SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

12. Dezember 2018, 15:26 Uhr

Körperkunst und ältere Menschen

Mit 80 das erste Tattoo

Von

"Man ist nie zu alt für ein Tattoo": Zwei niederländische Fotografinnen haben Porträts von älteren Menschen gemacht, die ihren Körperschmuck zeigen.

Als Toss mit 70 Jahren das Gefühl hatte, eine alte Dame zu werden, beschloss sie kurzerhand, einen Teil ihrer Haare abzurasieren - und sich tätowieren zu lassen. In der Öffentlichkeit trägt sie nun gern ärmelfreie Tops, auch um Reaktionen zu provozieren. Doch bislang hat ihre Körperzeichnungen noch niemand kommentiert.

Warum auch, sagen Ingrid Meijering und Marion Duimel von der Stiftung "GetOud" (Alt werden) mit Sitz in Den Haag: "Man ist nie zu alt für ein Tattoo." Als sie zufällig am Strand einen tätowierten Rentner sahen, kamen die beiden auf die Idee für ihr Fotoprojekt: ältere Menschen über 65 Jahren mit Tätowierungen.

Jeder fünfte Deutsche ist laut einer Studie der Universität Leipzig aus dem Jahr 2016 tätowiert - Tendenz steigend. Vor allem bei Frauen, aber auch bei älteren Menschen nehme das Interesse zu. Früher ließen sich vor allem jüngere Leute Tattoos stechen, heute ziehe sich der Trend durch alle Generationen.

Meijering und Duimel suchten über private Kontakte, Facebook-Gruppen und Tätowierstudios nach geeigneten Kandidaten für ihre Fotoserie. Sie fanden 25 Männer und Frauen, darunter auch jemand, der erst mit 80 das erste Tattoo bekam.

Sie besuchten die Menschen zu Hause, Duimel fotografierte die Senioren in ihren Wohnzimmern, gemeinsam interviewten die beiden Frauen und ließen sich die Geschichten hinter den Tattoos erzählen. Viele der Menschen tragen auf den Bildern keine Kleidung, um ihre Tätowierungen besser zu zeigen - sie sind alle sehr stolz darauf.

Einige der Rentner mussten, bevor sie sich tätowieren ließen, ihren Arzt konsultieren, weil sie sehr dünne Haut haben oder blutverdünnende Medikamente einnehmen. Doch bei keinem gab es bei der Prozedur Probleme.

Ein paar der Porträtierten haben nur kleine Zeichnungen auf ihrem Arm oder der Schulter, andere sind von Kopf bis Fuß mit Tinte verziert - wie Cor. Seit 1978 lässt er sich tätowieren, sogar auf dem Kopf. "Du hebst dich von der Masse ab. Ich fühle mich jetzt nicht mehr so nackt, wenn ich keine Kleider trage", sagt er.

Man ist nie zu alt für ein Tattoo

Die Motive der Tattoos sind vielfältig, sie haben meist etwas mit Ereignissen oder Menschen aus dem Leben der Porträtierten zu tun. Albertine hat sich einen Schwan stechen lassen, der sie an ihren verstorbenen Mann erinnert; Riecks Körper schmückt eine Blume, deren Dornen als Symbol für ihre zwei gescheiterten Ehen stehen. Manche der Zeichnungen sind aber auch einfach nur schön.

Viele fragen sich: Wie sieht eine Tätowierung aus, wenn man alt ist? Doch nicht jeder der Porträtierten ließ sich seine in jungen Jahren stechen, viele haben erst in den vergangenen Jahren ihre Leidenschaft entdeckt. Meijering und Duimel wollen zeigen: Man ist nie zu alt für ein Tattoo.

Die beiden Frauen haben selbst bislang allerdings keine Tätowierung. "Vielleicht später, wenn ich 80 bin", sagt die Fotografin. "Ich denke, dass es dann viel mehr Spaß macht, und man viel mehr Lebensereignisse oder Erinnerungen hat, aus denen man wählen kann."

Im Video: Tattoos - Zwischen Knast und Kunst

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung