Abschied auf der Fanmeile "Klinsi, bleib bei uns!"

"Klinsi"-Banner und Sprechchöre, die Kicker als Rockstars und "Marmor, Stein und Eisen" von DJ Asamoah - nach dem Sieg über Portugal feierte die deutsche Elf euphorisch mit 500.000 Fans auf der Berliner Fanmeile. Es war der letzte Höhepunkt für Fußballdeutschland - und ein Abschied.

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Berlin - Ein großer weißer Gasluftballon fliegt im Himmel. Jemand hat mit Filzstift "Wir brauchen dich, Klinsi" drauf geschrieben. Der Ballon bahnt sich seinen Weg - schwebt übers Brandenburger Tor und verschwindet am Horizont.

Eine halbe Millionen Fußballfans sind ein letztes Mal auf die Berliner Fanmeile zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule gekommen, um Tschüss zu sagen. "Für mich sind die Deutschen die wahren Weltmeister", sagt eine Frau mit Deutschland-Sonnenbrille. Tausende Flaggen wehen in der Luft. Fans haben Banner gemalt - "Danke" steht auf ihnen. "Es ist doch viel schöner, im kleinen Finale zu gewinnen, statt vielleicht im großen zu verlieren", sagt Mark aus Berlin. Der Sieg gegen Portugal gestern habe noch einmal gezeigt: "Die haben richtig Bock auf Fußball, die Deutschen." Gestern, da seien bei ihm auch Tränen geflossen.

Aber die Fans würden wohl auch ohne den Sieg im kleinen Finale vor dem Brandenburger Tor auf ihre Mannschaft warten: Um ein letztes Mal zu jubeln. Und weil sie auf etwas hoffen, das den neuen deutschen Optimismus in den Alltag hinüber rettet: Sie hoffen, dass Klinsmann hier heute seine Entscheidung verkündet, dass er als Bundestrainer weiter macht - der Mann, der aus den deutschen Rumpel-Fußballern eine eingeschworene Truppe und ein Weltklasseteam geformt hat. "Es sind hier die Klinsi-Festspiele", sagt ein Fan aus dem Rheinland.

Eine Gruppe von Teenagern hat sich in schwarz-rot-goldene Tücher gehüllt. "Geh nicht, Klinsi. Bleib bei uns", haben sie in Riesenlettern auf den Stoff gemalt. Flehende Worte, die aber vielleicht nicht viel nützen, ahnt der Berliner Fan Mike Sabrowki. "Ich glaube nicht, dass er bleibt", sagt er. "Was soll er noch erreichen? Er hat schon mehr Euphorie ausgelöst, als man sich hat träumen lassen." Und Klinsi - der sei eben anders als alle anderen - deshalb werde er auch eine Entscheidung treffen, die alle fürchten. "Er wird gehen", sagt Sabrowski.

Klinsmann und die deutsche Nationalmannschaft kommen erst um zwanzig nach zwölf - viele Fans warten schon seit Stunden in der Hitze. Die Kameras der ARD und des ZDF zeigen den Mannschaftsbus, der auf der anderen Seite des Brandenburger Tors geparkt hat. Riesenjubel. Nacheinander kommen die Spieler auf die Bühne. Die Fans singen: "So sehen Sieger aus." Die Sieger, die sie meinen, haben T-Shirts an, auf denen in schwarzrotgold "Danke Deutschland" steht - die Fans haben T-Shirts an, auf denen "Danke. Ihr seid unsere Weltmeister der Herzen" steht. Alle wollen sich hier gegenseitig "Danke" sagen: Für die famosen Spiele, für den dritten Platz, für diese unglaublich tolle WM.

Und dann kommt Klinsmann auf die Bühne. Die Reporter vom Fernsehen hatten die Fans noch einmal eingeschworen, ihn bei seiner Entscheidung, Nationaltrainer zu bleiben, zu bestärken. Aber Klinsmann will die gespannte Fußballnation noch nicht erlösen. "Mächtig, mächtig stolz" sei er auf seine Mannschaft, ruft er der Menge zu. Und Kapitän Michael Ballack assistiert: "Ihr seid die Geilsten."

Die Interviews und die Danksagungen sind vorbei, es ist nun wieder Zeit für Musik. Ein Lied, das in den letzten Wochen immer wieder durch die Stadien schallte: Die WM-Hymne der Münchner Band Sportfreunde Stiller. "54, 74, 90, 2010 werden wir Weltmeister sein", singen Ballack, Poldi, Schweini und die anderen. Die Kameras schwenken auf Klinsmann. Auch er singt mit. Weltmeister 2010, singt er.

