9/11-Überlebende "Staubfrau" Marcy Borders stirbt an Krebs

Das staubbedeckte Gesicht von Marcy Borders war eins der eindrücklichsten Bilder nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center. Es folgte ein Leben voller Drogen und Ängste. Jetzt ist die 42-Jährige an ihrer Krebserkrankung gestorben.

Marcy Borders am 11. September 2001 in New York: Als "Staubfrau" weltweit bekannt
AFP

Marcy Borders am 11. September 2001 in New York: Als "Staubfrau" weltweit bekannt


Wie kann man eine Katastrophe von unermesslichem Ausmaß begreifen? Wie den Schrecken vermitteln, der sich an jenem 11. September 2001 in New York abspielte, als zwei Flugzeuge in das World Trade Center flogen? Oft sagen Bilder mehr als alles andere. Und eines der berühmtesten Bilder, das sich ins kollektive Gedächtnis einbrannte, zeigt Marcy Borders, besser bekannt als "Staubfrau".

Borders wuchs in der ärmlichen Stadt Bayonne in New Jersey auf. Sie arbeitete als Sekretärin bei der Bank of America, ihr Schreibtisch stand im Nordturm des World Trade Centers, im 81. Stockwerk. Borders war 28 Jahre alt und gerade einen Monat bei der Bank beschäftigt, als das Attentat geschah.

"Ich hörte diese Explosion", sagte sie vor drei Jahren in einem Videointerview mit Mike McGregor. Ihr Vorgesetzter habe den Angestellten geraten, sitzen zu bleiben und Ruhe zu bewahren. Doch sie habe gespürt, dass dies kein harmloser Zwischenfall sei. "So wie das Gebäude gewackelt hat, konnte ich nicht einfach ruhig sitzenbleiben." Sie rannte los.

Die Entstehung des legendären Fotos

Für die 81 Stockwerke brauchte Borders fast eine Stunde, so schilderte sie es später in mehreren Interviews. Sie bahnte sich ihren Weg durchs Treppenhaus, vorbei an verletzten, blutenden, toten Menschen. Als sie das Gebäude endlich verließ, dauerte es bloß wenige Minuten - dann stürzte der Nordturm in sich zusammen.

Borders war im Freien, doch jedes Mal beim Einatmen sei ihr Mund voller Staub und Rauch gewesen, sagte sie im Video. Sie habe laut geschrien: "Ich will nicht sterben, ich will nicht sterben." Dann habe sie ein Fremder am Arm gepackt. Zunächst sei sie unsicher gewesen. "Was tun Sie? Wo bringen Sie mich hin?", habe sie ihn gefragt. Seine Antwort: "In Sicherheit".

Tatsächlich führte der Mann Borders zu einem nahegelegenen Hauseingang. "Da muss das Foto entstanden sein." Borders ist darauf von Kopf bis Fuß mit Asche bedeckt, die Verzweiflung ist ihr überdeutlich anzusehen. "Mein Bild ist weltweit bekannt als 'Staubfrau'."

Knapp 3000 Menschen starben im World Trade Center, Borders überlebte. Doch zwischenzeitlich wünschte sie sich, es wäre anders gekommen. In zahlreichen Interviews schilderte sie, wie schwer die Jahre nach 9/11 für sie waren: Sie litt unter Depressionen, fing an zu trinken, später kamen Drogen hinzu. Sie konnte das Haus nicht mehr verlassen, zu groß war ihre Angst vor der Welt. Beim Lärm von Flugzeugen schreckte sie zusammen. Beim Anblick von Menschen auf Häusern dachte sie, die Terroristen hätten jemanden geschickt, um sie doch noch zu töten.

Sie habe nach den Anschlägen keinen Tag gearbeitet, sagte Borders. Die Rechnungen für sie und ihre beiden Kinder habe ihre Mutter übernommen. Eine Entschädigungszahlung habe sie nicht bekommen - denn offiziell habe sie nicht als Opfer gezählt. Erst 2012 teilte der Verwalter des Entschädigungsfonds mit, dass künftig auch krebskranke Opfer der Anschläge entschädigt werden sollen. "Ich werde dafür bestraft, dass ich überlebt habe", sagte Borders 2002 der "Bild am Sonntag". "Man muss wohl tot oder die Witwe eines Feuerwehrmanns sein, um Hilfe zu bekommen."

