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25. Mai 2017, 20:02 Uhr

Diskussion auf dem Kirchentag

"Die AfD missbraucht Christen als Feigenblatt"

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Hochumstritten war der Auftritt der AfD-Politikerin Anette Schultner auf dem Kirchentag in Berlin. Ihre Gesprächspartner agierten sachlich und wohlerzogen. Teile des Publikums zeigten sich empört.

Das Polizeiaufgebot war ungefähr so groß wie die Anspannung: Kurz vor der Podiumsdiskussion auf dem Kirchentag mit AfD-Politikerin Anette Schultner in der Berliner Sophienkirche kam es bereits auf der Straße zu heftigen Wortgefechten. "Darf ein Christ in der AfD sein?" war die Frage, die geklärt werden sollte.

Doch wie so oft in der Auseinandersetzung mit Rechtspopulisten, ging es eigentlich um die Frage: "Wie soll man überhaupt mit der AfD diskutieren und welchen Erkenntnisgewinn zieht man daraus?"

Schon im Vorfeld der Veranstaltung war gestritten worden. Die Initiative "Kein Publikum für die AfD" rief zum Boykott auf, weil die geladene Schultner als Wahlkampfleiterin ihrer Partei in Schleswig-Holstein mitschuldig sei an menschenverachtenden, rassistischen und islamophoben Deklarationen. Unter dem Motto "Unser Kreuz hat keine Haken" hatten 1600 Menschen eine Petition gegen ihren Auftritt unterzeichnet.

Pfeifen und Gelächter im Publikum

Schultner kam trotzdem, setzte sich vor dem Altar auf einen Stuhl und bewegte fortan für zwei Stunden nur noch ihren Mund, die Hände und ab und zu unwillig einen Fuß. "Jeder Mensch hat die gleiche Würde", sagte sie. "Das bedeutet aber nicht, dass er alles machen kann, was er will." Es sei kein von Gott gegebenes staatliches Recht, in ein fremdes Land zu gehen und dort dieselben Rechte einzuklagen.

Man war also mittendrin in der Flüchtlingsdiskussion. Ja, auch die AfD wolle den armen Menschen helfen, beteuerte Schultner, in verschiedenen Ländern, "in ihrem natürlichen Raum". Pfeifen und Gelächter im Publikum. "Wir wollen keine 100 Millionen Entwurzelte." Eine Gruppe stimmte "We shall overcome" an.

Die Moderatorin der Veranstaltung Bettina Warken bat um Ruhe, die sollte aber im Laufe des Gesprächs immer wieder mit lauten Rufen und Protest, aber auch tosendem Applaus für den Bischof durchbrochen werden.

Das "Gießkannenprinzip" sei nicht förderlich für Deutschland, sagte Schultner. "Wir müssen erst mal Abschiebungen durchführen."

Damit lag sie durchaus auf der Linie von Kanzlerin Angela Merkel, die zur gleichen Zeit am Brandenburger Tor davon sprach, dass es gelte, angesichts vieler Flüchtlinge ohne Bleiberecht in Deutschland Asyl-Entscheidungen schnell zu treffen und solche Migranten gar nicht erst in Gemeinden und zu den ehrenamtlichen Helfern zu schicken. "Ich weiß, dass ich mich damit nicht beliebt mache", sagte die CDU-Politikerin. Bei einigen Wählern vielleicht schon.

Der Berliner Landesbischof Markus Dröge hatte sich offenbar fest vorgenommen, sich auf dem Podium nicht provozieren zu lassen - was ihm gelang. Dennoch kam er nicht umhin, das zu tun, was jeder im Diskurs mit der AfD tun muss: Übertreibungen, falsche Zahlen und Halbwahrheiten kenntlich machen und per Faktencheck geraderücken. Das ist zeitaufreibend und einer Debatte nicht gerade förderlich.

"Aber diese verzerrte Kommunikation ist bei der AfD Strategie", sagte Dröge und zitierte aus dem internen Wahlkampfplan des Bundesvorstandsmitglieds Georg Pazderski, das im Januar öffentlich wurde. Darin heißt es, nicht Diskussion sei im Kampf gegen den politischen Gegner erwünscht, sondern Provokation. Probleme sollen nicht gelöst, sondern aufgeworfen werden. "Ich gebe mich für ein solches Schauspiel nicht her", so der Bischof. Aber er müsse eine "Schwester im Glauben" fragen dürfen, ob es christlich sei, was sie vertritt.

