60 Jahre Bundesrepublik Zwei Leben in Deutschland

Die Bundesrepublik wird 60 - Wolfgang Reitzle und Heinz Höffken auch. Die Aufstiegschancen beider Männer waren anfangs vergleichbar, doch dann drifteten die Biografien auseinander. Der eine ist heute Vorstandschef von Linde und verdient Millionen, der andere ist arbeitslos. Warum?
Von Merlind Theile

An einem kühlen Montag im März betritt Wolfgang Reitzle, Chef der Linde AG, die Konzernzentrale im Münchner Zentrum. Er schreitet durch die steinerne Empfangshalle, vorbei am schaufenstergroßen Zierfischaquarium, hinein in den Presseraum, in dem über fünfzig Journalisten auf die Verkündung eines Rekords warten.

Reitzle nimmt am Kopfende des Raums Platz und zupft sein maßgeschneidertes Hemd an den Manschetten zurecht. "2008 war das erfolgreichste Geschäftsjahr in der Geschichte unseres Unternehmens", sagt er, "der Umsatz betrug 12,7 Milliarden Euro."

Fotografen drängeln, Kameras klicken. "Das wird hier ja immer mehr zum Starkult", zischt ein Journalist.

Ungefähr zur selben Zeit packt im nordrhein-westfälischen Oberhausen Heinz Höffken seinen abgewetzten Aktenkoffer, zieht eines seiner guten Jacketts an und und geht zu Fuß zum örtlichen Job-Club. Das Ladenbüro liegt an einer Hauptverkehrsstraße, über der Fensterfront steht "best-ager-50plus".

Höffken ist gelernter Bauingenieur, mit 54 wurde er arbeitslos, sechs Jahre ist das her. Nun hat die Arbeitsagentur ihm vorgeschlagen, beim Job-Club für über 50-Jährige eine Eingliederungsvereinbarung zu unterschreiben. Sie soll gewährleisten, dass Höffken nicht untätig auf die Rente wartet, aber das hat er gar nicht vor. "Ich bin ein Mensch, der immer nach Lösungen sucht", sagt er. Den Zweifel lächelt er weg.

Weiter im Osten, in der Hauptstadt, laufen derweil die Vorbereitungen für einen Staatsakt. Der Bundespräsident wird sprechen, es wird um die Leistungen der Deutschen gehen und die kommenden Herausforderungen, besonders die wirtschaftlichen.

Anlass ist das Geburtsjahr der Bundesrepublik, sie wird in diesem Jahr 60. Genau wie Wolfgang Reitzle, der Top-Manager, und Heinz Höffken, der Hartz-IV-Empfänger.

60 Jahre nach ihrer Gründung sind die sozialen Gegensätze in der Bundesrepublik so groß wie nie. Die Mittelschicht, früher die tragende Säule der Gesellschaft, bröckelt zusehends weg. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer weiter.

Heute besitzen die obersten zehn Prozent der Deutschen rund 60 Prozent aller Vermögenswerte, während 6,8 Millionen Menschen Hartz IV beziehen. Durch die Wirtschaftskrise werden das noch mehr, Experten rechnen für 2010 mit einem Anstieg der Arbeitslosenzahl auf über fünf Millionen.

Die Gesellschaft in Deutschland driftet auseinander, und Wolfgang Reitzle und Heinz Höffken verkörpern die Extreme.

Als Vorstandsvorsitzender der Linde AG verdiente Reitzle inklusive Boni und Aktienoptionen im vergangenen Jahr acht Millionen Euro. Höffken bekommt von der Arbeitsagentur monatlich 351 Euro, den Regelsatz des Arbeitslosengeldes II, plus Kosten für die Unterkunft.

Wolfgang Reitzle und Heinz Höffken sind sich nie begegnet, sie haben unterschiedliche Leben gelebt und sich in verschiedenen Nischen der Gesellschaft eingerichtet. Auf den ersten Blick sehen sie sich nicht unähnlich, beide tragen rahmenlose Brillen und ergraute Schnurrbärte, aber das ist natürlich Zufall. Die entscheidende Gemeinsamkeit zwischen Reitzle, dem Top-Manager, und Höffken, dem Hartz-IV-Empfänger, ist ihr Geburtsjahr: 1949. Und das Versprechen, das ihnen in die Wiege gelegt wurde damals, im Gründungsjahr der Bundesrepublik.

