppies sehen aus wie die Stars aus »Miami Vice": bunte Jacketts und drunter ein T-Shirt. Die Musik zum Film präsentiert alte Helden wie Nena, The Cure und Elvis Costello mit ihren großen Hits, und wenn eine Film-Großmama die frühe Rap-Nummer »Rapper''s Delight« von der Sugarhill Gang zum besten gibt (wobei das Stück, historische Schummelei, von 1979 ist) oder zum Finale Punk-Poseur Billy Idol auftritt, jauchzt das Filmpublikum in Erinnerung an eigentlich vergessene Showgrößen.

»Tu nicht so, als würdest du dich nicht erinnern«, lautet der Werbeslogan für »The Wedding Singer": In Wahrheit sind die zehn Jahre der Yuppies, des knallbunt-geometrischen »Memphis«-Möbeldesigns und der häßlichen Frisuren - vom asymmetrischen Schnitt der Kunstgeschichtsstudentinnen bis zur Außenrolle - wohl tatsächlich nur verdrängt. Die Gags des Films jedenfalls versteht jeder, der seine Teenager- oder Twen-Zeit in jenen Jahren verlebte, in denen der Kalte Krieg im Zeichen von Glasnost und Perestroika verdämmerte.

Die Trend-Beschwörer amerikanischer und britischer Magazine werten die Resonanz auf »The Wedding Singer« bereits als Durchbruch für ein Achtziger-Revival. Im Internet, dem Frühwarnsystem für neue Subkulturströmungen, bieten schon seit Monaten Dutzende von Websites wie »The ''80s Server«, »Livin'' in the Eighties« und »Totally 80''s« buntes Anschauungsmaterial.

In Hollywood steht demnächst als Großprojekt die Verfilmung von Bret Easton Ellis'' Yuppiethriller »American Psycho« an - mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle. Der kalifornische Drehbuchautor Ben Queen, mit 23 Jahren fast zu jung für ein eigenes Achtziger-Jahre-Geschmackstrauma, hat ein Skript mit dem Titel »Totally 80''s« an Hollywood verkauft, im nächsten Jahr soll der Film in die Kinos kommen.

Fast alle Retro-Moden stürzen sich vor allem auf die Kitschsymbole vergangener Epochen: Die Stilklischees aus Mode, Design und Musik sollen das Ästhetikbewußtsein der Gegenwart provozieren. Nach der zuletzt gefeierten Wiederkehr von Siebziger-Jahre-Greueln wie Häkel-Minis und psychedelischen Mustern scheint es nur logisch, daß sich die ironische Pop-Archäologie nun das nachfolgende Jahrzehnt vorknöpft.

Dreist bedienen sich deshalb Werbung und Haute Couture im Ramschladen des Glamour-Jahrzehnts. In einem amerikanischen VW-Spot fahren zwei Bohemiens im Golf zu »Da Da Da«, Trios Blödel-Lied von 1982, spazieren. Auf Mailands Laufstegen waren während der letzten Winterschauen bei Gucci und Versace die ersten Pfennigabsätze, Schulterpolster und Power Suits zu sehen. Alexander McQueen setzte bei seiner Show für Givenchy Kate Moss eine Perücke mit nach außen geföntem Rundschnitt auf und ließ sie mit asymmetrischem Kleid und Westernstiefeletten in groteskem Frühachtziger-Outfit über den Laufsteg gehen - die Imitate der Imitate hängen mittlerweile auf den Ständern der Jugendmoden-Kaufhauskette Hennes & Mauritz.

Das US-Magazin »Harper''s Bazaar« meldete jüngst, in den New Yorker Secondhand-Läden seien die alten Montana- und Mugler-Kleider bereits ausverkauft. Ein Comeback strebt nun auch die italienische Firma Fiorucci an - deren Jeans und bonbonfarbene T-Shirts und Blusen galten in den Achtzigern als Klassiker und gerieten danach schnell in Vergessenheit.

Sehnsucht nach besseren Zeiten, so wissen die Designer und Werbeleute, verkauft sich bestens. Schon ist in den USA eine populärwissenschaftliche Abhandlung der Dekade erschienen: »The Eighties: A Reader"*. Ein Lesebuch der Achtziger, in dem Autoren wie Tom Wolfe, P. J. O''Rourke und Allan Bloom vornehmlich die Schattenseiten der goldenen Jahre beschreiben - die Verbreitung von Aids und den Siegeszug der Konservativen, den Deregulierungswahn der Reagonomics und die Drogen-

kriege. Lauter Phänomene also, die bis heute nachwirken.