Marcy Borders 2002 in Bayonne, New Jersey
Getty Images

Marcy Borders 2002 in Bayonne, New Jersey

Der Tiefpunkt war erreicht, als Borders das Sorgerecht für ihre beiden Kinder verlor. 2011 ging sie in eine Entzugsklinik, offenbar mit Erfolg.

Borders berappelte sich. Sie nahm wieder an Gewicht zu. Sie lebte gesünder. Ihre Kinder durften wieder bei ihr wohnen. Sie half einem Lokalpolitiker bei seiner Kampagne. Doch im Sommer 2014 sagten Ärzte ihr, sie sei an Magenkrebs erkrankt. So berichtete sie es im November der Zeitung "The Jersey Journal". Für Borders war die Ursache klar: "Ich fragte mich: Hat diese Sache Krebszellen in mir verursacht? Ich bin davon überzeugt, denn vorher war ich nie krank." Sie habe keinen hohen Blutdruck, keine hohen Cholesterinwerte und leide nicht an Diabetes. "Wie passiert das: An einem Tag bist du gesund, und am nächsten wachst du mit Krebs auf?"

Damals sprach die Zeitung Borders auch auf das berühmte Foto an. Sie versuche, es sich nicht allzu oft anzusehen, sagte sie. "Ich will kein Opfer mehr sein. Sondern Überlebende."

"Meine Heldin"

Nun ist Borders im Alter von 42 Jahren gestorben. Auf Facebook schrieb ihr Bruder: "Ich kann nicht glauben, dass meine Schwester von uns gegangen ist." Ihr Cousin äußerte sich ebenfalls auf Facebook. Borders sei einer Krankheit erlegen, die ihren Körper seit 9/11 beherrscht habe. New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio twitterte: "Marcy Borders' Tod ist eine schwierige Erinnerung an die Tragödie, die unsere Stadt vor fast 14 Jahren durchgemacht hat."

Borders Tochter sprach mit der "New York Post" über den Tod ihrer Mutter. "Meine Mom hat einen großartigen Kampf gekämpft", sagte sie. "Sie ist nicht nur die 'Staubfrau'. Sie ist auch meine Heldin."

Mein Leben nach 9/11

Was der 11. September 2001 verändert hat - Betroffene berichten

aar

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Seite 1
stand.40 26.08.2015
1. Für diese
arme Frau war das Leben nach dem Anschlag in Krankheit gewandelt. Warum keine Entschädigung ?Wie ungerecht. Vielleicht sollten Verantwortliche den Kindern nach dem Verlust der Mutter eine Entschädigung bewilligen.Dann wäre ein Teil des Dramas ein bischen Gerechtigkeit gegeben.
sitting-bull 26.08.2015
2. Tausende Ersthelfer und Anwohner betroffen
Leider berichten die Medien nur wenig bis gar nicht über das Thema. Ersthelfer sterben wie die Fliegen weg (John Feal gibt regelmäßig Todesdaten via Facebook bekannt) an Lungenkrankheiten oder Krebs. Wie gefährlich der Staub nun wirklich war und warum. Via Belfor: "Datenzentren mit teilweise mehr als 2.000 Quadratmetern Bürofläche, ausgestattet mit hunderten Computern, Netzwerk- und Telekommunikationsausrüstungen, waren mit einer dicken Schicht Zementstaub voller giftiger Substanzen bedeckt, darunter Asbest, Quecksilber und Dioxine. Die Analyse der Verunreinigungen erwies sich als überaus kompliziert. Die Explosionen und der spätere Zusammenbruch der Türme waren derartig gewaltig gewesen, dass vieles pulverisiert worden war. Dieses kleinteilige Pulver verfälschte zum Teil sogar Testergebnisse, weil etwa Asbestfasern zu Asbestteilchen komprimiert worden waren." Via Kevin Ryan: Die 9/11 Ersthelfer leiden an einer Reihe von verschiedenen Krankheiten, von denen einige selten in der allgemeinen Bevölkerung sind. Einige der Krankheiten kann man auf den hohen pH-Wert des WTC-Staub zurückführen. Wir wissen vom Ausmaß des pH-Problems dank des WPA Whistleblower Dr. Cate Jenkins. [1] Die sehr hohen pH-Werte im Staub, welcher von 9/11 Ersthelfern eingeatmet wurde, sind eine wahrscheinliche Ursache für die allgemeine Verschlechterung der Lunge und ihrer Funktion, wegen ihrer ätzenden Eigenschaft. Wie Dr. Jenkins schrieb: "Die Korrosivität würde direkt in den Atmungsorganen Verätzungen verursachen, und würde auch die toxischen Eigenschaften von anderen Schadstoffen aus dem WTC durch Erleichterung ihres Eintretens in den Körper über die Atemwege erhöht haben." Zu den häufig beobachteten Krankheitssymptomen unter Ersthelfern gehört das Reaktive-Atemweg-Dysfunktion-Syndrom (RADS), durch Einwirkung von hohen Konzentrationen von ätzenden Reizstoffen und metallischen Stäuben verursacht; obere Atemwegs-Erkrankungen wie Sinusitis und Laryngitis; und untere Atemwege betreffend wie Asthma und das, was als World Trade Center Husten bekannt ist. Weniger verstanden und noch weitere Studien sind nötig für ungewöhnliche Krankheiten des Immunsystems, die häufig bei den WTC-Ersthelfern beobachtet werden.·Diese umfassen verschiedene Arten von interstitiellen Lungenerkrankungen, wie z. B. eosinophile Pneumonie, granulomatöse Pneumonitis und bronchiale Obliterans.
lex1976 26.08.2015
3.
Milliarden Dollar an Spenden und Versehrte gehen leer aus. Eine Schande. Aber eine BIllion Dollar für 2 Kriege war da.
kulinux 26.08.2015
4. Nur zur Erinnerung
In "Sicko" bringt Michael Moore einige Opfer des 9/11-Staubs nach Havanna, wo ihnen umstandslos medizinisch geholfen und dieselben Medikamente für eine Spottpreis zur Verfügung gestellt werden, für die sie in den USA Hunderte $ wöchentlich ausgeben mussten (was sie nur selten von den Krankenkassen bezahlt bekamen). Zum "Dank" hat die USA seit 2006 ein Programm um kubanische Ärzte, die außerhalb Kubas zu Hilfseinsätzen arbeiten (z.B. in Venezuela) abzuwerben, indem ihnen traumhafte Job-Bedingungen in den USA versprochen werden. Dumm nur, dass viele davon dann mehrere Monate ohne Geld oder sonstige Absicherung z.B. in Kolumbien auf die Einreisebewilligung für die USA warten müssen und dort nicht die versprochenen Jobs erhalten. Was für ein krankes System, oder? Aber dass es Menschen (absichtlich) tötet, hat ja sogar der Papst schon eingesehen … PS: Lassen sich eigentlich alle Bestandteile des Staubs (von dem ja Proben genommen wurden –der aber von der Regierung offiziell und wider besseres Wissen!) als "ungefährlich" bezeichnet wurde, durch das offizielle Anschlagsszenario erklären? M.W. gibt es bis heute z.B. keine Antwort auf das im Staub gefundene "Nano-Thermit", welches nicht "natürlich" entstehen kann und daher Beleg für eine andere als die offizielle Verschwörungstheorie wäre …
hordef 26.08.2015
5. schon traurig,
dass sich NYC und die USA so schäbig verhalten haben. Wie viel der Überlebenden sind eigentlich an Krebs gestorben - hier muss es eine erschreckende Statistik geben. R.i.P.
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