Hersteller von Action-Figuren Der Toyboy

Zweibeinige Fleischwölfe und Skelette mit Sensen-Armen: In seinem Keller baut Lucas Rellecke das Spielzeug, vor dem Eltern ihre Kinder warnen. Die Kämpfer spielen "War on Prehis", Frauen sind auch geplant. Was treibt den Familienvater aus Berlin?

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Er ist der Alptraum jedes Pädagogen: Der "Meatgrinder" hat nicht nur zwei Köpfe und vier Augen, die in blutdurstigem Rot leuchten. Auf Brusthöhe der Actionfigur klafft auch ein Loch mit scharfen Kanten. Das soll brutal und gleichzeitig praktisch sein: "Seine Feinde kann der Meatgrinder so gleich zu Nahrung zerkleinern", erklärt Lukas Rellecke.

Die Figur ist aus Plastik, Lebewesen zu Hack zerkleinern kann der zweibeinige Fleischwolf nur in Gewaltphantasien, die besorgte Eltern oftmals in den Köpfen kleiner Jungs vermuten. Rellecke ist ein 32-jähriger Familienvater, der leuchtende Augen bekommt, wenn er über Action-Figuren spricht. Er hat sich den Fleischwolf ausgedacht. In seiner Phantasie treibt der "Meatgrinder" auf dem Planeten "Prehis" in einer weit entfernten Galaxie sein Unwesen.

In seinem Berliner Keller entwickelt Rellecke mit dem Künstler Pablo Perra eigene Action-Figuren. Die beiden erweitern alte No-Name-Kopien von Action-Figuren mit Modelliermasse um Waffen, Köpfe, Zangenhände. Sie stellen dann Silikonformen her, in denen aus Kunstharz Figuren gegossen werden, die vor allem blutrünstig aussehen: Mal gießt Rellecke grüne Skelette mit sehnigen Armen, mal muskelbepackte Kriegsmaschinen mit Krallen statt Füßen, mal Saurier-Figuren, die ihre spitzen Zähne blecken - die kreative Brutalitätsskala ist nach oben ziemlich offen.

Der Ursprung seines Traumas

Rellecke wurde groß, als Actionspiele noch zum Anfassen waren. In den Achtzigern kämpften Eltern und Erzieher noch nicht in breiter Front gegen gewalthaltige Computerspiele. Sondern dagegen, dass auf der Verpackung der Spielzeugautos aus der Serie "M.A.S.K." eine Atomrakete zu sehen war. "Im Supermarkt stand ich immer mit großen Augen vor den Regalen in der Spielzeugabteilung", sagt Rellecke. Mitnehmen durfte er die begehrten Turtles-Figuren aber fast nie. "Da hat das Trauma seinen Ursprung", sagt Rellecke.

Nur bei seiner Oma, die ihrem Enkel nichts abschlagen konnte, stand eine geheime Kiste voller Plastikkrieger. "Dort konnte ich mich beim Wochenendbesuch ausleben."

Rellecke trägt noch heute bunte T-Shirts, die mit den Action- und Comichelden der achtziger Jahre bedruckt sind - die Helden seiner Kindheit sind seine Helden von heute. Nur spielt Rellecke mit ihnen heute nicht mehr Krieg, sondern spricht über sie mit erwachsener Ehrfurcht: "Das ist, als sammele man Ming-Vasen." Nicht nur Farbe und Pinsel für das selbstgebaute Spielzeug, sondern auch mehr als 5000 alte Action-Figuren drängen sich in großen Vitrinen in seinem Arbeitszimmer; in brüchig gewordenem Plastik eingepackte Riesenspinnen neben verstaubten He-Männern.

Fünf Action-Figuren sind bislang für die eigene Serie entstanden, sie bekriegen sich auf dem Planeten "Prehis". Der Casus Belli: Ein Kometeneinschlag habe eine hochentwickelte Zivilisation von Dino-Menschen zerstört, erklärt Rellecke. Seitdem kämpfe jeder gegen jeden. Rellecke hat die Hintergrundgeschichte aufgeschrieben und entwickelt sie ständig weiter. Frauen gibt es bislang nicht auf Prehis, sind aber in Planung: "Es wird auf keinen Fall eine Barbie werden."