1949 - alles auf Anfang

Am 23. Mai 1949 wird das Grundgesetz verkündet, es ist die Wiedergeburt der Demokratie in Deutschland. Jeder hat ein Recht auf Teilhabe, jede Stimme zählt gleich viel, jeder hat die gleichen Chancen - das sind die Ideen dieser Staatsform.

Konrad Adenauer bei der Unterzeichnung des Grundgesetzes: Jeder hat dieselben Chancen, jede Stimme zählt gleich viel

Konrad Adenauer bei der Unterzeichnung des Grundgesetzes: Jeder hat dieselben Chancen, jede Stimme zählt gleich viel

Foto: AP

"Das Streben nach sozialer Gerechtigkeit wird der oberste Leitstern bei unserer gesamten Arbeit sein", sagt Bundeskanzler Konrad Adenauer in seiner ersten Regierungserklärung. Dem Fleißigen und Tüchtigen sollen alle Türen offen stehen. "Auf die Betonung dieser Aufstiegsmöglichkeiten legen wir den größten Wert."

Maria und Hans Reitzle bekommen am 7. März 1949 im bayerischen Neu-Ulm ihren ersten Sohn, Wolfgang. Seine Eltern kommen aus kinderreichen Bauernfamilien, doch sie sind nicht die Erstgeborenen, also nicht als Erben ihrer Höfe vorgesehen. Die Reitzles wissen, dass sie selbst etwas aus ihrem Leben machen müssen, mit Fleiß, aus dem Nichts heraus.

Der gelernte Kaufmann Hans Reitzle macht sich in Ulm selbständig, er vertreibt Lacke. Die Geschäfte laufen gut. Bald bauen die Reitzles ein Haus in einer schwäbischen Mittelschichtgegend und bekommen den zweiten Sohn. Man lebt in bescheidenem Wohlstand, und es geht stetig aufwärts. Die Kinder freuen sich an jedem Festtag über moderneres Spielzeug, teurere Kleidung oder ein schöneres Fahrrad. "Es ging uns jedes Jahr besser", sagt Wolfgang Reitzle.

Alles muss wieder aufgebaut werden nach dem Krieg, und so brummt die deutsche Ökonomie. In den fünfziger Jahren verdoppelt sich das Bruttosozialprodukt. Die Wirtschaftsleistung wächst im Schnitt um acht Prozent pro Jahr. Ab 1960 herrscht Vollbeschäftigung. Die Wirtschaftswunderjahre befeuern zunächst auch das Ruhrgebiet. Die Nachkriegsindustrie giert nach den Gütern der Zechen und Stahlwerke.

Auch Heinz Höffken, geboren am 20. Juni 1949 in Oberhausen, verbringt die ersten Jahre in einer prosperierenden Welt. Die Großväter schafften im Bergbau, sein Vater arbeitet als Bautechniker beim Turbinenhersteller Babcock. Es scheint ein Job auf Lebenszeit zu sein. Die Familie wohnt im Eigenheim mit Garten, auch hier herrschen bescheidener Wohlstand und der Glaube, mit Fleiß und ehrlicher Arbeit auf der Gewinnerseite stehen zu können, für immer.

Was macht ein Leben erfolgreich in Deutschland? Was bringt den einen in die Chefetage und den anderen zum Job-Club? Ist es die Begabung, der Name, die Leistung? Ist es der Wille? Was begrenzt die Chancen? Und welche Rolle spielt das Glück? Heute sind Herkunft und Bildung entscheidend, sagen Soziologen. Das Milieu, aus dem jemand stammt, zeichnet den Lebensweg in vielen Fällen vor. Akademikerkinder, so belegen es Studien, werden meist Akademiker, Arbeiterkinder nicht.

Und damals?

