Alarmierender Unicef-Bericht Arme Kinder werden ausgegrenzt, vernachlässigt, ignoriert

Schlechte Chancen für Kinder von Alleinerziehenden, Ausländern, Hartz-IV-Empfängern: Der neue Unicef-Report prangert Deutschlands Umgang mit dem Nachwuchs an. Während Kinder reicher Eltern gepäppelt werden, weichen Politik und Staat den Problemen mit jenen aus, die es schwerer haben.

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Hamburg - Für die einen gibt es Klavier- und Tennisunterricht, gesunde Ernährung und bei Bedarf Nachhilfe. Die anderen haben häufig arbeitslose Eltern, besuchen Schulen, in denen kaum ein Kind Deutsch spricht, und leben in Stadtteilen, von denen Politiker sagen, sie seien "strukturell benachteiligt".

Schulkinder: Kluft zwischen Arm und Reich wird größer
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Schulkinder: Kluft zwischen Arm und Reich wird größer

Der neue Unicef-Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland zeigt: Vielen Mädchen und Jungen in Deutschland geht es sehr gut, sie werden gefördert und haben die besten Voraussetzungen für ein zufriedenes Leben - viele andere aber haben geringe Chancen. Sie sind ausgegrenzt, haben ein ungleich höheres Risiko zu erkranken, unter Übergewicht zu leiden und die Schule am Ende ohne Abschluss zu verlassen. Und die Kluft zwischen beiden Gruppen wächst.

Der Bericht, der am Montagmittag in Berlin unter anderem von Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) vorgestellt wurde, untersucht die "Lebenschancen von Kindern in Deutschland" - und beschränkt sich dabei nicht auf die materielle Versorgung. Unter Leitung des Berliner Soziologen Hans Bertram haben Forscher verschiedene Dimensionen des Aufwachsens untersucht: materielle Risiken, Bildungschancen in Kindergarten und Schule, Gesundheit und Fragen der Migration.

"Diese Aspekte stehen in einem unmittelbaren Zusammenhang und bedingen sich gegenseitig", sagt Wissenschaftler Bertram SPIEGEL ONLINE. "Aber sie können sich auch gegenseitig nivellieren. So kann beispielsweise eine gute Beziehung zu den Eltern mangelndes Einkommen ein Stück weit kompensieren." Die zentralen Ergebnisse des Berichts:

  • 35 bis 40 Prozent der Kinder, die nur mit einem Elternteil aufwachsen, leben in relativer Armut und bleiben oft auch über lange Phasen der Kindheit arm.
  • Die Bildungschancen eines Kindes hängen in Deutschland viel stärker als in anderen Ländern davon ab, wo es lebt und woher es kommt.
  • Chronische Krankheiten, Übergewicht und andere Probleme haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen. 15 Prozent der Kinder zwischen 3 und 17 Jahren haben Anzeichen von Verhaltensauffälligkeiten, 17 Prozent sind übergewichtig. 20 Prozent der 11- bis 17-Jährigen rauchen - mehr als in jedem anderen Industrieland.
  • Kinder aus ausländischen Familien haben deutlich schlechtere Bildungschancen: Sie besuchen in den ersten Lebensjahren seltener einen Kindergarten und sind an Sonder- und Hauptschulen stark überrepräsentiert.

"Oft reicht das Geld nicht aus"

Kinder sind dem Bericht zufolge häufiger arm als Erwachsene. Wie in allen Industrienationen ist in Deutschland der Anteil der Kinder, die in relativer Armut aufwachsen, in den vergangenen zehn Jahren deutlich gestiegen. Allerdings ist die allgemeine Armut kaum gewachsen.

Am stärksten betroffen sind die Kinder alleinerziehender Eltern, außerdem Mädchen und Jungen aus Zuwandererfamilien. Bei zwei Einkommen in der Familie "ist die relative Sicherheit der Kinder gegeben", sagt Bertram. Bei nur einem Einkommen "wird es deutlich schwieriger", und auch bei Familien mit vielen Kindern "reicht das Geld oft nicht aus".

Entscheidend ist, wie lange Kinder in Armut leben. Auch hier sind Chancen und Risiken ungleich verteilt. Kinder alleinerziehender Eltern seien "stark von dauerhafter Armut bedroht. Selbst wenn die Mutter oder der Vater voll berufstätig ist, leben zwei Drittel dieser Kinder im Laufe ihrer Kindheit und Jugend mindestens ein Jahr lang in Armut; zehn Prozent leben sogar dauerhaft in Armut", also mindestens 5 von 18 Jahren.

Will man die Kinderarmut bekämpfen, ist es wichtig, die Beschäftigungschancen der Eltern zu verbessern - und auch die Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder.

Die Folgen der Armut für die Kinder: beengte Wohnverhältnisse, ein Leben oft in benachteiligten Vierteln mit schlechter Infrastruktur und unzureichenden Bildungsmöglichkeiten. Arme Kinder müssen mehr leisten als ihre Altersgenossen aus wohlhabenden Familien, und häufig fehlen ihnen positive Vorbilder.

