Proteste gegen Rodungen für Autobahn 49 "Wald statt Asphalt"

In Hessen haben die Rodungen für die letzten Teilstücke der umstrittenen Autobahn A49 begonnen. Die Polizei richtet sich auf lange Auseinandersetzungen mit Waldbesetzern ein.
Polizei im Herrenwald: Möglicherweise stehen monatelange Auseinandersetzungen bevor

Polizei im Herrenwald: Möglicherweise stehen monatelange Auseinandersetzungen bevor

Foto: Matthias Bartsch/ DER SPIEGEL

Gegen 6 Uhr morgens waren schon mehrere Hundert Polizistinnen und Polizisten aus einer Bundeswehrkaserne im mittelhessischen Stadtallendorf ausgerückt. Sie parkten ihre Einsatzwagen am nordöstlichen Rand der Stadt, sicherten ein Waldstück mit rot-weißem Flatterband und umstellten drei improvisierte Baumhäuser, auf denen zu diesem Zeitpunkt etwa zehn Umweltaktivisten ausharrten. Anschließend begleiteten sie Arbeiter mit schwerem Gerät auf das Gelände. Etwa drei Stunden nach Beginn des Einsatzes fielen die ersten Bäume. 

Starke Polizeikräfte aus Hessen, Nordrhein-Westfalen, Bayern sowie Beamte der Bundespolizei sollen den Weiterbau der Autobahn A49 in der Nähe von Gießen und Marburg großräumig sichern. Sie stellen sich, so sagt es eine Polizeisprecherin, auf wochen- oder monatelange Auseinandersetzungen mit Waldbesetzern und Demonstranten ein. Die Umweltaktivisten wollen mindestens bis Ende März auf teilweise mehr als 20 Meter hohen Plattformen in den Baumwipfeln die Stellung halten, danach müssten die Baumfällarbeiten aus Naturschutzgründen bis zum Herbst 2021 unterbrochen werden.

Für den Start der Rodungen haben sich Polizei und Baufirma einen Ort ausgesucht, der verhältnismäßig wenig Widerstand erwarten ließ: Sie begannen nicht im Dannenröder Forst, in dem derzeit mehr als 150 Aktivistinnen und Aktivisten leben sollen. Stattdessen werden die Bäume zuerst in einem weiter nördlich gelegenen Waldstück gefällt, dem Herrenwald bei Stadtallendorf. 

Das "Höheninterventionsteam" im Baumhaus-Einsatz

"Danni bleibt, Wald statt Asphalt", schallt es von den drei Baumhäusern im Wald. "Menschen in den Baumhäusern, ihr seid toll", ruft eine junge Frau von der Absperrung zurück. Unterdessen bereitet sich auf einer Wiese vor dem Wald ein "Höheninterventionsteam" der Polizei auf seinen Einsatz vor. Am späten Nachmittag werden die Baumhäuser geräumt. 

Etwa hundert Meter von den Baumhäusern entfernt blockieren am Mittag etwa 30 Frauen und Männer einen Waldweg, auf dem ein Räumfahrzeug der Polizei zu seinem nächsten Einsatzort fahren will. Die Beamten trennen zunächst einige wenige Demonstranten von der Gruppe ab, dann tragen sie die übrigen nacheinander auf eine Lichtung am Rande des Wegs. Es wird gerufen und protestiert, aber der Einsatz bleibt friedlich. 

"Danni bleibt, Wald statt Asphalt", schallt es von den drei Baumhäusern im Wald

"Danni bleibt, Wald statt Asphalt", schallt es von den drei Baumhäusern im Wald

Foto: Boris Roessler / dpa

Man wolle keine Menschen gefährden, sagt eine Aktivistin, die sich Lola nennt. Sie spricht für ein Bündnis namens "Autokorrektur", das die Waldbesetzer unterstützt. Sie hoffe, dass dies auch für die Polizei so gelte. Man müsse aber damit rechnen, dass die Auseinandersetzungen härter werden, wenn die Rodungen demnächst auch im Dannenröder Wald beginnen, sagt Lola.  

Dieser Forst ist ungefähr 1000 Hektar groß. 27 Hektar davon sollen für die Autobahn gerodet werden. Es handele sich um einen intakten, artenreichen Mischwald mit über 250 Jahre alten Eichen und Buchen, kritisieren Protestcamp-Bewohner, Bürgerinitiativen und Umweltverbände wie der BUND. Zudem gefährde die Betonpiste die Wasserversorgung für Hunderttausende Menschen. Die Region rund um den Herrenwald und den Dannenröder Forst zähle zu den wichtigsten Trinkwasserreservoirs in Hessen. 

