Adèle Haenel und #MeToo in Frankreich "Ich schulde es allen, die schon geredet haben"

"Eine Zeugenaussage wie ein Faustschlag": Die Schauspielerin Adèle Haenel wirft dem Regisseur Christophe Ruggia vor, sie als Kind sexuell belästigt zu haben.

"Für das Gemeinwohl": Adèle Haenel bei einer Filmpremiere in Wien im Oktober
Hans Punz/DPA

"Für das Gemeinwohl": Adèle Haenel bei einer Filmpremiere in Wien im Oktober

Von , Paris


Adèle Haenel steht oft vor der Kamera. Doch der jüngste Auftritt der französischen Schauspielerin ist so ganz anders, als alles, was man bislang von ihr gehört oder gesehen hat: Haenel trägt einen weißen, einfachen Pullover mit hohem Kragen. Sie lächelt nicht. Sie weint nicht. Und sie spricht, als würde ihr jedes Wort im Hals stecken bleiben.

Am Filmland Frankreich war die #MeToo-Debatte bisher relativ folgenlos vorbeigerauscht. Doch das ändert sich gerade. Adèle Haenel sei Dank.

"Das persönliche Leiden zur Autopsie freigegeben"

"Zum ersten Mal im französischen Kino hat sich eine bekannte und anerkannte Schauspielerin entschieden, auszusagen, anzuklagen und ihre persönlichen Leiden zur Autopsie freizugegeben - für das Gemeinwohl", schreibt das einflussreiche Pariser Film- und TV-Magazin "Télérama".

Das Lob des Magazins gilt einer der derzeit auffälligsten französischen Schauspielerinnen. In Deutschland ist die 30-Jährige gerade in dem Film "Porträt einer jungen Frau in Flammen" in den Kinos zu sehen. Haenel spielt eine der beiden Hauptrollen, die ihr erneut eine Nominierung für den französischen Filmpreis eingebracht hat. Den César hat sie bereits zwei Mal gewonnen, erst als Neben-, dann als Hauptdarstellerin.

Meist spielt Haenel die Rolle von Außenseiterinnen. Meisterhaft. Im wahren Leben steht sie im Rampenlicht.

Ihre Worte gehen unter die Haut

"Ich führe ein komfortables Leben", sagt sie einleitend in dem Videointerview mit dem französischen Investigativportal Mediapart am Montag dieser Woche. Also sei es nun ihre Verantwortung zu reden. "Ich schulde es allen, die schon geredet haben", sagt Haenel. Und was sie zu sagen hat, geht tief unter die Haut.

Sie berichtet davon, wie sie im Alter von 12 bis 14 Jahren von Christophe Ruggia, dem Regisseur ihres ersten Films "Kleine Teufel" aus dem Jahr 2002, über drei Jahre sexuell belästigt worden sei. Ruggia war damals 36 Jahre alt. Er habe ihre Schenkel getätschelt. Er habe sie am Hals geküsst. Er habe sie einfach ständig angefasst. Kein anderer hätte das gedurft - weder am Set noch später, als sie gemeinsam "Kleine Teufel" auf Festivals und Konferenzen promoteten. Ruggia habe Haenel von allen anderen abgeschirmt und als Einziger ihre Hotelzimmer besucht. Andere Mitarbeiter habe das gestört und empört. Doch niemand habe das offensichtliche Problem angesprochen.

"Die Welt hat sich verändert"

Regisseur Christophe Ruggia bestreitet die Vorwürfe
Francois Guillot/ AFP

Regisseur Christophe Ruggia bestreitet die Vorwürfe

Warum sie erst jetzt diese Geschichte erzählt? "Die Welt hat sich verändert", sagt Haenel.

Haenels Aussage wird von zahlreichen Zeugen gestützt. Médiapart hat vor der Erstveröffentlichung der Vorwürfe am Sonntag sieben Monate lang recherchiert und unter anderem Briefe von Ruggia an Haenel ausgewertet. Darüber hinaus haben die Journalisten mit 36 Personen gesprochen, die den unangemessenen Umgang von Ruggia mit Haenel bezeugen. Von ihnen werden 23 in einem großen Report namentlich zitiert werden. Alle Aussagen stimmen in einem Punkt überein: Der erwachsene Mann war dem damaligen Kind Haenel zu nah, für Beteiligte oft peinlich nah.