Bildung - nicht für alle

Der Bericht bezieht sich auf die Ergebnisse der Pisa-Studie, betont aber die Bedeutung außerschulischer Faktoren für das Abschneiden der Mädchen und Jungen. Kinder aus bildungsfernen Haushalten haben es schwerer als Kinder aus Akademikerfamilien, ausländische Kinder haben es schwerer als deutsche und Jungen schwerer als Mädchen. Gibt es in dem Bezirk, in dem ein Kind aufwächst, viele Arbeitslose und Migranten, leiden die Leistungen in der Schule massiv.

Bildungsforscher Rainer Lehmann weist darauf hin, dass an zwölf Prozent der Schulen mehr als 50 Prozent der Kinder aus Familien stammen, die einen Migrationshintergrund haben. Der Konzentration von schwächeren Schülern entspreche eine Abwanderung "bildungsbewusster Familien" in diesen Bezirken.

Rund 17 Prozent aller ausländischen Jugendlichen verlassen die Schule ohne Abschluss - fast jeder fünfte. In Sonder- und Hauptschulen sind sie stark überrepräsentiert; Kinder der zweiten Generation erzielen im Durchschnitt geringere Bildungserfolge als die nicht in Deutschland geborenen. Sind Jugendliche aus Zuwandererfamilien in der Schule erfolgreich, folgen Probleme bei der Jobsuche: Ihre Chance, einen Ausbildungsplatz zu erhalten, ist bei gleichen Leistungen oft deutlich geringer.

Förderung schon in der Vorschule nötig

Lehmanns Fazit: Durch eine Überwindung der Schulstruktur ließen sich diese Probleme nicht lösen. Vielmehr müsse man die Qualität der Förderung einzelner Schüler verbessern, die Klassengrößen verringern, ihre Zusammensetzung und die Zusammenarbeit von Kindergärten und Schulen mit den Eltern verbessern.

Die Förderung muss dem Bericht zufolge im Vorschulalter beginnen. Schon bei den Kleinsten zeigt sich die Kluft, die im Laufe des Lebens kaum überbrückt werden kann: "Insbesondere bei jüngeren Kindern beeinflusst die Herkunft die Nutzung von Betreuungsangeboten. Jüngere Kinder aus einkommensschwächeren Familien und Kinder, deren Mütter einen geringeren Bildungsabschluss haben, nutzen mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit Kindertageseinrichtungen als weniger benachteiligte Altersgenossen", heißt es. Dabei profitierten gerade diese Kinder von einer frühen Betreuung.

Die soziale Benachteiligung hat auch Gesundheitsprobleme zur Folge. So sind Kinder aus Familien mit niedrigem sozialen Status und Migrationshintergrund besonders häufig übergewichtig - und gleichzeitig deutlich häufiger Gewalttäter. Insgesamt steht einem Rückgang akuter somatischer Erkrankungen ein deutlicher Anstieg chronischer Erkrankungen und psychischer Störungen gegenüber.

Nicht mehr als Mittelmaß

Was Förder- und Bildungsangebote angeht, gibt Deutschland zwar viel Geld aus - ist aber im Vergleich mit anderen Industrienationen nur "Mittelmaß für Kinder", so lautet der Titel der Studie. "Wir denken, dass die generelle Herangehensweise in Deutschland problematisch ist", sagte Soziologe Bertram SPIEGEL ONLINE. "In Deutschland werden Kinder vor allem aus einer funktionalistischen Perspektive betrachtet. Wir schätzen sie nicht um ihrer selbst willen, sondern weil sie unsere Renten sichern und zur wirtschaftlichen Stabilität beitragen sollen. Sie sollen eine gute Ausbildung bekommen, um später gut zu verdienen und den Staat so mit zu finanzieren. Was uns aber eigentlich beschäftigen sollte, ist die Frage: Was ist für ihre Zukunft wichtig?"

Um die Situation zu verbessern, fordert Unicef deshalb einen Perspektivwechsel für Kinder in Deutschland. Der Bericht nennt drei Punkte:

  • Die materielle Situation von Kindern müsse verbessert, die Bildung von Problemstadtteilen verhindert werden. Die Bundesregierung soll einen Aktionsplan zur Verringerung von Kinderarmut vorlegen.
  • Gezielte Förder- und Bildungsangebote sollen den Kindern aus benachteiligten Familien helfen, in der Schule nicht den Anschluss zu verlieren.
  • Das Betreuungsangebot für jüngere Kinder müsse ausgebaut werden.

Forscher Bertram fordert die Politik auf, ihren "in Ressorts zersplitterten Ansatz" zu überwinden - und "das Wohlergehen von Kindern in den Mittelpunkt zu stellen". Die Familie sei ein Schutzfaktor "sowohl für die Bildung als auch für die Gesundheit". Darum müsse man die Frage klären, wie man die Eltern einbeziehe - und was Kindern bei der Entwicklung wirklich helfe.



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