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Ahmadiyya-Muslime Little Pakistan in Mannheim

Manche bezeichnen sie als gefährliche Islam-Sekte, sie selbst sehen sich als reformorientierte Muslime. Am Wochenende trafen sich rund 30.000 Gläubige aus ganz Europa zu einem spirituellen Fest in Mannheim. Dort ließ die deutsche Gemeinde der Ahmadiyya Muslim Jamaat eine pakistanische Kleinstadt entstehen.

Mannheim - Ein paar alte Männer sitzen an der Straßenecke und unterhalten sich auf Urdu über die guten alten Zeiten in Pakistan. Manchen läuft der vom Betelnusskauen rot gefärbte Speichel die Mundwinkel herunter. Ein paar Meter weiter verkaufen Händler Gewürze, Reis und Obst, an einigen Imbissständen riecht es nach scharfen Currys, Fladenbrote werden aus dem Ofen geholt. Als über dem Ort der Aufruf zum Gebet erschallt, schließen die Menschen ihre Geschäfte, eilen zur Gebetshalle oder verrichten gleich vor Ort ihre religiöse Pflicht - fast könnte man vergessen, dass man nicht in Pakistan ist, sondern in Mannheim bei der Jalsa Salana, der Jahresversammlung der deutschen Ahmadiyya-Gemeinde.

Mohammad Azeem Butt spaziert durch die Zeltstadt, die freiwillige Gemeindemitglieder auf dem Festplatz aufgebaut haben, grüßt alle paar Schritte einen Bekannten, eine Umarmung hier, ein Schwätzchen dort, wie geht's den Kindern, was macht die Frau. Butt spricht ein Urdu, wie man es in der Stadt Lahore spricht. Vor 18 Jahren floh er aus der pakistanischen Metropole, beantragte Asyl und lebt seither in Deutschland - mittlerweile mit deutschem Pass. Er studierte Verfahrenstechnik und handelt jetzt mit Schmieröl. Sein Deutsch ist fast akzentfrei. Aus Sicht orthodoxer Muslime glaubt er etwas Unerhörtes.

In der gesamten islamischen Welt werden die Ahmadis verfolgt. Der Grund dafür liegt mehr als ein Jahrhundert zurück: 1891 verkündete der gläubige Muslim Hazrat Mirza Ghulam Ahmad aus dem nordwestindischen Dorf Qadian, zwei Jahre zuvor Offenbarungen von Gott erhalten zu haben. Er sei der vom Propheten Mohammed verheißene Messias und zudem Reinkarnation von Jesus, Buddha und Krishna zugleich. "Ich bin von Gott als eine Manifestation Seiner Macht erschienen, und ich bin eine Verkörperung Seiner Macht", schrieb er auf. Mit diesen Worten begründete Ahmad die Ahmadiyya-Bewegung, zur deren ersten Kalifen er sich ernannte - und prompt die Wut vieler Muslime auf sich zog.

Prophet oder nicht?

Ungläubig sei er, ein Häretiker, heißt doch das islamische Glaubensbekenntnis: "Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist sein Prophet." Wie, fragen sich empörte Muslime, könne sich da jemand anmaßen zu behaupten, ein neuer Prophet zu sein?

Ganz einig sind sich die Ahmadis selbst nicht, ob ihr Begründer nun tatsächlich ein Prophet ist oder nicht. Nach seinem Tod 1914 zerstritten sich seine Anhänger: Die einen sagten, Hazrat Mirza Ghulam Ahmad sei nur ein Erneuerer des Islams, die anderen, er sei sein Prophet. Es kam, wie in so vielen Religionen, zur Spaltung, die bis heute nicht überwunden ist. Die deutsche Ahmadiyya Muslim Jamaat gehört zu der großen Mehrheit der weltweit rund 20 Millionen Ahmadis, die den Gründer als Propheten verehren. Religionswissenschaftler gehen allerdings von weit weniger Anhänger dieser Glaubensströmung aus.

