Schriftstellerin Alina Bronsky "Sich Hausfrau zu nennen, hat etwas Revolutionäres"

Mütter sollten nach einer Geburt möglichst schnell wieder arbeiten und möglichst lange: Das sei heute die Norm, klagt die Schriftstellerin Alina Bronsky. Hier erklärt sie, warum sie das für frauenfeindlich hält.
Zur Person

Alina Bronsky , 37, wurde in Russland geboren und lebt seit Anfang der Neunzigerjahre in Deutschland. Die Roman- und Jugendbuchautorin (u. a. "Scherbenpark", "Nenn mich einfach Superheld", "Spiegelkind") veröffentlichte zuletzt gemeinsam mit Denise Wilk die Streitschrift "Die Abschaffung der Mutter: Kontrolliert, manipuliert und abkassiert - warum es so nicht weitergehen darf". Bronsky hat vier Kinder.

SPIEGEL ONLINE: Frau Bronsky, Sie bezeichnen sich selbst als "schreibende Hausfrau". Warum nennen Sie sich nicht Bestsellerautorin?

Alina Bronsky: Wie peinlich ist das denn, sich selbst Bestsellerautorin zu nennen?

SPIEGEL ONLINE: Aber was gefällt Ihnen an der schreibenden Hausfrau?

Bronsky: Ich mag diese künstlerischen Attitüden nicht, die gemeinhin mit dem Schriftstellerdasein verbunden werden. Daher habe ich mich einmal während eines Interviews so bezeichnet. Ich mochte diese Provokation. Sich Hausfrau zu nennen, hat heutzutage ja etwas Revolutionäres. Außerdem ist es nun mal so, dass ich zwar Bücher schreibe, mich aber auch viel um meine Kinder kümmere.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihnen wichtiger: der berufliche Erfolg oder Ihre Mutterschaft?

Bronsky: Für mich kommt die Familie an erster Stelle. Entsprechend lebe ich. Wenn ich das Gefühl habe, berufliche Aufgaben belasten die Familie zu sehr, verzichte ich darauf. Ich reise zum Beispiel kaum. Das bedeutet: viel weniger Lesungen, als ich machen könnte. Ich verzichte auf potenzielle Erfolge oder auf irgendeinen Spaßfaktor, wenn ich weiß, ich würde sonst jemandem, der mir unglaublich viel bedeutet, Schaden zufügen.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nach Opfer.

Bronsky: Ich bin dennoch der Meinung, dass Familie ohne Hingabe nicht funktioniert. Wenn du ein krankes Kind pflegst und in mehreren Nächten kaum Schlaf kriegst, dann nimmst du dich in dieser Zeit automatisch zurück. Die Fähigkeit zur Hingabe steht aber derzeit nicht hoch im Kurs.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben in Ihrem Buch "Die Abschaffung der Mutter", dass Sie bei der Arbeit das Gefühl gehabt hätten, an einem "Hochrisikoprojekt" zu arbeiten. Was sind Ihre riskanten Botschaften?

Bronsky: Zum einen, dass Mütter für ihre Kinder und deren Wohlbefinden unersetzlich sind. Das bedeutet, dass man Frauen zumindest nicht daran hindern sollte, für ihre Kinder da zu sein. Die andere, noch brisantere Botschaft ist, dass wir sagen: Die Mutter ist nicht nur eine von vielen Bezugspersonen, sondern in der Regel die wichtigste. Das zu sagen, ist heutzutage offenbar anstößig. Liebende Mütter sind anscheinend verdächtig.

SPIEGEL ONLINE: Ein Bekenntnis "Ich bin gern Mutter" halten Sie für gefährlich?

Bronsky: Die Warnungen sind jedenfalls beim Schreiben intensiv und oft an mich herangetragen worden.

SPIEGEL ONLINE: Sie beklagen auch eine neue Norm, wonach Mama an den Arbeitsplatz gehöre.

Bronsky: Und zwar möglichst schnell und möglichst lange. Da hat sich etwas verschoben und zwar ziemlich abrupt. Und Normen sind bekanntlich der Feind der Vielfalt.

SPIEGEL ONLINE: Was hat zu dieser Verschiebung geführt?

Bronsky: Da kam einiges zusammen: das Ersetzen des Erziehungsgeldes durch das Elterngeld im Jahr 2007, das Versprechen, wonach alle Eltern einen Anspruch auf einen Krippenplatz haben, der zunehmende öffentliche Druck auf Frauen, die etwas länger zu Hause bleiben wollen.

