Abschiebungsdrama Der Kampf einer zerrissenen Familie

Seit zweieinhalb Jahren hat Ahmed Siala Frau und Tochter nicht mehr gesehen - beide wurden aus Deutschland in die Türkei abgeschoben. Den Sohn, der dort zur Welt kam, kennt er nicht. Seitdem kämpft Siala um seine Familie - SPIEGEL TV begleitete ihn.


Hildesheim - Gazale Salame ist schwanger, als die Polizei sie und ihre 14 Monate alte Tochter abholt. Sie sollen abgeschoben werden. In die Türkei - ein Land, dessen Sprache Salame nicht spricht, ein Land, dessen Kultur sie nicht kennt. Ihr Mann, Ahmed Siala, bringt gerade die beiden anderen Töchter in Kindergarten und Schule, als sie mitgenommen werden. Er bleibt mit den beiden Mädchen zurück.

Das war im Februar 2005. Seitdem kämpft der Kurde um die Rückkehr von Frau, Tochter und Sohn. Ein Sohn, den er nur von Fotos kennt. Er wurde in der Türkei geboren, nach der Abschiebung. "Ich habe eine große Sehnsucht in meinem Herzen", sagt Siala SPIEGEL TV.

Zuständig für Salames Abschiebung sind die Behörden des Landkreises Hildesheim. Der Vorwurf: Bei ihrer Einreise nach Deutschland habe Salame, damals sieben Jahre alt, falsche Angaben über ihre Identität gemacht. Sie gehört dem arabisch-kurdischen Stamm der Mahalmi an, eine ethnische Minderheit, die ursprünglich in Ostanatolien siedelte und um 1920 in den Libanon auswanderte, um der Zwangstürkisierung durch Mustafa Kemal Atatürk zu entgehen. Rund 60 Jahre später treibt der libanesische Bürgerkrieg Salames Familie über die Türkei nach Deutschland. Der Vater, Sharif, besorgt in Anatolien türkische Pässe, um die Einreise in die Bundesrepublik zu erleichtern. Dort erhalten sie, nicht zuletzt aus humanitären Gründen, ein befristetes Aufenthaltesrecht, werden als Staatenlose aus dem Libanon klassifiziert.

Doch wer einen türkischen Pass besaß, kann nicht staatenlos sein. Zwölf Jahre später entscheidet die Hildesheimer Ausländerbehörde: Sharif Salame ist Türke - und damit auch die Tochter. Salames Aufenthaltsrecht wird nicht verlängert. Am 12. Oktober 2000 erhält sie das Schreiben der Behörde. Sie soll ausgewiesen werden. Am 10. Februar 2005 dann wird sie schließlich abgeholt. "Die Behörde handelte auf der Basis einer Rechtsordnung", sagt Hans-Heinrich Scholz, Hildesheimer Kreisrat, SPIEGEL TV.

Salame lebt nun seit zweieinhalb Jahren mit Tochter und Sohn in Izmir. Ein Bekannter der Eltern hat ihr dort eine Wohnung besorgt. In einer Kiste im Sofa bewahrt sie Fotos und Bilder ihrer Kinder aus Deutschland auf. Mittlerweile sind es viele. Salame hat Türkisch gelernt, zwangsläufig. Mit ihrer Familie in Deutschland telefoniert sie fast täglich. Es ist die einzige Möglichkeit, mit ihren großen Töchtern in Kontakt zu bleiben. Sie streiten zu oft. Salame nimmt Antidepressiva, ist Angaben des niedersächsischen Flüchtlingsrates zufolge stark selbstmordgefährdet. "Ich will nach Hause", sagt sie. Ihr Mann kann sie nicht besuchen. Er hat Angst. Angst davor, dass man ihn dann nicht mehr zurück nach Deutschland lässt.

"Ich träume davon, dass sie wiederkommt"

Denn auch er kommt als Kind staatenloser Bürgerkriegsflüchtlinge nach Deutschland, ist Mahalmi, genau wie Salame. Auch seine Aufenthaltsgenehmigung wird eines Tages nicht mehr verlängert. Auch er soll plötzlich türkischer Staatsbürger sein. Die Behörden verfolgen seinen Familiennamen zurück zu einem Melderegister in Südostanatolien. Der Bescheid über die Ausweisung wird ihm im Oktober 2001 zugestellt.

Sialas Kampf durch die Instanzen, sein Rechtsstreit mit dem Landkreis dauert mittlerweile sechs Jahre. Im Juni 2006 schien die Zusammenführung der Familie zum Greifen nah: Damals hob das Verwaltungsgericht Hannover die Entscheidung des Kreises auf, plädierte für eine Rückkehr Salames und der Kinder, da eine solch lange Trennung nicht mit dem im Grundgesetz garantierten Schutz der Familie vereinbar sei. Doch auf Weisung des Innenministeriums legte der Landkreis Berufung ein. Siala klagte. Anfang Oktober 2007 wies das Oberverwaltungsgericht Lüneburg seine Forderung auf Bleiberecht ab, ließ dem 28-Jährigen jedoch die Möglichkeit der Revision. Als nächstes folgt sein Gang vor das Bundesverwaltungsgericht.

Siala will weiter um das Glück seiner zerrissenen Familie kämpfen. Zerrissen von deutschen Paragrafen, zerrieben zwischen dem, was gesetzlich legitim ist, und dem, was anständig wäre. Zerrissen von Amts wegen. Seine Töchter Amina, 10, und Nura, 8, leben in einem Schwebezustand zwischen Hoffen und Bangen. Amina: "Ich träume davon, dass sie wiederkommt. Und dann wache ich auf, und es ist doch noch nicht echt."

sil



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