Demonstrantin:
"Guckt euch das an! Guckt euch das an! Das ist ne Schande! Mann!"
Es war ein turbulentes Wochenende im oberhessichen Herrenwald. Hier haben die Rodungsarbeiten für den geplanten Ausbau der A49 begonnen. Viele Protestierende waren vor Ort. Die Situation blieb insgesamt friedlich, auch wenn die Emotionen teilweise hochkochten.
Demonstrant:
"Der Staat versagt! Der Staat versagt, checken Sie es nicht? Wir rasen auf eine Klippe zu und der Staat versagt!"
Seit vergangenen Donnerstag ist die Vegetationsphase beendet, nun dürfen wieder Bäume gefällt werden. Am Freitag war die Polizei mit hunderten Einsatzkräften vor Ort und räumte ein besetztes Stück Wald, 20 Aktivisten wurden festgenommen. Dann fielen die ersten Bäume.
Aber auch jetzt stellen sich die Behörden auf wochen- oder monatelange Auseinandersetzung mit Waldbesetzern und Demonstranten ein, hier im Herrenwald, vor allem aber im Dannenröder Forst. Auch dort stehen Rodungen an. All das dient als Vorbereitung für den Weiterbaus der A49 in der Nähe von Gießen und Marburg. Das Projekt soll das nordhessische Kassel besser mit dem Rest des Bundeslandes verbinden. Im Herrenwald soll dafür eine Fläche von 49 Hektar fallen, im Dannenröder Forst 27.
Dagegen demonstrierten am Sonntag nach Angaben der Organisationen mehr als 5000 Menschen, laut Polizei waren es 1500 bis 2000 Teilnehmer. Sie sind empört über die Pläne der Regierung.
Susanne Gellert, Aktionsbündnis "Keine A49!”:
"Diese Trasse, die jetzt geplant ist, ist die letzte Variante, die angedacht wurde von sieben oder acht verschiedenen. Und es ist die schlechteste, weil naturzerstörerischste Variante."
Marion Tieman, Greenpeace, Expertin Mobilität:
"Wenn man sich mal diese Zerstörung anschaut, fragt man sich: Waldschutz ist Klimaschutz, wir brauchen die Wälder, es sind unsere Verbündeten im Kampf gegen die Klimakrise – warum roden wir sie? Gerade jetzt, 2020, wo wir sehen: Es wird immer heißer."
Linda Kobel, Bündnis "Wald Statt Asphalt":
"Wir werden es nicht mehr hinnehmen, dass im Jahr 2020 Wälder für Autobahnen fallen. Wir wollen eine radikale Verkehrswende. Und wenn ihr nicht handelt, werden wir handeln. Das ist eine Message, die bei der schwarz-grünen Regierung immer wieder kommen muss."
Es ist ein Umstand, der das Projekt besonders brisant macht: In Hessen sind die Grünen Teil der Regierung von CDU-Mann Volker Bouffier, stellen sogar den Verkehrsminister: Tarek Al-Wazir. Die Rechtfertigung der Grünen: Das Projekt sei in Zeiten anderer Mehrheitsverhältnisse beschlossen worden – und sei nun nicht mehr zu verhindern.
Carola Rackete sieht das anders. Die Naturschutzökologin, die als Flüchtlingsretterin und Kapitänin der Seawatch 3 bekannt geworden ist, besuchte am Wochenende die Rodungsfläche im Herrenwald und appellierte an die Regierungen in Berlin und Wiesbaden. In der Coronakrise habe man gesehen, dass die Regierung durchaus schnell und effizient auf Probleme reagieren könne.
Carola Rackete, Naturschutzökologin:
"Die Klimakrise und die Biodiversitätskrise werden aber nicht als Krise behandelt und das ist wirklich das große Problem. Da müssen wir wirklich in den Krisenmodus schreiten, was ja möglich ist, und dann die Dinge tun, die notwendig wären: zum Beispiel ein komplettes Moratorium für die Rodung alter Wälder oder ein Moratorium für den Ausbau von solchen unsinnigen Straßenverkehrsprojekten, die vor 40 Jahren geplant wurden."
Die Behörden haben nun bis Ende Februar Zeit, die Rodungen abzuschließen. Dann beginnt die Vegetationsphase wieder und es dürfen keine Bäume mehr gefällt werden. Im September sollen die Bauarbeiten starten.
Aber während im Herrenwald nun bereits einige Hektar gerodet sind, ist der Widerstand im Dannenröder Forst noch größer. Hier sind Teile des betroffenen Waldgebiets noch durch Aktivisten in Baumhäusern besetzt. Mehr als 150 Menschen sollen hier leben. Einige von ihnen sind bereits durch den Protest im Hambacher Wald erprobt. Räumungen haben im Dannenröder Forst noch nicht begonnen. Es wird erwartet, dass die Auseinandersetzungen hier härter werden als die im Herrenwald.