50 Jahre 6 aus 49 Von Lotto-Lothar und glücklicheren Millionären
Hamburg - Vor gut fünfzig Jahren hatten Lothar Lammers und Peter Weiand den besten Einfall ihres Lebens. Lammers jobbte in der Wettscheinauswertung der Westdeutschen Fußballtoto-Gesellschaft in Köln, Weiand verdingte sich als freier Mitarbeiter der Zeitschrift "Tipp mit". Es müsste doch ein einfacheres Glücksspiel geben als das Fußballtoto, überlegten sie sich, ein Spiel, für das man keine Spezialkenntnisse benötigt, keine Mannschaftsaufstellungen oder Formschwächen berücksichtigen muss. Eben etwas für Experten und Laien, für Frauen und Männer, unabhängig von Stand und Bildung. Sie erfanden das Lottospiel 6 aus 49. Einfacher geht es kaum. Jeder Spieler kreuzt sechs Zahlen aus 49 auf seinem Lottoschein an, bezahlt einen geringen Einsatz und erhält dafür die - wenn auch geringe - Chance auf einen Millionengewinn.
Euphorisch boten Lammers und Weiand die Idee ihren damaligen Chefs an, doch die anfängliche Begeisterung für ihren vermeintlichen Coup wich rasch Ernüchterung. Niemand aus dem Verwaltungsrat der Westdeutschen Fußballtoto GmbH war von dem Konzept überzeugt, das Gremium lehnte den Vorschlag ab. Eine folgenschwere Fehlentscheidung, wie sich bald herausstellen sollte.
Enttäuscht kündigten die beiden Tüftler ihre Jobs und wandten sich an die öffentlich-rechtlichen Landesbanken, die damals die träge dahin dümpelnde Nordwestdeutsche Klassenlotterie betrieben. Dort war man sofort angetan von der Idee der jungen Tüftler und startete am 9. Oktober 1955 das völlig neue Glücksspiel. Eine automatisch rotierende und mit Plastikkugeln gefüllte Lostrommel gab es in der Anfangszeit freilich noch nicht. Das 12-jährige Waisenkind Elvira Hahn zog die ersten sechs Gewinnzahlen per Hand, die allererste Ziffer war ausgerechnet die Unglückszahl 13.
Völlig neuer Beruf: Die Lottofee
Trotzdem waren die Deutschen sofort begeistert von der Möglichkeit, sich mit minimalem Einsatz eine zumindest theoretische Chance auf ein finanziell sorgenfreies Leben zu sichern. Schon nach kurzer Zeit war Lottospielen wesentlich beliebter als die herkömmliche Fußballwette. Mit dem Siegeszug des Lottos wurde gar ein völlig neuer Beruf geschaffen: die Lottofee. Drei Jahrzehnte lang verlas Karin Tietze-Ludwig am Samstag abend mit dem Habitus einer Regierungssprecherin die Gewinnzahlen - ihr Gesicht war eines der bekanntesten in Deutschland. Mit kühlem Charme verkündete sie den Zuschauern am Fernsehschirm im Erfolgsfall das Ende aller Geldsorgen, für die weit überwiegende Mehrheit der Tipper jedoch lautete die Botschaft, dass sie auch am Montag wieder zur Arbeit erscheinen mussten.
Heute setzt der Deutsche Toto- und Lottoblock jährlich allein beim Zahlenlotto mehr als fünf Milliarden Euro um, "123 Milliarden sind es seit Bestehen des Glücksspiels", sagt Antje Edelmann, Pressesprecherin der Lotto GmbH Brandenburg. Die landeseigenen Lotto-Gesellschaften schütten die Hälfte der Einsätze als Gewinne an die Spieler aus, die Überschüsse kommen gemeinnützigen Zwecken, etwa der Förderung des Breitensports, zu Gute. Zu DM-Zeiten haben rund 4100 Spieler den Millionen-Jackpot geknackt, nach der Währungsumstellung kamen bis heute noch einmal knapp 300 Euro-Millionäre hinzu.
Doch nicht jeder ist auf den Geldsegen vorbereitet. Oft kommen mit dem großen Glück auch die großen Probleme. Der arbeitslose Kfz-Mechaniker Michael B. aus Ganderkesee etwa gewann im Jahr 1994 rund 2,7 Millionen Euro, danach war in seinem Leben nichts mehr wie zuvor. Er beschenkte seine große Familie, investierte in ein Autohaus und eine Schlosserei. Doch nachdem er acht Mal von der Polizei beim Autofahren ohne Führerschein erwischt wurde, musste der Millionär eine Haftstrafe antreten. Nach kurzer Zeit im Gefängnis waren seine Frau, die vermeintlichen Freunde und das Geld aus seinem Leben verschwunden.
"Alle waren schuldenfrei"
Auch Claus W. aus dem thüringischen Dorf Effelder hatte Pech mit seinem Gewinn. Im März knackte der arbeitslose Fliesenleger den Jackpot: Knapp 1,6 Millionen DM wanderten auf sein Konto. Er lieh seiner Familie und Freunden Geld, "alle waren schuldenfrei", doch niemand habe je einen Pfennig zurück gezahlt. Dabei hätte W. das Geld später gut gebrauchen können. Er ließ sich ein Haus errichten, doch die Baufirma ging noch in der Rohbauphase pleite. Im Dezember 2004 wurde Claus W. verhaftet. Er hatte über Monate immer wieder Autos geknackt, war in Häuser eingestiegen. Der einstige Lottomillionär wurde wegen gewerbsmäßigen Diebstahls in 69 Fällen angeklagt.
Der bekannteste aller Lotto-Gewinner jedoch war zweifellos Lothar K., von Boulevardzeitungen "Lotto-Lothar" genannt. 1994 gewann der Sozialhilfe-Empfänger aus Hannover gemeinsam mit seinem Bruder Peter 7,8 Millionen DM. Fortan führte Lothar K. ein Leben, wie es seiner Vorstellung nach für Wohlhabende angemessen war. Er kaufte sich Pferde und Luxusautos, feierte Partys auf Mallorca und Jamaika. Schließlich verließ er seine Ehefrau und zog mit seiner Geliebten, einer ehemaligen Barfrau, zusammen. Ständiger Begleiter auf der Überholspur war der Suff. 1999 starb "Lotto-Lothar" an seiner Alkoholsucht - Ehefrau und Geliebte lieferten sich anschließend einen bizarren Streit um das Erbe des Millionärs.
Wirklich glücklich mit dem Lottospiel wurde zumindest einer seiner Erfinder. Lothar Lammers genießt heute seinen Ruhestand in Frankreich an der Cote d'Azur. Nachdem die damaligen Chefs der Westdeutschen Toto GmbH kein Interesse an der revolutionären Idee zeigten, die ihnen Lammers und sein Kompagnon Weiand präsentierten, konnten sich die gewieften Erfinder einige Jahre später ein bedeutend besseres Entree bei ihren ehemaligen Vorgesetzten verschaffen. Nach dem Siegeszug des Lottospiels übertrug die Landesregierung in Düsseldorf das Totogeschäft auf die boomende Lottogesellschaft - und deren neue Herren hießen Lammers und Weiand. Die Chefs von einstmals mussten fortan für diejenigen arbeiten, deren Idee sie für nicht zukunftsträchtig hielten.
Und so ähnelt die Geschichte ein wenig derjenigen vom Goldrausch in Kalifornien. Reich wurden dort vor allem die Verkäufer der Schaufeln.