Fünziger Jahre - Start in die Zukunft

Wolfgang Reitzle und Heinz Höffken entstammen beide der Mittelschicht, die ihnen vorgelebten Werte ähneln sich. In der Schule schlagen sich beide gut, doch Reitzle hat einen Bonus: Sein Vater ist so etwas wie sein Coach. "Sein wichtigstes Ziel war eine gute Ausbildung für mich und meinen Bruder", sagt Reitzle.

Wirtschaftswunderland BRD: "Der Ehrgeiz kam aus mir selbst heraus"

Wirtschaftswunderland BRD: "Der Ehrgeiz kam aus mir selbst heraus"

Foto: DPA

An den Wochenenden unternimmt sein Vater mit ihm lange Wanderungen, auf denen die schulischen Ziele besprochen werden. Für gute Noten bekommt Wolfgang Anerkennung. "Der Ehrgeiz kam dann aus mir selbst heraus." Dass Wolfgang aufs Gymnasium geht, steht außer Frage. Er ist naturwissenschaftlich begabt und macht ein gutes Abitur. Die Wahl des Studiengangs, Maschinenbau an der TU München, trifft er gemeinsam mit seinem Vater.

Auch die Höffkens freuen sich über gute Leistungen des Sohns, "aber die haben mich laufen lassen", sagt Heinz Höffken. "Es hieß immer: Der macht dat schon." Der Vater, im Krieg an der Front, hat mit seinen Erinnerungen zu kämpfen. Er spricht nicht darüber. Er trinkt. Der Sohn holt ihn oft aus der Kneipe. Mit 13 verlässt Heinz die Volksschule, er fängt eine Lehre bei Babcock an, wo schon sein Vater arbeitet. Doch etwas hat sich verändert im Ruhrgebiet.

Die Wirtschaft wächst nicht mehr wie in den Fünfzigern, die Nachfrage nach deutscher Kohle sinkt. Die Stimmung wird gedrückter, es gibt Entlassungen, Suizide. "Als die ersten Zechen schlossen, hab ich die stärksten Kerle weinen sehen", sagt Höffken. "Das hat mich geprägt."

Schon als Teenager erkennt Heinz Höffken, dass das Versprechen vom Aufstieg brüchig ist. Der Strukturwandel beginnt, ihn vor sich herzutreiben. Als die Wirtschaft in Deutschland anfängt zu stottern und die Arbeitslosenquote gegen Ende der sechziger Jahre steigt, befördert das eine Diskussion über Chancengleichheit. Der zweite Bildungsweg wird eingeführt. Er soll die Gesellschaft durchlässiger machen und die Abgehängten einfangen, er ist die Neuauflage des Gerechtigkeitsversprechens.

Mach' deinen Bauingenieur, sagen die Kollegen bei Babcock zu ihrem Lehrling Heinz. 1967 geht er wieder zur Schule, schafft das Fachabitur und beginnt das Studium zum Bauingenieur und Architekten an der Fachhochschule Essen.

Sechziger Jahre - die große Schlacht

Während Wolfgang Reitzle und Heinz Höffken studieren, tobt an den Hochschulen der Krieg der Generationen und Ideologien. Jung gegen Alt, Demokraten gegen Alt-Nazis, das ganze Gesellschaftssystem steht in Frage. Doch längst nicht alle Studenten fühlen sich als Teil der Bewegung.

Studentenführer Dutschke: Gegen alles protestiert

Studentenführer Dutschke: Gegen alles protestiert

Foto: AP

Reitzle und Höffken kämpfen in der großen Schlacht um Gerechtigkeit in gegnerischen Lagern. Reitzle sagt: "Ich wollte etwas leisten. Ich konnte das alles überhaupt nicht nachvollziehen. Ich wollte möglichst schnell studieren und Geld verdienen." Student Reitzle geht an den Streikposten vorbei in seine Vorlesungen, er sagt, er habe in vier Jahren keine einzige verpasst. 1971 macht er sein Ingenieursdiplom, mit 22, er ist der jüngste TU-Absolvent aller Zeiten.