Angriff, Ausweichen, Angriff, Gegenangriff

"Ich kann mich als Christ nicht in einer Partei engagieren, die Ängste dramatisiert, Misstrauen sät und Ausgrenzung predigt", so der Theologe. Es finde sich kein christliches Menschenbild im Programm der AfD: "Die Partei missbraucht Christen als Feigenblatt."

Schultner zeigte Pokerface und lächelte nur ab und zu süffisant, etwa als es um die Frage ging, ob sie verstehen könne, dass einige Menschen Angst vor der AfD hätten. Sie antwortete an der Frage vorbei, was einige der mehreren Hundert Zuhörer sehr wütend werden ließ. Dann betonte sie: "Wir schüren keine Ängste" und ging über zu verfolgten Christen, um die sich angeblich keiner kümmere.

Das Reiz-Reaktions-Schema war also denkbar einfach: Angriff - Ausweichen - Angriff - Gegenangriff. Zum völkischem Gedankengut in ihrer Partei äußerte sich Schultner nicht, begrüßte aber das Ausschlussverfahren gegen den AfD-Rechtsaußen Björn Höcke.

Christoph Heubner vom Internationalen Auschwitz Komitee erklärte, es sei für NS-Opfer unverständlich, dass Vertreter einer Partei, die die Erinnerung an den Holocaust aus dem Bewusstsein verbannen wollten, ein Forum auf dem Kirchentag haben sollten. Die Katholische Kirche hatte bei ihrem letzten Katholikentag explizit darauf verzichtet.

Die ebenfalls geladene Publizistin Liane Bednarz versuchte in der Diskussion, Populismus wissenschaftlich und historisch einzuordnen. Sie bemühte sich wie Bischof Dröge um Sachlichkeit, gab als bekennende Konservative zu, wie Schultner gegen Abtreibung zu sein.

Schultner zuckte mit den Schultern. Wieder so eine, die AfD-Positionen übernimmt, "Jahre nachdem wir dafür öffentlich verurteilt wurden", mag sie gedacht haben.

Wohlerzogene Gesprächspartner

Die AfD-Frau, die schon mal Gummi-Föten im Zehn-Wochen-Stadium herumzeigt, um den Horror eines Aborts zu verdeutlichen, findet das deutsche Abtreibungsrecht eindeutig zu liberal und nannte die Auswirkungen in der "Welt" eine "gesellschaftliche Katstrophe". Schultner steht der Anti-Abtreibungs-Organisation "Marsch für das Leben" nahe - ebenso wie Julia Klöckner, Reinhard Kardinal Marx und Erzbischof Heiner Koch.

Schultner, früher Dozentin für Deutsch und Biologie in der JVA Hameln, war schon im Jahr 2000 aus der Evangelischen Kirche ausgetreten und hatte sich einer Freikirche angeschlossen. Die EKD solle sich aus der Politik raushalten und lieber das Evangelium predigen und Mission betreiben, so ihre Forderung. Das Seelenheil und Jesus der Erlöser seien wichtiger als alle politischen Fragen. Wieso sie dann noch immer in der AfD aktiv ist, sagte sie nicht.

Schultner hangelte sich an den Standardthemen der AfD entlang, leistete sich keine Abweichungen vom Parteiprogramm, war ganz enttäuschte Ex-CDU/CSU-Wählerin in der "konservativen Repräsentationslücke", in die die AfD stieß und wo sie seither Wähler generiert. In der Debatte ließ sie sich nicht aus der Reserve locken, während ihre Gesprächspartner vielleicht allzu kultiviert und wohlerzogen mit ihr umgingen.

Am Ende der Veranstaltung enterte ein 16-Jähriger die Kanzel, entrollte ein T-Shirt mit der Aufschrift "Kein Mensch ist illegal" und zitierte lautstark den evangelischen Theologen Helmut Gollwitzer. Eine kraftvolle, jugendliche Geste war das, ikonoklastisches Revoluzzertum nahezu. Doch die Worte des jungen Mannes wurden übertönt von der Stimme der Moderatorin und der Geschäftigkeit der Journalisten, die ihre Objektive lieber auf die AfD-Frau richteten.

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