SPIEGEL ONLINE: Aber das wurde doch nicht von oben verordnet. Die Politik hat doch nur auf ein verbreitetes Bedürfnis in der Bevölkerung reagiert.

Bronsky: Natürlich gibt es den Elternwunsch nach Betreuungsplätzen. Doch zugleich hat die Politik die Anforderungen, die eigentlich die Wirtschaft an die Bevölkerung stellte, aufgegriffen und so verdreht, dass sie als Fürsorge verkauft wurden. Mütter sollten mehr arbeiten, daher hieß es: Wir schaffen jetzt Krippenplätze, um die armen Frauen vom Herd loszureißen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen: Es kann Eltern geben, die eine Krippe brauchen, aber kein Kind braucht eine Krippe.

Bronsky: Das bestätigen alle ernst zu nehmenden Psychologen und Kinderärzte. Es gibt Untersuchungen, die besagen, dass vor allem kleine Kinder in der Kita unter starkem Stress leiden können. Das belegen Messungen der Cortisol-Werte, die die Stressbelastung anzeigen. Das wird aber viel zu gern beiseite gewischt. Auch über die Qualität der Betreuung wird kaum gesprochen.

SPIEGEL ONLINE: Mütter, die ihre Kinder so lange es geht zu Hause betreuen, gelten oft als Glucke, als potenzielle Gefahr für ihr Kind.

Bronsky: Wie lange eine Mutter bei ihrem Kind bleibt, soll jede selbst entscheiden. Bei meinen älteren Kindern galt ich vor 15 Jahren als Rabenmutter, weil ich sie vor dem dritten Geburtstag in eine Einrichtung gegeben habe. Nun ist es genau umgekehrt. Auf einmal sind die anderen die Bösen.

SPIEGEL ONLINE: Leben wir nicht in einer ziemlich toleranten Gesellschaft? Warum glauben Sie, dass der Lebensentwurf als liebende Mutter besonderer Verteidigung bedarf?

Bronsky: Mich persönlich nervt es, wenn ich ständig erstaunt-anklagend gefragt werde: Wie, deine zweieinhalbjährige Tochter ist noch zu Hause? Ist bestimmt unterfordert. Wir haben für unser Buch mit vielen Müttern gesprochen. Viele bestätigen, dass die Entmündigung zugenommen hat. Einige wollen ihr Kind nicht so früh in der Krippe abgeben, aber sie fühlen sich dazu genötigt, sie glauben, ihrem Kind sonst zu schaden. Sie geben die Kleinen dann tatsächlich ab und sind kreuzunglücklich. Man muss sich seiner Sache sehr sicher und sehr gut informiert sein, um sich gegen diesen Druck zu stellen.

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SPIEGEL ONLINE: Wie schaffen Sie es denn, Ihre Familie zu ernähren?

Bronsky: Ich habe als Autorin das Glück, von zu Hause arbeiten zu können. Wenn ich einen Babysitter engagiere, dann nicht, um durchs Berliner Nachtleben zu ziehen, sondern um zu arbeiten. Neuerdings muss man privilegiert sein, um ein einjähriges Kind zu Hause zu betreuen, viele Frauen können sich das nicht mehr leisten. Aber ich hätte auch kein Problem damit, ein paar Jahre vom Einkommen meines Partners abhängig zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Der Partner ist in Ihrem Fall der Schauspieler Ulrich Noethen. Kratzt es an Ihrem Stolz, sich von ihm aushalten zu lassen?

Bronsky: Es ist nichts Ehrenrühriges daran, sich mit seinem Partner für einige Zeit einvernehmlich auf die klassische Rollenteilung zu einigen: Die Frau kümmert sich mehr um die Kinder, der Mann ums Einkommen. Ist ja alles nicht in Stein gemeißelt: Während ich gerade mit Ihnen spreche, betreut mein Mann zum Beispiel unsere kleine Tochter. Er hat sich den Wecker heute extra früh stellen müssen, um von einem Termin in Hamburg zurück nach Berlin zu reisen.

SPIEGEL ONLINE: Der SPIEGEL fragte kürzlich auf seinem Titel, ob Väter die besseren Mütter seien. Sind sie das?