Adèle Haenel in dem Film "Die Teufel" (2002)
imago stock&people

Adèle Haenel in dem Film "Die Teufel" (2002)

Der Regisseur bestreitet die Vorwürfe. Nachdem er auf die Nachforschungen von Médiapart zunächst nicht reagierte, gab er nun über seine Anwälte eine ausführliche Stellungnahme ab. Er habe sich als "Pygmalion" verhalten. Ruggia habe die junge Schauspielerin besonders fördern wollen, lassen die Anwälte ausrichten. Er selbst sieht sich nun an den Medienpranger gestellt. Und doch schreibt er, dass er damals offenbar nicht bemerkt habe, dass seine "Bewunderung" für Haenel bei ihr selbst aufgrund ihres jungen Alters auch ganz anders angekommen sein könnte und "in manchen Momenten gar schmerzhaft" war. "Wenn das der Fall ist, und wenn sie das annehmen kann, dann bitte ich sie, mir zu verzeihen."

"Dein Mut ist ein Geschenk"

Haenel will Ruggia nicht verklagen. Doch die Faktenlage scheint so eindeutig, dass die Pariser Staatsanwaltschaft schon am Mittwoch aus eigener Initiative Ermittlungen gegen den Regisseur aufnahm. Die französische Gesellschaft der Filmemacher leitete noch am Montag ein Ausschlussverfahren gegen Ruggia ein. Dabei war er bis vor Kurzem mehrfach gewählter Vizepräsident der renommierten Gesellschaft.

Namhafte Französinnen loben Haenel für ihre Offenheit. Vorweg die Justizministerin, Nicole Belloubet, die Haenels Mut herausstellt - und die Schauspielerin bittet, der Justiz zu vertrauen und einen Prozess zu führen. Andere, wie die Kollegin Julie Gayet, die mit Ex-Präsident Francois Hollande liiert ist, äußern Verständnis dafür, dass Haenel nicht vor Gericht streiten will. Sie habe "große Bewunderung für Adèle Haenel, die für all jene spricht, die im Schatten stehen". Marion Cotillard, hierzulande bekannt durch ihre Verkörperung von Édith Piaf, hat Haenel auf Instagram für ihr Zeugnis gedankt: "Dein Mut ist ein Geschenk von beispielloser Großzügigkeit." Haenel habe Geschichte geschrieben.

Tatsächlich sind die vielen prominenten Stimmen für Haenel ein wichtiger Schritt.

Nach der #MeToo-Bewegung im Herbst 2017 war auch in Frankreich die Zahl der angezeigten Vergewaltigungen um 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Doch die französische Filmwelt glänzte bei dem Thema vor allem durch Schweigen.

"Poträt einer jungen Frau in Flammen": Adèle Haenel (r.) mit Filmpartnerin Noémie Merlant
Prod.DB/ imago images

"Poträt einer jungen Frau in Flammen": Adèle Haenel (r.) mit Filmpartnerin Noémie Merlant

Wenn sich Prominente äußerten - dann hielten sie meist zu den Männern. So hatte etwa Filmdiva Catherine Deneuve mit 99 weiteren Frauen vor mehr als einem Jahr einen Aufruf gegen die "mediale Lynchjustiz" verfasst, der Männer heute begegnen. Später hat sich Deneuve bei Opfern von sexueller Belästigung und Vergewaltigung entschuldigt.

Adèle Haenel hat ein neues Kapitel aufgeschlagen. Es ginge ihr nicht um Rache oder eine Bestrafung Ruggias, versichert die 30-Jährige. "Ich habe begriffen, meine Geschichte ist keine private, sondern eine öffentliche."

Ihr eindringliches Interview ist ein Weckruf für die französische Öffentlichkeit, die den Ernst von #MeToo bisher in den USA verortete, aber nicht zu Hause. In den Hauptnachrichten im populären französischen Sender BFM hieß es über Haenels Worte: "Eine Zeugenaussage wie ein Faustschlag". Schon am Dienstag schrieb die Pariser Tageszeitung "Libération" über das einstündige Videointerview der Schauspielerin: "Haenel hat das Gesicht des französischen Kinos und des französischen Feminismus verändert, in nur einer Stunde."

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