Abdankung Akihitos Der Tenno geht, es lebe der Tenno

Japans Kaiser Akihito tritt zurück und übergibt den Thron an seinen Sohn. Warum ist diese Abdankung so außergewöhnlich - und wie läuft sie ab? Der Überblick.

KIMIMASA MAYAMA/EPA-EFE/REX

An diesem Dienstag um 17 Uhr Ortszeit (10 Uhr MESZ) endet in Japan eine Ära: Akihito, der 125. Kaiser des Landes, dankt nach mehr als 30 Jahren ab. Der 85-Jährige überlässt seinem Sohn, Kronprinz Naruhito, den Chrysanthementhron. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zum Amtswechsel.

Warum ist diese Abdankung so außergewöhnlich?

Üblicherweise bleibt der Tenno, so wird der Kaiser in Japan genannt, bis zu seinem Tod im Amt. Akihito bat jedoch bereits 2016 vor allem aus gesundheitlichen Gründen darum, zurücktreten zu dürfen. Das Parlament erlaubte ihm das im Juni 2017 per Sondergesetz. Akihito ist damit der erste japanische Kaiser seit ungefähr 200 Jahren, der den Thron freiwillig für seinen Nachfolger frei macht.

Welche Befugnisse hat der Kaiser in Japan?

Die japanische Erbmonarchie ist die älteste der Welt. Der Tenno verfügt laut der demokratischen Nachkriegsverfassung von 1946 über keine politische Macht, sondern übernimmt lediglich repräsentative Aufgaben. Er ist laut Verfassung ein "Symbol des Staates und der Einheit des Volkes". Als Akihito im Jahr 1989 den Thron bestieg, war er der erste Monarch, der das nicht als sogenannter Gottkaiser tat. Sein Vater Hirohito hatte der Göttlichkeit nach dem Zweiten Weltkrieg offiziell entsagen müssen.

Video: Der Tenno dankt ab

REUTERS

Was sind die wichtigsten Aspekte der Amtszeit Akihitos?

Die Ära Akihitos trägt den Namen "Heisei" (Frieden schaffen). Frieden war für den scheidenden Kaiser von zentraler Bedeutung. Der Schrecken des Zweiten Weltkrieges hat Akihito stark geprägt. Er wurde zum Verfechter der pazifistischen Nachkriegsverfassung - indem er indirekt Kritik an denen übte, die versuchen, Japans Kriegsvergangenheit zu rechtfertigen. Auch gedachte er gemeinsam mit Kaiserin Michiko an einstigen Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs nicht nur der gefallenen Landsleute, sondern auch der Kriegsgegner.

In die Ära "Heisei" fielen aber auch gravierende Katastrophen, zum Beispiel das Erdbeben in Kobe 1995, Erdbeben, Tsunami und Atomunfall 2011 in Fukushima sowie der tödliche Sarin-Gas-Anschlag 1995 auf Tokios U-Bahn durch die Endzeitsekte Aum. Auch wirtschaftlich ging es während Akihitos Amtszeit nach Jahren des Aufstiegs bergab. Im Jahr 2010 verlor Japan den Platz als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt an China.

Videoanalyse: Sayonara Tenno

REUTERS

Wie ist Akihitos Verhältnis zum japanischen Volk?

Der Kaiser ist mit seiner zurückhaltenden Art und seiner liberalen Einstellung bei den Japanern beliebt. Das Kaiserpaar gilt als bürgernah. 1991 erregte Akihito Aufsehen, als er nach einem Vulkanausbruch erstmals auf dem Holzfußboden einer Notunterkunft niederkniete. Nach der Katastrophe von Fukushima sprach er den Japanern per Videobotschaft Mut zu. Seine Frau Michiko ist die erste Kaiserin des asiatischen Landes, die aus dem Bürgertum stammt.

Fotostrecke

13  Bilder
Kaiser Akihito dankt ab: Ein Leben für den Frieden

Wie wird die Abdankung ablaufen?

Die Zeremonie selbst dauert nur ungefähr zehn Minuten. Um 17 Uhr Ortszeit (10 Uhr MESZ) beginnt sie im Matsu-no-Ma, einer Halle im Kaiserpalast in Tokio. Dabei werden auch ein Schwert und ein Juwel als Insignien der Legitimität eines Tennos präsentiert.

An der Zeremonie nehmen mehr als 300 Menschen teil, darunter neben Mitgliedern der Kaiserfamilie auch Vertreter von Japans Regierung und Parlament, hochrangige Richter und regionale Politiker. Das Ereignis wird live im Fernsehen übertragen.

Ministerpräsident Shinzo Abe wird die Abdankung ankündigen, bevor Akihito seine letzte offizielle Ansprache als Tenno hält. Formal bleibt der 85-Jährige bis Mitternacht Kaiser.

Wann übernimmt Naruhito den Thron, und was kann man von ihm erwarten?

Ab dem 1. Mai ist Naruhito der 126. Kaiser Japans. Die formelle Inthronisierung des 59-Jährigen findet jedoch erst im Oktober in einer aufwendigeren Zeremonie statt, zu der ausländische Ehrengäste eingeladen werden.

