Flutkatastrophe im Ahrtal »Na ja, wie soll es mir gehen? Wir leben«

Lukas Sermann, 31, ist Winzer im Landkreis Ahrweiler. Die Flut hat seinen Betrieb zerstört und seine Wohnung geflutet. Wie hat er den Tag erlebt, als das Wasser kam? Und wie kann es weitergehen?
Ein Interview von Max Polonyi
Lukas Sermann: »Das Wasser stand bis zum zweiten Stock«

Lukas Sermann: »Das Wasser stand bis zum zweiten Stock«

Foto: Jessica Schäfer / DER SPIEGEL

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SPIEGEL: Herr Sermann, Sie stehen hier in Gummistiefeln in Ihrer Kelterhalle in Altenahr und schaufeln mit Schneeschiebern Ihren Wein in die Ahr. Können Sie beschreiben, was in Ihnen vorgeht?`

Sermann: Na ja, wie soll es mir gehen? Wir leben. Meiner Familie ist nichts passiert, zumindest körperlich. Ich trage seit Mittwoch dieselbe Kleidung, weil meine Wohnung in Bad Neuenahr auch vollgelaufen ist. Das hier ist buchstäblich mein letztes T-Shirt. Mein Auto ist weggetrieben, ich habe keine Ahnung, wo das ist. Wahrscheinlich sehe ich es nie wieder. Wir räumen jetzt auf, wir können nicht zu Hause sitzen und nichts tun.

SPIEGEL: Können Sie schon beziffern, wie hoch der Schaden für Ihren Betrieb ist?

Aufräumarbeiten am beschädigten Gutshaus: »Unvorstellbar«

Aufräumarbeiten am beschädigten Gutshaus: »Unvorstellbar«

Foto: Jessica Schäfer / DER SPIEGEL

Sermann: Nein, das ist zu früh. Wir sind noch beim Groben. Wir haben eine Kelterhalle und eine Weinstube in Altenahr, Kreis Ahrweiler. Beide Häuser liegen an der Seilbahnstraße direkt am Flussufer. Auf dem Dach der Halle liegt die Achse eines Wohnwagens, bei der Weinstube stand das Wasser bis zum zweiten Stock. Wir haben 25 500-Liter-Fässer Rotwein verloren, die hat das Wasser einfach mitgerissen. Es gibt ein Video, wie die Fässer die Ahr runtertreiben. Wir müssen 15.000 bis 20.000 Flaschen Wein wegschmeißen, da ist Heizöl durch den Verschluss in den Wein gezogen. Dazu kommen die Schäden an den Geräten und an den Häusern. Unvorstellbar.

SPIEGEL: Wie haben Sie es erlebt, als das Wasser kam?

»Der Keller war sofort voll«

Sermann: Das war Mittwochnachmittag, letzte Woche. Es hatte ein bis zwei Wochen durchgeregnet. Die Ahr hat viele Zuflüsse, die laufen bei so viel Regen über wie eine Badewanne. Wir hatten 2016 hier schon ein »Jahrhunderthochwasser«, mit Pegelständen bis 3,80 Meter. Ich habe also letzte Woche immer auf die Wetter-App auf meinem Handy geschaut. Am Mittwochmittag habe ich noch eine Palette Blumenerde geholt und die Säcke ums Gutshaus gestapelt, damit der Keller nicht vollläuft. Aber für diese Dimensionen wurden wir nicht gewarnt, außerdem änderten sich die Pegel-Prognosen ständig. Wir wurden überrascht.

SPIEGEL: Wie hat es angefangen?

Verschmutzte Flasche: »Wir müssen 15.000 bis 20.000 Flaschen Wein wegschmeißen«

Verschmutzte Flasche: »Wir müssen 15.000 bis 20.000 Flaschen Wein wegschmeißen«

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Jessica Schäfer / DER SPIEGEL

Sermann: Es war gegen 15.30 Uhr, fast wie eine Welle. Der Keller war sofort voll. Meine Mutter war oben im Gutshaus, mein Vater und ich wollten die Maschinen retten. Als das Wasser auf Brusthöhe war, haben wir losgelassen und sind über das Dach eines Gabelstaplers in ein Nachbarhaus eingebrochen. Da saßen wir dann und sahen aus dem Fenster, wie es immer weiter stieg. Fünf, sechs, sieben Meter hoch. Das Wasser hat einen ziemlichen Schub entwickelt, an Bootfahren oder Schwimmen war überhaupt nicht zu denken. Das hat für mich keinen Sinn gemacht. Man guckt zu, aber man versteht nicht, was da geschieht.

SPIEGEL: Was ist dann passiert?