Mohammad Azeem Butt, der Ölhändler, erzählt, dass seine Gemeischaft in Pakistan 1974 per Parlamentsbeschluss zu einer nichtislamischen Gruppierung erklärt wurde - ausgerechnet in dem Stammland dieser Religion. Nach wie vor arbeitet die Ahmadiyya-Hauptverwaltung in dem Städtchen Rabwah. "Besonders ärgert mich", sagt Butt, "dass Pakistan der einzige Staat ist, in dem das Parlament sich in religiöse Dinge einmischt. In Saudi-Arabien und anderswo werden wir auch diskriminiert, aber in Pakistan ganz offiziell und legal." Weil sie in Pakistan - wie fast überall in der islamischen Welt - verfolgt werden, sich öffentlich nicht als Muslime bezeichnen dürfen und häufig Folter und Gefängnis zu befürchten haben, flohen die meisten Ahmadis ins Ausland, wo sie vor allem in den USA, in Kanada, Großbritannien und Deutschland eine neue Heimat gefunden haben.

So auch der in London lebende Hazrat Mirza Masroor Ahmad, fünfter Kalif und ein Nachfahre des Ahmdiyya-Begründers. Seit 2003 ist er geistliches Oberhaupt auf Lebenszeit. Die Ahmadis verehren ihn wie die Katholiken den Papst - obwohl, auch hier analog zum Katholizismus, ihnen nicht unbedingt alles gefallen dürfte, was der Exil-Pakistaner von sicht gibt: "Es liegt in der Natur der Frauen, sich über andere zu erheben", sagt er in einer Predigt im Frauenzelt. Die verschleierten Frauen sitzen da, kein Widerspruch regt sich. Auch nicht, als der Kalif ausgiebig die Frauenrolle beschreibt, nämlich für Ordnung und Sauberkeit zu sorgen, die Kinder im Sinne der Religion zu erziehen und dem Mann keine Probleme "durch Lügenhaftigkeit" zu schaffen.

Frauenzelt, Verschleierung, Unterwürfigkeit - das öffentliche Leben bei den Ahmadis ist nach Geschlechtern getrennt, und das, obwohl die Ahmadis offiziell "die im Koran verankerte Gleichwertigkeit von Mann und Frau vertreten". In dem Programmheft zur Jahresversammlung heißt es unter der Rubrik "Anweisungen für die Frauen": "Frauen sind gebeten, nicht unnötig herum zu laufen und auf ihre Pardah [Philosophie der Geschlechtertrennung, dazu gehört auch das Tragen eines Kopftuches; Anmerkung der Redaktion] zu achten." Und: "Mitunter wurde unter Frauen beobachtet, dass sie sich zusammen setzen und sich unterhalten, und das war es. Sie bekommen überhaupt nichts mit von den Reden und ihren Inhalten (...)." "Gleichwertigkeit", sagt Mohammad Azeem Butt, "heißt nicht, dass Männer und Frauen gleich sind - das sind sie ja biologisch nicht. Es heißt, dass sie vor Gott den gleichen Wert haben." Dann beschreibt er, wie wunderbar das Familienleben bei den Ahmadis sei, kaum Scheidungen, ein respektvoller Umgang miteinander.

Konvertierte Kommunarden

Abdullah Uwe Wagishauser, Vorsitzender der deutschen Ahmadiyya-Gemeinde, konvertierter Deutscher und Alt-68er, bestätigt Butts Beschreibungen. Beim Mittagessen in einem reinen Männerzelt sagt er: "Schauen Sie sich doch um, es ist eine so entspannte Atmosphäre." Auch Hadayatullah Hübsch (bürgerlicher Vorname: Paul-Gerhard), Pressesprecher der Ahmadiyya, ebenfalls Konvertit und Alt-68er - er war Mitglied der legendären Kommune Eins -, sagt: "Islam setzt Grenzen, dass wir nicht schlimmer werden als Tiere." Es habe "etwas wohltuend Beruhigendes an sich, wenn Frauen ihr Haar und ihre Formen bedecken, weil es viele Männer gibt, die ihre Augen wild herumschweifen lassen auf der Suche nach Frischfleisch." Aus dem Munde von Leuten, die einst der freien Liebe huldigten und für die Drogenkonsum zum Alltag gehörte, klingt das, als habe sie irgendetwas in ihrem Leben um 180 Grad gedreht.

