AfD im Bundestag "Es werden nun schwere Zeiten auf uns zukommen"

Eine Familie ist nur echt mit Vater, der Islam gehört nicht zu Deutschland - die Parteilinie der AfD steht im Widerspruch zur Lebenswirklichkeit vieler Bürger. Wie gehen die Betroffenen mit dem Wahlerfolg der Partei um? Fünf Protokolle.
Foto: Getty Images; imago

Für manche Bürger mag es sich wie das Erwachen aus einem schlechten Traum angefühlt haben, als am Montagmorgen der Wecker klingelte. War es wirklich geschehen? War die AfD in den Bundestag gewählt worden, mit 12,6 Prozent der Stimmen?

Das Erwachen dürfte für jene Gruppen besonders unangenehm gewesen sein, die im Fokus der AfD-Kampagne standen: Flüchtlinge und deren Helfer etwa. Muslime. Oder Familien, die nicht dem von der AfD propagierten klassischen Zuschnitt entsprechen.

Wie geht es derart Betroffenen? Und wie gehen sie mit der veränderten politischen Landschaft um? Auf der Suche nach Antworten haben wir ihnen vier Fragen gestellt:

1. Was war Ihre erste Reaktion auf das Wahlergebnis - was haben Sie zu Ihrem Partner/Ihrer Familie/Ihren Freunden gesagt?

2. Mit welchem Gedanken/Gefühl sind Sie am Wahlabend eingeschlafen?

3. Wir stehen vor vier Jahren AfD im Bundestag. Welche Befürchtungen haben Sie?

4. Was wollen Sie tun?

Die Antworten zeigen, dass die Angst vor Anfeindungen und einer Verrohung der Gesellschaft groß ist. Gleichzeitig mag das Wahlergebnis der AfD aber auch eine Art Weckruf gewesen sein, sich stärker einzumischen.

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Die AfD und der Islam

"Der Islam gehört nicht zu Deutschland. In der Ausbreitung des Islam und der Präsenz von über 5 Millionen Muslimen, deren Zahl ständig wächst, sieht die AfD eine große Gefahr für unseren Staat, unsere Gesellschaft und unsere Werteordnung."
AfD-Wahlprogramm

Zur Person
Foto: Michael Kappeler/ picture alliance / dpa

Mouhanad Khorchide, 46, ist Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster und Professor für Islamische Religionspädagogik.

Was war Ihre erste Reaktion auf das Wahlergebnis - was haben Sie zu Ihrer Partnerin gesagt?

Die Prognosen der letzten Tage vor der Wahl haben darauf hingedeutet, dass die AfD in der Wählergunst gestiegen ist. Daher war ich über das Ergebnis nicht überrascht, aber in Sorge über die Zukunft des Zusammenlebens. Meiner Partnerin habe ich gesagt, es werden nun schwere Zeiten auf uns zukommen, in denen sich Muslime noch stärker rechtfertigen müssen und sie noch stärker unter Generalverdacht geraten werden, weil nun Ressentiments gegen den Islam salonfähiger werden.

Mit welchem Gedanken sind Sie am Wahlabend eingeschlafen?

Mit der Sorge, dass nicht nur meine theologische Aufklärungsarbeit, sondern die jahrelange Aufklärungsarbeit vieler Menschen in der Gesellschaft, die um eine Verständigung bemüht sind, zunichtegemacht wird.

Wir stehen vor vier Jahren AfD im Bundestag. Welche Befürchtungen haben Sie?

Ich habe die Befürchtung, dass die Gesellschaft noch stärker gespalten wird in "Wir-Deutsche" und "Ihr-Muslime". Ein großes "Wir-Deutsche", zu dem selbstverständlich auch die Muslime gehören, so wie es Christian Wulff mit seinem berühmten Satz "Der Islam gehört zu Deutschland" schon deutlich gemacht hat, geht verloren.

Was wollen Sie tun?

In meiner Arbeit als Ausbildender von islamischen Religionslehrern kann ich mich noch stärker einsetzen, um auf beiden Seiten aufzuklären und für ein differenziertes Bild des Islam zu sorgen. Dabei muss man auch die Ängste der Menschen gerade vor dem Islam ernst nehmen und weiterhin versuchen, im eigenen Haus aufzuräumen.

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