Auch deshalb wird um den Bau der A49 schon seit Jahrzehnten gestritten. Die Ausbaugegner nennen die Piste einen "Planungsdinosaurier", der angesichts des Klimawandels weder zeitgemäß noch genehmigungsfähig sei. Die ersten Entwürfe stammen aus den Sechzigerjahren. Immer wieder wurden seitdem Trassen verworfen, verschoben und teilweise neu geplant. 

Auch Befürworter demonstrierten

Mittlerweile ist mehr als die Hälfte der Strecke, die das nordhessische Kassel besser mit der Mitte und dem Süden des Bundeslandes verbinden soll, fertiggestellt oder gerade im Bau. Die Schneisen durch den Herrenwald und den Dannenröder Wald sind Teile der letzten beiden, insgesamt etwa 31 Kilometer langen Bauabschnitte. Der südlichste Teil der Strecke durch den Dannenröder Forst bis zur Autobahn A5 wurde 2012 von den Verkehrsbehörden genehmigt und anschließend von mehreren Gerichten bis zum Bundesverwaltungsgericht bestätigt. Mitte dieses Jahrzehnts soll der Bau abgeschlossen sein. 

Unter den Anliegern in der Region gibt es auch zahlreiche Befürworter der Autobahn. Viele Anwohner, Unternehmen und Kommunen versprechen sich durch die neue Strecke Entlastung vom starken Durchgangsverkehr auf den Bundesstraßen und eine schnellere Verbindung nach Gießen oder in den Großraum Frankfurt. Bei einer Kundgebung mit einigen Hundert Teilnehmern am vergangenen Wochenende bezeichneten sich die Autobahnbefürworter in Stadtallendorf als "schweigende Mehrheit". 

Polizei im Wald bei Stadtallendorf

Polizei im Wald bei Stadtallendorf

Foto: Boris Roessler / dpa

Die Gegner der Piste haben dagegen Unterstützer aus vielen Teilen der Republik. Darunter sind erprobte Waldbesetzer, die schon im Hambacher Forst Barrikaden und Baumhäuser zusammengezimmert hatten. Oder Abiturientinnen wie Lou, so nennt sie sich, die seit Mai im Wald lebt. Mitte September hatte sie mit einem tarnfarbenen Tuch vor dem Mund die hessische Landtagsfraktion der Linken durch die verzweigten Widerstandssiedlungen mit Namen wie "Oben" oder "Unterwex" geführt und vom Leben im Dannenhöfer Wald geschwärmt. Wenn sie morgens aufwache, Vögel zwitschern und den Wind in den Blättern rauschen höre, dann wisse sie, dass sie am richtigen Ort sei, berichtete Lou, der Wald sei ihr "Zuhause". Die Linkenpolitiker überbrachten ihre Solidarität und spendeten Behälter zur Wasseraufbereitung für die Versorgung der Protestcamp-Bewohner. 

Carola Rackete wundert sich über die Grünen

Auch die Menschenrechtsaktivistin Carola Rackete, bekannt geworden als Kapitänin des Rettungsschiffs "Sea Watch 3", hat in einem Baumhaus im Dorfteil "Oben" Quartier bezogen und per Twitter dazu aufgerufen, in den Wald zu kommen, wenn die Räumung beginnt. Es sei ein Unding, dass ein so schöner alter Wald für eine Autobahn fallen solle, sagt Rackete. Sie wundere sich, dass in Hessen die Landesregierung dabei mitspiele, obwohl die Grünen in dem Bundesland mitregierten und sogar den Verkehrsminister stellten. 

Für die Grünen in Hessen hat sich der Streit um den "Danni" tatsächlich zu einem Glaubwürdigkeitsproblem entwickelt. Der grüne Verkehrsminister Tarek Al-Wazir nutzt derzeit jede Gelegenheit, um zu erklären, dass er schon immer gegen die Autobahn gewesen sei und sie nach wie vor ablehne. Nur: Verhindern könne er den Bau nicht mehr. Die Autobahn sei vor seiner Amtszeit mit anderen politischen Mehrheiten beschlossen worden, das Baurecht sei erteilt und von den Gerichten bis in die letzte Instanz genehmigt worden. Auch ein Minister müsse sich schließlich an Recht und Gesetz halten. 

Das sehen nicht alle Grünen so. Die Homberger Stadträtin Barbara Schlemmer, die engen Kontakt zu den Waldbesetzern hält, zeigt sich "tief enttäuscht" von ihrem Parteifreund. "Tarek Al-Wazir müsste mit uns hier im Wald stehen", sagt sie, und eigentlich auch die Bundesvorsitzenden Robert Habeck und Annalena Baerbock. Stattdessen seien die Linken als einzige Partei aus dem Landtag auf der Seite derjenigen, die im "Danni" gegen Naturzerstörung, Klimawandel und eine überholte Verkehrspolitik kämpften. "Für mich ist das ein Skandal", sagt Schlemmer. 

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