Bronsky: Dieser Wettkampf zwischen den Geschlechtern ist doch hochgradig albern. Ich möchte nicht in einer Partnerschaft leben, in der ich mitzählen muss, wer wie oft die Windeln wechselt. Natürlich sind Väter wichtig. Aber warum wird plötzlich geleugnet, dass ein Baby gerade am Anfang seines Lebens ein großes Bedürfnis nach Nähe zur Mutter hat? Während der Vater seine Bindung zum Kind erst aufbaut, führt die Mutter eine Beziehung fort, die schon vor der Geburt begonnen hat.

SPIEGEL ONLINE: Diesen Vorsprung an Urvertrauen könnte ein kuschelig veranlagter Papa nicht kompensieren?

Bronsky: Der Vater kann sich ja gerne neben Mutter und Baby kuscheln. Aber muss er seiner Frau das Kind entreißen, um seine Wichtigkeit zu demonstrieren? Schwangerschaft, Geburt und Stillen sorgen für eine kontinuierliche Innigkeit, die ein fürsorglicher Vater ergänzen, aber nicht ersetzen kann.

SPIEGEL ONLINE: Sie klingen ganz schön reaktionär. Würden Sie gerne in einer Zeit leben, in der die Frau als Heilige verehrt wurde und goldene Mutterkreuze überreicht bekam?

Bronsky: Nein, danke. Und im Nationalsozialismus, auf den Sie anspielen, wurden Mütter für eine unmenschliche Ideologie missbraucht. Sie sollten viele Kinder kriegen, durften sich aber keineswegs liebevoll und selbstbestimmt um sie kümmern. Keiner will dahin zurück. Aber wer auf die jüngere Vergangenheit blickt, muss feststellen: Mütter haben in Deutschland gerade in den letzten Jahren deutlich an Stärke, Ansehen und Respekt eingebüßt.

SPIEGEL ONLINE: In den USA werden Frauen zwei Wochen nach der Geburt am Arbeitsplatz zurück erwartet. Hier in Deutschland gibt es 14 Wochen Mutterschutz, drei Jahre Elternzeit, das Ehegattensplitting, die kostenlose Mitversicherung in der Krankenkasse, Mütterrente, Elterngeld und eine Familienministerin, die sich für 24-Stunden-Kitas einsetzt. Sind das nicht paradiesische Zustände für Mütter?

Bronsky: Außer den Wirtschaftsbossen freut sich doch kein Mensch über 24-Stunden-Kitas. Wir behaupten auch gar nicht, dass Deutschland das kinderfeindlichste Land der Welt ist. Im Gegenteil: Viele Strukturen sind hier im internationalen Vergleich ansehnlich und schützenswert. Doch ausgerechnet sie gelten nun als rückständig und sind gefährdet.

SPIEGEL ONLINE: Für viele Feministinnen älterer Semester ist Ihr Buch ein Affront. Diese Frauen haben ihr Leben lang für Chancengerechtigkeit gekämpft und nun, da Frauen fast alle Türen offen stehen, wählen Sie freiwillig den Beruf der Mutter.

Bronsky: Das ist mein gutes Recht. Wer aus der eigenen Biografie Forderungen an nachfolgende Generationen ableitet, verhält sich erpresserisch. Nur weil Frauen früher unter männlicher Unterdrückung gelitten haben, soll ich jetzt das Wohl meiner Kinder aufs Spiel setzen? Einen Feminismus, der sich ausschließlich für die Rechte der arbeitenden Frau einsetzt, halte ich für frauenfeindlich.

SPIEGEL ONLINE: Hat Alice Schwarzer den Müttern in Deutschland also geschadet?

Bronsky: Sie hat immer wieder thematisiert, dass sie praktisch ohne Mutter aufgewachsen ist. Man kann niemandem seine Biografie vorwerfen - aber ich wehre mich dagegen, darin ein Leitbild zu sehen. Früher habe ich Frau Schwarzer verehrt. Nun finde ich schade, dass der von ihr verkörperte Feminismus viele Frauen ausschließt. Die Mutterschaft ist kein Verrat an der Sache der Frauen. Mütter dürfen ihre Kinder lieben und auch unheimlich wichtig finden. Das ist normal und gesund.

SPIEGEL ONLINE: Frau Bronsky, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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Alina Bronsky, Denise Wilk:
Die Abschaffung der Mutter

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Deutsche Verlags-Anstalt; 256 Seiten; 17,99 Euro.

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