Fünf Jahre hat es gedauert, bis die Achtziger-Jahre-Nostalgie vom Partygag zum Hollywood-Thema wurde. Denn schon 1992 gründeten Studenten der New York University die »80''s Preservation Society«, eine Gesellschaft zum Erhalt der achtziger Jahre. Sie wollten das Kulturgut einer zu Unrecht vergessenen Ära der Nachwelt in Erinnerung bringen, sagten sie der »New York Times«.

Deswegen sammelten sie Malibu-Barbies und zeigten auf Partys Videos jener Filme, die ihrer Meinung nach den Geist der achtziger Jahre authentisch widerspiegelten - auch wenn sie in den Anthologien der Filmkritiker höchstens in Fußnoten gewürdigt sind: Teenagerdramen wie John Hughes'' »The Breakfast Club« oder »Pretty in Pink« und Tanzspektakel wie »Dirty Dancing«.

In jüngster Vergangenheit erinnerten sich auch andere der Achtziger-Jahre-Errungenschaften. Während in den Tanzstudios Aerobic wiederbelebt wurde, machte sich im Popgeschäft der New Yorker Erfolgsproduzent Puff Daddy an eine Mixtur aus glattem Achtziger-Jahre-Pop und schwarzem Rap. Sein Hit »Been Around The World« besteht fast durchgehend aus elektronisch aufpolierten Versatzstücken des David-Bowie-Songs »Let''s Dance«, die Ballade »I''ll Be Missing You« nutzt einfach die Melodie des Police-Erfolgssongs »Every Breath You Take«.

Beide Puff-Daddy-Stücke erreichten weltweit Millionenauflagen; und so ziehen andere Rapper jetzt nach. Wyclef Jean von den Fugees etwa lud vor ein paar Monaten die deutsche Schlagerveteranin Nena ins Tonstudio ein, um eine HipHop-Version von »99 Luftballons« aufzunehmen. Zuvor hatte Jean mit den Fugees 1997 Neuauflagen von Siebziger-Jahre-Hits wie »Killing Me Softly« und »Staying Alive« produziert und global abkassiert.

Nenas Auftritt mit dem Luftballonlied ist in den US-Musiksendern derzeit eine der meistgespielten Nummern; in Deutschland verkauften die wiederauferstandenen Achtziger-Jahre-Heroen Dieter Bohlen und Thomas Anders mehr als eine Million Exemplare ihrer Modern-Talking-Comeback-CD »Back For Good«.

In Hamburger und Berliner Diskotheken tanzen junge Menschen in neonrosa T-Shirts aus dem Secondhand-Laden zu Achtziger-Jahre-Songs der britischen Band Tears for Fears; in München werden Schlagerpartys im Geiste Guildo Horns von Clubnächten abgelöst, die der Neuen Deutschen Welle (NDW) huldigen. Eine NDW-Revivalband versucht unter dem Namen Herbergsvater, mit alten Songs von Joachim Witt, Ideal und Falco die Hallen zu füllen.

Wie eine ironische Beschwörung des falschen Glanzes der Jahre vor dem Mauerfall wirkt es, wenn das Dritte Programm des Bayerischen Fernsehens in diesen Wochen die Klatschsendung »Leo''s« wiederholt. Noch einmal führt Moderator Andreas Lukoschick im Dandy-Look durch die Welt der Münchner Koks- und Champagnergesellschaft der dekadenten Achtziger - und belehrt das Fernsehpublikum mit In- und Outlisten darüber, was en vogue war und was nicht.

Ganz Ähnliches versuchte jüngst die amerikanische Zeitschrift »Entertainment Weekly": In einer Umfrage unter 18- bis 34jährigen ließ sie darüber abstimmen, ob die siebziger oder die achtziger Jahre die bessere Dekade waren. Beim Nostalgievergleich siegte allerdings das weiter zurückliegende Jahrzehnt: Für die Mehrheit der Befragten boten die Siebziger die interessantere Mode und die besseren Filmstoffe. Wichtiger jedoch: 60 Prozent der jungen Amerikaner von heute glauben, in den siebziger Jahren seien die Menschen glücklicher gewesen.

* Herausgegeben von Gilbert T. Sewall vom Center for EducationStudies. Addison Wesley Publishing Company; 382 Seiten; 26 Dollar.

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