Alkohol-Politik in Großbritannien Landplage Komasäufer

Versuch fehlgeschlagen: Vor zwei Jahren hob die britische Regierung die alte Kneipen-Sperrstunde um 23 Uhr auf. Nun muss sie zugeben: Die Hoffnung, die Insel werde zum Land kultivierter Trinker, hat sich nicht erfüllt. Kommt die "Last Order" bald zurück?
Von Stefan Marx

Wirt Tom Bornas sitzt resigniert an der eigenen Theke. Den Kneipenbesitzer aus einer ruhigen Süd-Londoner Wohngegend graut es vor den Horden stark betrunkener Jugendlicher. Die fallen oft spät nachts bei ihm ein, um "Bier nachzutanken und herumzustänkern", wie Bornas klagt.

Seinen Pub "Prince of Wales" mit Billard-Tisch, Fernseher und gewienertem blauen Teppich mache er oft schon um Mitternacht dicht – um seine Ruhe zu haben. "Ich war ja auch mit 14 ab und zu betrunken", gesteht er, "aber wir wussten uns noch zu benehmen." Besoffene Teenager und Mittzwanziger, so Bornas, die zu vorgerückter Stunde die Trinkhallen stürmten und sich dem "Binge Drinking" - dem Komasaufen - hingäben, gebe es nicht nur in seinem Viertel. Überall in England seien sie "eine Landplage".

Wer Komasaufen für ein deutsches Problem hält, der war wahrscheinlich noch nie in Großbritannien.

Übermäßiger Alkoholkonsum ist hier Volkskrankheit, eine "Epidemie", wie es neulich der britische Ärzteverband ausdrückte. Infektionsherde sind die allgegenwärtigen Pubs – die traditionellen Kneipen im Wohnzimmerlook, in denen abends Angestellte ihren Bürostress herunterspülen und junge Leute fürs Ausgehen vorglühen.

Last Order: Bis 23 Uhr die Pints runterkippen

Die Regierung des damaligen Premiers Tony Blair hatte 2005 eine - vermeintliche - Lösung parat: Schuld am abendlichen Alkoholexzess sei die strenge Sperrstunde um 23 Uhr. Diese zwinge die Pub-Gäste geradezu, in kurzer Zeit so viel wie möglich herunterzukippen, argumentierte Blair. Im November 2005 fiel die alte 23-Uhr-Grenze.

Nun macht Blairs Nachfolger Gordon Brown eine kleine Kehrtwende: Ein von ihm initiierter Bericht räumt ein, dass die Schank-Liberalisierung das in England so beliebte Komasaufen nicht eingedämmt hat. Eine Wiedereinführung der strengeren Sperrzeiten lehnt die Regierung derzeit noch ab – schließt aber für die Zukunft nichts aus.

Die "Last Order" im Pub um kurz vor 23 Uhr gehörte früher zu England wie die Queen oder Fish & Chips. Oft sah man Pub-Gäste, die sich um 22.45 Uhr noch hastig zwei Pints - etwa einen halben Liter - Bier besorgten. Seit 2005 jedoch dürfen sich Pubs bei ihrer Kommune um längere Schanklizenzen bewerben. Viele von ihnen schließen seitdem um Mitternacht, am Wochenende noch später.

Die Blair-Regierung verband damit große Hoffnungen: Der Schwall an Betrunkenen, der sich überall um 23 Uhr auf die Bürgersteige ergoss, sollte verschwinden, Faustkämpfe ums letzte Taxi vermieden werden. Blairs Vision war die "kontinentale Trink-Kultur" – verantwortungsvolle Bürger, die abends gesittet ein Gläschen Rotwein goutieren.

Die schlimmsten Trinker sind noch aggressiver geworden

"Einige Minister bildeten sich wohl ein, das Thekenpersonal würde mit den Stammgästen bald Jean-Paul Sartre diskutieren, statt um 23 Uhr die Last Orders auszurufen", spottete der "Independent on Sunday".

Doch mancher Engländer verstand die im Volksmund "24-Stunden-Trinken" genannte Neuregelung als Einladung, sich noch mehr Alkohol zu genehmigen. Zwar berichtet die Regierung insgesamt von einem ganz "leichten Rückgang des Alkoholkonsums" und von einer "unveränderten Zahl an Straftaten" im Suff. Aber die schlimmsten Trinker sind noch aggressiver geworden.