Die konservative Regierung Abes wählte für Naruhitos Ära den Namen "Reiwa" (Deutsch: "Schöne Harmonie"). Für Kritiker ist dies Ausdruck einer "Rückkehr zum Nationalismus", andere begrüßen, dass der neue Ära-Name auch "Frieden" meint. Naruhito kündigte im Februar an, das Amt ähnlich wie sein Vater auszuführen: "Ich möchte stets an der Seite des Volkes sein, Freude und Leid teilen und so meine Aufgabe als Symbol erfüllen".

Inwiefern er diese Maßstäbe tatsächlich einhalten kann, bleibt abzuwarten. So war bereits Akihito daran gescheitert, die Regierung zu grundlegenden Reformen zu bewegen, etwa damit Frauen künftig eine stärkere Rolle im Kaiserhaus übernehmen und so unter Umständen die Thronfolge sichern könnten.

Lesen Sie auch die Analyse des langjährigen SPIEGEL-Korrespondenten Wieland Wagner: "Warum Japans Kaiser sein Amt opfert".

bbr/dpa/AFP/Reuters



insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
fatherted98 30.04.2019
1. Ewig Gestriger...
...habe Akihito 1998 in London von der Fahrt Kensington nach Buckingham Palace in der offenen Kutsche mit der Queen zufällig live gesehen (waren gerade in London und fragten eine Polizistin was der Aufmarsch soll). An der Prachtstraße waren auf beiden Seiten vor allem Veteranen des WK2 vor Ort und drehten als Akihito mit der (versteinerten Queen...die damals wegen dem Tod Dianas eh nix zu lachen hatte) den Rücken zu und pfiffen ihn aus. Akihito hatte sich in London für die Japanischen Kriegsverbrechen entschuldigt...nur leider gibt es im Japanischen für "Entschuldigung" wohl verschiedene Worte....und seines war wohl das flappsigste.....(so auf die Art: Tschuldigung)....das ließen sich die Veteranen nicht gefallen und demonstrierten (total unbritisch) gegen diesen Auftritt....mein Fazit daraus.....der Mann hatte nichts gelernt aus der Vergangenheit.
sa7ra9 30.04.2019
2. x
Schon immer sehr naiv, die Sichtweise auf die netten immer lächelnden Japaner_innen. Japan hat ein großes Rassismus Problem, leider wird das immer ausgeblendet bei den meisten Berichterstattungen.
Analog 30.04.2019
3. Der "Unberührbare"
und das im 21. Jahrhundert. Den Vater durfte man damals nicht mal direkt anschauen. Das ganze in solch einer weit entwickelten Gesellschaft, für mich nicht nachvollziehbar.
cobaea 30.04.2019
4.
Zitat von fatherted98...habe Akihito 1998 in London von der Fahrt Kensington nach Buckingham Palace in der offenen Kutsche mit der Queen zufällig live gesehen (waren gerade in London und fragten eine Polizistin was der Aufmarsch soll). An der Prachtstraße waren auf beiden Seiten vor allem Veteranen des WK2 vor Ort und drehten als Akihito mit der (versteinerten Queen...die damals wegen dem Tod Dianas eh nix zu lachen hatte) den Rücken zu und pfiffen ihn aus. Akihito hatte sich in London für die Japanischen Kriegsverbrechen entschuldigt...nur leider gibt es im Japanischen für "Entschuldigung" wohl verschiedene Worte....und seines war wohl das flappsigste.....(so auf die Art: Tschuldigung)....das ließen sich die Veteranen nicht gefallen und demonstrierten (total unbritisch) gegen diesen Auftritt....mein Fazit daraus.....der Mann hatte nichts gelernt aus der Vergangenheit.
Der Tenno darf bei offiziellen Auftritten kein Wort sagen, das zuvor nicht von der Regierung und vom Hofzeremoniell abgesegnet wurde. Dass er sich damals überhaupt entschuldigen durfte, war für japanische Verhältnisse bereits grenzwertig. Bei den asiatischen Ländern (ausser China 1972), in denen die Japaner fürchterlich gewütet hatten, erfolgte die Entschuldigung erst drei Jahre vor jener in England. Mit Sicherheit hatte der Tenno in GB nicht die Möglichkeit, zu bestimmen, w i e diese Entschuldigung formuliert wurde. Dass er persönlich aus der Vergangenheit nichts gelernt habe, lässt sich daraus nicht ableiten. Ableiten lässt sich nur, dass Japan als Staat daraus wenig gelernt hat - und das war zu dieser Zeit tatsächlich so: die Regierungschefs pilgerten jährlich zu Schreinen, in denen die Kriegsverbrecher noch immer als Helden verehrt werden (Abe tut das z.B. immer noch) und man weigerte sich, sich bei den Koreanerinnen zu entschuldigen, die im Krieg zu Sexsklaven-Diensten als "Trostfrauen" gezwungen worden waren. Die Entschuldigung kam erst 2015 und dann noch halbherzig.
cobaea 30.04.2019
5.
Zitat von sa7ra9Schon immer sehr naiv, die Sichtweise auf die netten immer lächelnden Japaner_innen. Japan hat ein großes Rassismus Problem, leider wird das immer ausgeblendet bei den meisten Berichterstattungen.
Man muss sich nur anschauen, die Japan im 2. Weltkrieg die Bevölkerung seiner asiatischen Nachbarstaaten behandelt hat und wie es heute noch seine koreanisch-stämmigen Mitbürger behandelt, dann wird der strukturelle Rassismus so deutlich, dass einem schlecht werden könnte.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.