"Kulturindustrielle Pampe"

Er habe aber schon über die Waffen einer Frau sinniert. Jetzt schweben ihm Beine mit Tentakeln und Brüste mit eingebauten Fleischwölfen vor. Vorsorglich schiebt er hinterher: Natürlich sei auch alles immer ironisch gemeint. "War on Prehis" solle durch Übertreibung letztlich Krieg kritisieren. Aber weil Relleckes Augen beim Erklären dann doch wieder so begeistert leuchten wie die eines Zwölfjährigen, ist es doch wahrscheinlich, dass in seinem Spielzeug-Universum die reine Kinderfreude an Zerstörung und die politische Botschaft zumindest sehr nah beieinanderliegen.

Vor drei Jahren schmiss der studierte Philosoph seinen Bürojob, heute stellt er die Spielzeuge her, die er früher nicht haben durfte. Auch, weil ihm die aktuellen Figuren nicht genug bieten können, "eine kulturindustrielle Pampe" nennt er das Action-Spielzeug von heute. Rellecke geht immer noch regelmäßig ins Spielzeuggeschäft, kauft aber nur noch selten. Bei den alten Action-Figuren aus den Achtzigern, die als Vorbild für seine eigene Spielzeuglinie dienen, spüre man noch die Liebe und Passion der Hersteller.

Rellecke vertreibt seine handgemachte Spielzeuglinie als unabhängiger Spielzeughersteller "Goodleg Toys". Reich wird er damit nicht, nebenbei handelt er mit alten Action-Figuren. Wer mit ihm spricht, bekommt trotzdem das Gefühl, dass hier jemand seinen Traum lebt. Auch wenn es ein Traum ist, der für viele Menschen vermutlich besser zur Präpubertät als zu einem Erwachsenen passt.

Rellecke erzählt, dass sein Vater heute Respekt vor den selbstgemachten Action-Figuren habe. "Er staunt über die handwerkliche Leistung." Warum der Sohn auf die Gewalt abfährt, verstehe er aber immer noch nicht. Relleckes eigene Tochter ist zwei Jahre alt, sie spielt manchmal mit alten Action-Figuren aus seiner Sammlung. Die selbstgemachten Figuren darf sie noch nicht anfassen. Zu viele spitze Sensen, zu viele gefährliche Plastikklauen. "Kommt noch", sagt Rellecke. "Kommt noch."

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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
SethSteiner 04.04.2014
1. optional
Ist doch cool, mir hätten die Figuren damals richtig gut gefallen. Heute bevorzuge ich eher Statuen oder Figmas, Play Arts Kais, eventuell sogar Hot Toys. Trotzdem ist das eine tolle Sache und ich verstehe weder Eltern damals, noch heute, wenn sie ihre Kinder (vor allem Mädchen) von dem Spielzeug abhalten, weils Atomraketen oder Fleischwölfe oder auch nur Gewehre gibt. Pädagogen sollten aber keine Albträume haben, ich denke jeder Pädagoge wird wissen, wie harmlos das ist.
wrobel2 04.04.2014
2. Optional
Hm hat was von den Master of Universe ... Was hab ich als Kind He-Man und Co geliebt! Finde ich gut wenn sowas mal wieder kommt ... Endlich mal wieder Jungens Spielzeug :)
haggris 04.04.2014
3. hmm...
...eher durchschnittliche custom/bootleg figuren. viel kreativität steckt meiner meinung nach nicht dahinter. wie sieht es eigentlich mit copyrights aus? die extremitäten und torsos sind ja 1:1 nachgüsse der originalmasters figuren. darf man sowas überhaupt als seine eigene spielzeugserie bewerben?
dr.joe.66 04.04.2014
4. Jungs sind so...
Da lebt jemand seinen Traum. Und das immerhin mit einer Konsequenz, die die meisten Menschen wohl eher nicht haben. Ich selbst finde die Figuren natürlich zunächst mal furchtbar brutal und böse; aber dann doch irgendwo zwischen herrlich übertrieben und unfreiwillig komisch angesiedelt. Und ich würde sie meinen Kindern auch bis zu einem bestimmten Alter verbieten... Eine Figur fehlt noch: Ein Held, der keine Muskeln hat, eher schmale Schultern und einen kleinen Bauchansatz, und der seine Gegner mittels seiner philosophischen Schläue besiegt... Würde doch gut zum Foto des Urhebers dieser Figuren passen. 32? Echt? 22 hätte ich wohl auch geglaubt. Wie dem auch sei: Was ist daran jetzt schlimmer als Star Wars, Harry Potter, Spiderman, etc. ??
vandermerwe 04.04.2014
5. goodleg?
Ist das eine Verballhornung von "leg godt", besser bekannt als LEGO?
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