Höffken sagt: "Ich bin ein 68er. Wir haben ja gegen alles protestiert. Die Banken waren scheiße, die großen Betriebe waren scheiße. Durch unsere Streiks ging's ja erst los mit den ganzen Diskussionen, dass die Gesellschaft sich verändern muss." Student Höffken trägt die Haare lang, mischt beim Asta mit und demonstriert für mehr Bafög. Als er 1975 als graduierter Bauingenieur abschließt, hat Wolfgang Reitzle bereits ein zweites Diplom als Wirtschaftsingenieur und "Summa cum laude" promoviert. Zwei Jahre später, mit 28, ist er Abteilungsleiter bei BMW.

Konsolidierung und erste Risse, Internet-Hype und 9/11

Heinz Höffken, inzwischen verheiratet und Vater einer Tochter, macht sich selbständig als Bauingenieur und Architekt. Ein paar Jahre läuft es gut, aber auf die Ölkrise von 1973 folgt in Deutschland eine Rezession. Die Lage der Baubranche verschlechtert sich. Höffkens Aufträge schwinden.

Rezession in Deutschland, 11. September: Bescheidener Wohlstand

Rezession in Deutschland, 11. September: Bescheidener Wohlstand

Foto: AP; DPA; REUTERS; AFP

Wieder flieht er vor dem Wandel, 1983 rettet er sich ins Finanzwesen und wird Gutachter für Immobilien bei der Lübecker Hypothekenbank, Dienstsitz Düsseldorf. Ein paar Jahre bescheidener Wohlstand, die Höffkens haben drei Kinder und leben im geerbten, hellblau gestrichenen Reihenhaus des Großvaters, der einst in der Zeche die Kohle barg.

Wolfgang Reitzle heiratet ebenfalls und wird Vater von zwei Töchtern. 1985 wird er Generalbevollmächtigter der BMW AG, 1987 Vorstandsmitglied.

Anfang der Neunziger verändert sich Höffkens Arbeitswelt: Bankenfusionen, der nächste Wandel. Höffken ahnt, dass sein Arbeitsplatz gefährdet ist. 1994 verlässt er die Lübecker Hypothekenbank, 1995 fängt er als Gutachter bei der Süddeutschen Bodenkreditbank an. Da geht es gerade mal wieder aufwärts im Land.

Denn Ende der neunziger Jahre erlebt die deutsche Wirtschaft einen Hype, die New Economy berauscht alle. Dann folgt der Kater. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 läuten eine Zeitenwende ein, auch an den Börsen. Nachdem die Internet-Blase geplatzt ist, klettern in Deutschland die Arbeitslosenzahlen nach oben. Der demografische Wandel belastet die Sozialsysteme immer stärker. Die rot-grüne Bundesregierung unter Gerhard Schröder erschafft die einschneidendsten Arbeitsmarktreformen in der Geschichte der Republik.

Heinz Höffkens Dienststelle verändert sich Ende 2001 aufgrund eines internen Strukturwandels, er ist jetzt Angestellter der Real Estate Bank, Dienstsitz immer noch Düsseldorf. 2003 verkündet Kanzler Schröder die Agenda 2010. Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe werden zusammengelegt, die Botschaft lautet: Transferleistungen runter, Eigenverantwortung rauf.

Im selben Jahr wird Wolfgang Reitzle nach einem Zwischenstopp bei Ford Vorstandsvorsitzender der Linde AG.

Die Real Estate schließt einige ihrer Geschäftsstellen, auch die in Düsseldorf. Heinz Höffken bekommt eine Abfindung und wird arbeitslos.

2005 bereitet Linde unter Reitzles Regie die Übernahme des britischen Gaslieferanten BOC vor und wird damit international zum Marktführer.

Heinz Höffken verliert 2005 den Anspruch auf das Arbeitslosengeld I. Er bekommt jetzt Hartz IV.

2005 bis 2009 - Kampf um Gerechtigkeit

Die neue Bundeskanzlerin Angela Merkel sagt in ihrer ersten Regierungserklärung im November 2005: "Ich möchte Kanzler Schröder ganz persönlich danken, dass er mit der Agenda 2010 mutig und entschlossen eine Tür aufgestoßen hat, eine Tür zu Reformen, und dass er die Agenda gegen Widerstände durchgesetzt hat."

Hartz-IV-Demonstration in Hamburg: Ist Deutschland ein gerechtes Land?