Sermann: Etwa um halb sieben abends hat mir ein Bekannter ein Video geschickt, da gab es noch Handynetz. Auf dem Video sieht man meine Weinfässer die Ahr runtertreiben. Ich hatte da plötzlich den Gedanken, mein Auto retten zu müssen, ich weiß nicht wieso. Ich hab mich ausgezogen und wollte aus dem ersten Stock springen und schwimmen. Meine Freundin hat mich gerade noch abgehalten. Es wurde dunkel, ich sah, wie mein Handyakku minütlich weniger wurde. Wir waren nass. Wir haben uns ausgezogen und mit Teppichen versucht, die Kleidung trocken zu wedeln.

SPIEGEL: Kam keine Hilfe?

Spenden für die Betroffenen der Flutkatastrophe

Die Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz hat eine enorme Hilfsbereitschaft ausgelöst. In den sozialen Netzwerken werden zahlreiche Spendenaufrufe geteilt – längst nicht alle sind seriös. Die Polizei Köln etwa warnte in einer Mitteilung  vor Betrugsdelikten in Zusammenhang mit dem Hochwasser. Man solle beim Spenden auf Einrichtungen und Organisationen setzen, die man persönlich kenne oder über die man sich ausreichend informiert habe.

Das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) hat für die »Unwetterkatastrophe im Westen Deutschlands« eine Liste mit Adressen und Kontonummern von Organisationen zusammengestellt, die das DZI-Spendensiegel tragen.

Zudem gibt es in den betroffenen Landkreisen Ansprechpartner zum Thema Spenden. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) hat auf seiner Website eine Liste der Landkreise mit weiteren Informationen und Telefonnummern aufgelistet.

(Mit Material der dpa)

Sermann: Wie denn? Wie gesagt, das Wasser hier durch den Ort war ein solcher Strom, da konnte niemand mit dem Boot fahren. Für Hubschrauber war es wahrscheinlich zu dunkel, ich weiß es nicht.

SPIEGEL: Wann ging das Wasser zurück?

Sermann: Donnerstagmorgen irgendwann war es weg. Die Sonne schien, das weiß ich noch. Mein Vater ist direkt zu meiner Mutter ins Gutshaus, ich wollte Hilfe holen, aber ein Nachbar hat mich aufgehalten. Wir haben dann nach seinem Vater gesucht. Er ist leider verstorben. Ich will nicht mehr zu diesem Donnerstag sagen, an manches kann ich mich auch nicht mehr erinnern. Altenahr, zumindest hier unten an der Seilbahnstraße, war nahezu völlig zerstört.

SPIEGEL: Sie haben dann angefangen, aufzuräumen.

Sermann: So ist es. Ich habe auf Instagram Freunde und Bekannte um Hilfe gebeten, und ich bin dermaßen beeindruckt von der Solidarität der Menschen. Es kamen viele, seit Freitag, jeden Tag. Die Leute kommen mit Schaufeln und Schubkarren, einer bringt einen Campingkocher mit und kocht Ravioli für alle, es ist unfassbar. Ich bin so dankbar. Ich weiß nicht, was wir ohne diese Hilfe machen würden.

SPIEGEL: Sie sind Winzer, Sie beschäftigen sich beruflich jeden Tag mit Wetter und Klima. Was schlussfolgern Sie aus dieser Flut?

Sermann: Den Klimawandel gibt es, das ist bewiesen. Aber für mich ist es zu früh, Ursachenforschung zu betreiben. Wir stehen hier vor den Trümmern unserer Existenz, da werde ich die Schuldfrage nicht stellen, wir haben Wichtigeres zu tun. Ich bin auch niemand, der jetzt auf Politiker eindrischt und fragt, wo waren die Warnungen? Warum ist das passiert? Hätte man das nicht verhindern können? Ich brauche hier jetzt drei Mann mit Kettensägenführerschein, die mir den Baum aus der Einfahrt holen.

SPIEGEL: Wie geht es jetzt für Sie weiter?

Sermann: Viele unserer Nachbarn hier haben ihre Häuser wohl für immer verlassen. Die kommen nie wieder. Wir wollen weitermachen. Unser Flaschenlager ist komplett abgesoffen, aber wir hoffen, dass wir ein paar davon noch verwenden können, weil sie nur leicht beschädigt und verschlammt sind. Andere Winzer haben angeboten, für uns an unseren Hängen den Pflanzenschutz zu übernehmen, damit die Ernte nicht komplett ausfällt. Das macht mir Mut, die Hilfe der Anderen. Wenn es die nicht gäbe, wären wir verloren. Wir werden es schaffen.

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