Der Bericht weist wachsende Gewalttaten zwischen drei und sechs Uhr morgens aus – denn die Täter haben länger Gelegenheit, an Alkohol zu kommen. Besonders an sozialen Brennpunkten, wo die meisten Probleme mit Alkohol auftreten, hat sich die Lage seit 2005 teilweise noch verschlimmert.

Im "Prince of Wales" in Süd-London sieht Wirt Tom Bornas besonders den Wochenenden mit ungutem Gefühl entgegen. Offiziell darf er seit 2005 bis in den frühen Morgen hinein öffnen. Aber aus Furcht vor den ungebetenen Gästen müsse er oft viel früher zusperren.

"Wenn die Kids hier sind, wer sonst will dann was trinken?"

Die neuen Öffnungszeiten sorgten nur für höhere Personalkosten, aber die Umsätze stiegen eben nicht, wenn die Gäste von Jugendhorden vertrieben würden, sagt Bornas: "Wenn die Kids hier sind, wer sonst will dann hier was trinken?", redet er sich in Rage. Um gleich resigniert hinzuzufügen: "Die alte Pub-Kultur stirbt." Vorbei sei die Zeit, in der Familien am Sonntagmittag zum Lunch gekommen seien. Die Kids seien doch nachts damit beschäftigt, sich volllaufen zu lassen.

Einige Straßenblocks weiter ist die Stimmung viel besser: Werner Swanepol lächelt zufrieden, wenn er über seine längeren Öffnungszeiten spricht. Der junge Südafrikaner hat seinen Pub "Aardvark" – komplett mit Laternen, Kamin und roten Plüschsofas – um einen Raum für Live-Musik ergänzt. Hier können Bands am Samstag bis 0.30 Uhr spielen.

Der Ausschank habe deutlich profitiert, sagt Swanepol. Beschwerden von den Nachbarn gebe es keine. Na ja, am Wochenende gehe es nicht mehr ohne zwei Türsteher, um gefährlich Betrunkene loszuwerden, lässt er sich nach einigem Nachfragen entlocken. Aber sonst sei alles in Ordnung.

Nach dem Fall der Sperrstunde sei es nicht so schlimm gekommen wie befürchtet – das war die betont nüchterne Grundbotschaft von Kulturminister Andy Burnham: "Das Gesamtbild ist gemischt. Es ist klar, dass unser Ziel, die Zahl der mit Alkohol verbundenen Straftaten zu senken, nicht überall erreicht wurde." Weniger zurückhaltend drückt es Sir Simon Milton, Präsident des englischen Gemeindebundes, aus: Englands Innenstädte seien nachts zur "No Go Area" geworden. "Man findet dort Jugendliche, die ein Benehmen von ungestüm bis gewalttätig an den Tag legen", so Milton.

Rekord: Eine Million Fälle, in denen Alkohol zu Gewalt führte

Er verweist auf Zahlen, die kürzlich von der Polizei veröffentlicht wurden: Im beschaulichen Universitätsstädtchen Durham, wo Teile der "Harry Potter"-Filme gedreht wurden, wuchs die Zahl der alkoholbedingten Ordnungswidrigkeiten seit Ende 2005 um 300 Prozent auf knapp 700 pro Monat. In Humberside in Nordengland hat sich diese Summe verfünfzehnfacht – auf nun rund 400. In einzelnen Landkreisen stellten die Statistiker andererseits Rückgänge fest. Doch die Polizeistatistik weist für 2007 landesweit eine Million Fälle aus, in denen Alkohol zu Gewalt führte – ein peinlicher Rekord für Brown.

Während Milton eine Rücknahme der Liberalisierung fordert, will Kulturminister Burnham die Entwicklung erst mal weiter beobachten – und den Alkoholmissbrauch strenger bekämpfen. Der Verkauf an Jugendliche solle nun strenger überwacht werden. Wer sich öffentlich betrinkt und daneben benimmt, müsse in Zukunft mit Strafgeldern bis zu 2500 Pfund (rund 3300 Euro) rechnen. Jugendliche, die erwischt werden, sollen zusammen mit ihren Eltern zum Benimmkurs.

Kneipenwirt Werner Swanepol hält alle Appelle aus der Politik für wirkungslos: "Wenn die Leute trinken wollen, dann trinken sie."

Gut fürs Business sei das allemal.

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