Hartz-IV-Demonstration in Hamburg: Ist Deutschland ein gerechtes Land?

Foto: DPA

Heinz Höffken will arbeiten. Motivation sei noch nie sein Problem gewesen, sagt er. Höffken schreibt Bewerbungen, bekommt aber nur Absagen. Eigentlich ist er ein lebenslustiger Typ, er will sich den Frust nicht anmerken lassen, er frisst ihn in sich hinein und wird dick. Heinz Höffken, der Triathlet, der noch mit Ende fünfzig die 1000 Meter in 22 Minuten schwimmt, schwillt zwischenzeitlich an auf 105 Kilo.

Finanziell wird es immer enger. Die letzte Urlaubsreise mit seiner Frau hat Höffken 2002 gemacht, seinen alten VW Passat hat er abgegeben, die Reparatur wäre zu teuer gewesen. Neue Kleidung kauft er schon seit Jahren nicht mehr. Mit den Sachbearbeitern der Arbeitsagentur Oberhausen liegt Höffken im Dauerclinch. Formulare seien verschlampt worden, sagt er, außerdem bekomme er im Monat 150 Euro zu wenig.

Einmal sei er so in Rage gewesen im Amt, dass er dort einen Schreibtisch umgeworfen habe. Höffken wehrt sich gegen die Bürokratie, er will haben, was ihm vom Gesetz her zusteht, wenigstens das.

Heinz Höffken, der Akademiker, hilft nun auch anderen Hartz-IV-Empfängern mit ihren Formularen. Das ist jetzt sein Kampf um Gerechtigkeit. Ist Deutschland ein gerechtes Land? "Nein", sagt Höffken in einem Straßencafé in der tristen Fußgängerzone von Gelsenkirchen. "Vor allem nicht für die jungen Leute. Meine Kinder müssen Studiengebühren zahlen. Das kann sich nicht jeder leisten. Sowas ist doch nicht gerecht."

Höffken geht es nicht ausschließlich um Verteilungsgerechtigkeit, er sagt, er würde nie die Linkspartei wählen, eher die Grünen oder die FDP. "Ich bin ja nicht für die reine Umverteilung, das ist mir zu platt. Die Manager sollen ruhig ihre Millionen verdienen. Die leisten ja auch was."

Wolfgang Reitzle ist zurückgekehrt zum Ursprung seiner Karriere. Er ist Honorarprofessor an der TU München, an einem Mittwoch im Frühsommer hält er eine Vorlesung in Hörsaal 0602, Thema: Strategisches Management.

Vor 120 Studenten doziert er, wie man ein Unternehmen erfolgreich macht, als Fallbeispiel dient die Umstrukturierung der Linde AG seit 2003. Reitzle ist das Vorbild.

Wie immer trägt er einen perfekt sitzenden Anzug und ein Hemd, auf dem seine Initialen eingestickt sind. Edle Dinge bedeuten ihm etwas, auch aus einer sozialen Perspektive heraus. Vor ein paar Jahren hat er ein Buch geschrieben mit dem Titel: "Luxus schafft Wohlstand". Es basiert auf der Idee, dass durch die Gier aller nach mehr ganz automatisch etwas abfällt für die gesamte Gesellschaft. Die Idee ist der Stützpfeiler eines Gedankengebäudes, das vergangenen Herbst unter der globalen Finanzkrise zusammengebrochen ist.

Reitzle kann nicht vorhersagen, welche neue Idee aus den Ruinen entstehen wird und wie es mit Deutschland weiter geht. Er weiß nur, dass es nicht mehr aufwärts geht. "2007 war das letzte Jahr des immer größer, schneller, mehr", sagt er nach der Vorlesung in einer Ecke des Hörsaals. "Der Herbst 2008 war die beispiellose Zäsur."

Ist Deutschland ein gerechtes Land? "Ja", sagt Reitzle. "Ich habe wenig Verständnis dafür, wenn behauptet wird, es gebe in Deutschland keine Chancengleichheit. Es ist heutzutage in Deutschland selbstverständlich, dass Kinder aus einem Arbeiterhaushalt die Möglichkeit haben, zu studieren. Man kann in diesem Land auch aus einfachen Verhältnissen eigentlich alles werden. Was die Rahmenbedingungen angeht, kann heute jeder eine erfolgreiche Laufbahn einschlagen wie ich."