Für Hübsch war es eine Erscheinung während einer Reise durch die marokkanische Wüste im Jahr 1969. Als ihn dann eine weitere Erscheinung zum Koran führte, konvertierte er, hörte mit den Drogenexzessen auf, verließ seine Freundin, wurde aber auch von seinen Freunden verlassen. "Für die war das zu hart", sagt Hübsch. Seither vertritt der Schriftsteller und Journalist öffentlich die Werte der Ahmadis - und kritisiert das Christentum: Den Glauben, dass Jesus Christus die Menschen durch seinen Tod von den Sünden erlöse, nennt er "Unsinn". "Jeder Mensch ist für seine Sünden selbst verantwortlich, und Erlösung kommt durch Reue und das Anbeten und Anflehen von Gott. Wenn ich eine Tablette nehme, wenn Sie Kopfschmerzen haben, nützt es doch auch nichts. Sie müssen die Tablette selbst nehmen", sagt er.

Was Jesus betrifft, vertreten die Ahmadis ohnehin eine eigene Theorie: Jesus sei nicht am Kreuz dahingeschieden, sondern wurde gerettet, emigrierte nach Indien und starb dort eines natürlichen Todes. Er liegt in Srinagar, Kaschmir, begraben. Manche Christen halten die Ahmadis wegen dieses Glaubens für verrückt.

Der Drang der Ahmadis, sich der Weltöffentlichkeit mitzuteilen, ist in Zeiten von islamistischem Terror, in denen der Islam in der westlichen Welt einen schweren Stand hat und häufig unter Generalverdacht steht, groß. Die Gläubigen wollen ihr Motte "Liebe für alle, Hass für keinen" verbreiten; sie vertreten "eine strikte Trennung von Staat und Religion" und verdammen "die Anwendung von Terror, insbesondere solchen im Namen einer Religion"; und sie bekräftigen ihren Anspruch, Muslime zu sein. In ihrer Selbstbeschreibung  heißt es, "Ahmadiyyat verlässt die Grundlagen und Aussagen des Islam auch nicht zum Geringsten, noch führt es einen I-Punkt zu den Prinzipien und Lehren des Islam hinzu. Es ist jedoch eine frische Darlegung und Präsentation des Islam (...)."

In Deutschland formt sich Widerstand gegen die Pläne der Ahmadis, 100 neue Moscheen zu bauen und einen missionierenden islamischen Schulunterricht einzuführen. Die Ahmdiyya-Kritikerin Hiltrud Schröter, Sozialwissenschaftlerin an der Universität Frankfurt, sieht darin eine Bestätigung für ihre These, diese "Sekte" plane "langfristig eine islamische Weltordnung mit Kalifat". "Die Ahmadis verfolgen die Legalitätstaktik: Sie verhalten sich in jedem Land gesetzeskonform, solange sie eine Minderheit sind", sagt sie gegenüber SPIEGEL ONLINE. Ebenso sei das Propagieren eines friedlichen Islams nur "Propaganda, die zurzeit gut ankommt". Den Anspruch, eine tolerante Spielart des Islams zu sein, spricht Schröter den Ahmadis mit Verweis auf deren Frauenbild ab.

Ärger in Deutschland, Ärger in der islamischen Welt: Wenig freuen dürfte sich Letztere über die Behauptung der Ahmadis, als einzige Strömung innerhalb dieser Religion den Weg zu Allah zu kennen. Die meisten Menschen - Christen wie Muslime - würden sich Werte zurechtbiegen, nicht nach Gottes Wort leben und keine Beziehung zu ihm aufbauen, sagt Mohammad Azeem Butt. "Heutzutage ist die einzige Bewegung, die die Tatsächlichkeit dieser Möglichkeit darlegt, die Ahmadiyya-Bewegung im Islam, die die praktische Beweisführung der Wahrheit ihres Anspruchs ausführt", formulieren die religiösen Führer umständlich. Sie wissen, dass sie sich damit keine Freunde machen.