Die Fans jubeln unten, die Spieler singen oben. Sie lachen. Sie sind jetzt wie richtige Rockstars. Bastian Schweinsteiger, mit schwarzer Sonnenbrille, versucht sich am Schlagzeug. Poldi singt mit Sportfreunde-Sänger Peter ins Mikro.

Und dann gehen sie wieder - einer nach dem anderen verschwindet von der Bühne. Nur David Odonkor, Gerald Asamoah und Lukas "Poldi" Podolski wollen den Fans noch etwas sagen: "Mamor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht." Sie singen schief. Aber mit viel Herz.



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arte de la comedia, 25.06.2006
1.
---Zitat von sysop--- Deutschland gewinnt, feiert und tanzt. Ausgelassen und euphorisch präsentieren sich die Deutschen in den Tagen der Fußball-Weltmeisterschaft. Ausländische Fans und Beobachter sind überrascht über die Leichtigkeit und Weltoffenheit und revidieren das lange gepflegte Klischee von der "Nation der Nörgler". Was ist typisch deutsch? Zeigen wir jetzt unser* wahres Gesicht *? ---Zitatende--- Hoffentlich hält sich das in Grenzen. Die WM-Schminke möge daher möglichst lange halten...
Gnom, 25.06.2006
2.
---Zitat von sysop--- Deutschland gewinnt, feiert und tanzt. Ausgelassen und euphorisch präsentieren sich die Deutschen in den Tagen der Fußball-Weltmeisterschaft. Ausländische Fans und Beobachter sind überrascht über die Leichtigkeit und Weltoffenheit und revidieren das lange gepflegte Klischee von der "Nation der Nörgler". Was ist typisch deutsch? Zeigen wir jetzt unser wahres Gesicht? ---Zitatende--- Deutschland verliert,...,... Weshalb soll Deutschland die Nation der Nörgler sein?
1ne2wo3hree, 25.06.2006
3.
---Zitat von sysop--- Was ist typisch deutsch? Zeigen wir jetzt unser wahres Gesicht? ---Zitatende--- Na klar. Am Tag danach, wenn der Rausch vorbei ist.
*Sina*, 25.06.2006
4. ich denke nicht ...!
Meiner Ansicht ist Deutschland jetzt in einer Euphorie und in einem Taumel. Nach der WM, wenn wir bewiesen haben, dass wir doch *ironiean* nicht Rassistisch, nörglerisch, unausgeglichen und unfreundlich *inronieaus* sind, wird alles wieder beim alten sein. Ab Juli rechne ich damit das alles wieder zum alten zurück gekehrt wird, denn erst dann können wir Deutsche uns erst wieder normal finden. Es ist wie auf einer Hochzeit, am Tag des Ereignisses kann niemand unsere Laune trüben, von den Feierlichkeiten bleibt am nächsten Tag aber nur der dicke Kopf und die Erkenntnis das es schön war. Man kehrt zu seinem Alltag zurück und gut ist, ganz nach dem Motto: Wir sind deutsche, wir müssen mit einem muren durch die Welt ziehen .... ;-) MfG Sina P.S. bin ja mal gespannt ob dieser Beitrag eingestellt wird. er ist meine Persönliche Meinung und bezieht sich auf diesen Beitrag
Perleberger, 25.06.2006
5.
---Zitat von sysop--- Deutschland gewinnt, feiert und tanzt. Ausgelassen und euphorisch präsentieren sich die Deutschen in den Tagen der Fußball-Weltmeisterschaft. Ausländische Fans und Beobachter sind überrascht über die Leichtigkeit und Weltoffenheit und revidieren das lange gepflegte Klischee von der "Nation der Nörgler". Was ist typisch deutsch? Zeigen wir jetzt unser wahres Gesicht? ---Zitatende--- Nur vorweg: nichts gegen Sport oder Fußball und alle, die daran ihre Freude haben und auch zum Ausdruck bringen, mit und ohne Fahne. Auch in der Hölle oder beim sprichwörtlichen Tanz auf dem Vulkan wird ausgelassen gefeiert. Es ist eine schlichte Erfahrung, dass bei miesen allgemeinen Bedingungen es umso leichter fällt, sich mal ausgelassen über was andereszu freuen als nur die ständigen schlechten Nachrichten sich reinzuziehen. Das ist wie mit dem rheinisch-katholischen Karneval - schön und ausgelassen feiern - wie immer kommt auch hier der Aschermittwoch.
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