Was rät Reitzle einem arbeitslosen, fast 60-jährigen Bauingenieur? "Wenn einer nach jahrelanger, guter Arbeit seinen Job verliert, hat er mein vollstes Mitgefühl. Aber er muss sich auch bemühen, wieder in den Arbeitsmarkt zu gelangen. Und wenn er in seinem Beruf nichts findet, muss er flexibel sein." In der Woche, in der Reitzle in München seine Vorlesung hält, findet im Wissenschaftspark in Gelsenkirchen eine Jobbörse für über 50-Jährige aus der Baubranche statt.

Juni 2009 - wie es jetzt weiter geht

Der Job-Club Oberhausen hat Heinz Höffken aufgefordert, die Börse zu besuchen, es ist der erste derartige Termin nach sechs Wochen bei den "Best Agers". Im Foyer des Parkgebäudes haben sechs niederländische Firmen ihre Stände aufgebaut. Rund 150 ältere Arbeitsuchende stehen in Trauben herum.

Martin Weiland, ein Hüne vom Bundesarbeitsministerium, ist extra vorbeigekommen, um die Messe zu eröffnen. "Was vereint die heutige Veranstaltung mit DSDS und ,Germany's Next Topmodel'?", fragt Weiland und antwortet selbst: "Es geht immer darum, Talente zu finden!"

Heinz Höffken hat wieder eines seiner guten Jacketts angezogen und einen Schlips umgebunden, im Aktenkoffer steckt sein Lebenslauf. Höffken hofft, vielleicht einen Job als Bauleiter zu bekommen. Er stellt sich in Schlangen und spricht an verschiedenen Ständen vor. Die Talentsucher, die alle von niederländischen Zeitarbeitsfirmen kommen, wollen Maurer, Dachdecker, Klempner. Höffken ist überqualifiziert und zu alt.

"Die haben alle schon einen wie mich", sagt er, "bloß in jünger." Höffken packt die Klarsichthülle mit dem Lebenslauf wieder ein und drückt die Schlösser seines Aktenkoffers zu. Den Gratiskugelschreiber, den er zum Abschied angeboten bekommt, lässt er liegen.

Seit 2005 läuft das Bundesprogramm "Perspektive 50plus". Bislang fand nur rund ein Viertel der älteren Langzeitarbeitslosen dadurch Jobs, zur Hälfte befristete Stellen. Akademiker waren kaum dabei, Martin Weiland sagt, Besserqualifizierte seien noch schlechter zu vermitteln. Für viele sei es nicht einfach, heute 60 zu werden in Deutschland.

Wolfgang Reitzle hat seinen 60. Geburtstag nicht groß gefeiert. Er hat sich getroffen mit dem besten Freund, einem Verhaltenstherapeuten, und eine Flasche Rotwein geöffnet, Jahrgang 1949, ein Geschenk zum Fünfzigsten. Reitzle hat mit seinem Freund auf sein Leben zurückgeblickt und visualisiert, was jetzt noch kommt. Die Firma in gutem Zustand übergeben, mehr work-life-balance haben, mehr Zeit für seine zweite Frau Nina Ruge und fürs Golfen.

Heinz Höffken hat seinen 60. Geburtstag auch nicht groß gefeiert. "Kein Geld", sagt er. Seine Familie hat ein Dutzend Freunde in den Partykeller eingeladen, sie sollten Höffken ein bisschen aufheitern. Es gab Bier, ein paar Geschenke. Von seinem Bundesland bekommt Höffken auch etwas. Nordrhein-Westfalen bietet allen 60-Jährigen das sogenannte "Bärenticket" an, damit kann Höffken für 60 Euro im Monat den gesamten öffentlichen Nahverkehr benutzen. "Freies Fahren. Dafür haben sich die 68er eingesetzt. Hat sich dann ja erfüllt", sagt er. Es klingt nach einem kleinen Sieg.

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