Alkoholmissbrauch Schüler stirbt nach Flatrate-Party - Entsetzen in Berlin

Kampftrinken und Komasaufen als Sport: Rapide steigt die Zahl von Jugendlichen, die nach exzessivem Alkoholmissbrauch im Krankenhaus behandelt werden müssen. Der Tod eines 16-Jährigen erschüttert Mitschüler und Politiker.


Berlin - Heute Nacht starb ein Berliner Gymnasiast, der vor einem Monat mit 4,8 Promille ins Krankenhaus eingeliefert wurde und seitdem im Koma lag. Der 16-Jährige soll bei einer sogenannten Flatrate-Party in einer Bar, bei der die Gäste zum Pauschalpreis so viel trinken können wie sie wollen, mehr als 50 Gläser Tequila getrunken haben.

Schnaps satt: Nach dem Tod eines Berliner Jugendlichen ermittelt die Polizei
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Schnaps satt: Nach dem Tod eines Berliner Jugendlichen ermittelt die Polizei

Auf RTL berichteten Freunde des Jungen von dem Zusammenbruch. Der Junge sei eingenickt, dann habe er sich übergeben. Sie hätten ihn auf die Seite gelegt, plötzlich sei sein Gesicht blau angelaufen. Dann hätten sie Hilfe geholt, berichtete ein Mädchen.

Der Wirt des Lokals, in dem der Jugendliche kollabierte, äußerte sich im Interview mit SPIEGEL TV Magazin vor zwei Wochen: Das Herz des Jungen habe einen letzten starken Schlag getan, dann hätten die Helfer keinen Puls mehr gespürt und sofort mit den Wiederbelebungsmaßnahmen begonnen. Er betonte, in seiner Kneipe habe der junge Mann keinen Schnaps bestellt. Lukas B. habe bei ihm ein Bier geordert, später sei er dann zusammengebrochen.

Eine Obduktion solle nun die genaue Todesursache klären, sagte Polizeisprecher Bernhard Schodrowski. Die Kriminalpolizei ermittelt zudem, ob andere Lokalbesucher oder der Wirt für den Tod des Schülers mitverantwortlich sind, weil sie ihn nicht vom Trinken abgehalten haben. "Dafür müssen wir auch klären, wie der Abend genau verlaufen ist", sagte Schodrowski. Noch sei unklar, ob der Schüler alleine oder in einer Gruppe unterwegs gewesen sei, was und wie viel er im Laufe des Abends getrunken habe.

In der Schule des 16-Jährigen wurde die Nachricht vom Tod des Gymnasiasten mit Betroffenheit aufgenommen. "Im schulischen Rahmen werden wir von ihm Abschied nehmen", hieß es in einer Erklärung der Leitung des Dreilinden-Gymnasiums in Berlin Zehlendorf. Unabhängig von dem Vorfall werde die Drogen- und Gewaltprävention fortgesetzt.

"Wir haben es hier mit einem gesellschaftlichen Phänomen zu tun, das uns sehr besorgt und dem nur durch langfristige Zusammenarbeit von Elternhaus, Schule, Politik und Öffentlichkeit begegnet werden kann." Die Schüler erhielten neben fachspezifischen schulischen Angeboten psychologische Beratung.

Politiker fordern stärkere Kontrollen

Berlins Bildungssenator Zöllner hat nach dem Tod eines 16-Jährigen strengere Kontrollen in Gaststätten angeregt. "Ich gehe davon aus, dass es da noch einen Spielraum gibt." Die Kneipenwirte könnten stärker angehalten werden, auf die bestehenden Gesetze zu achten. Laut Gaststättengesetz dürfen Bier, Wein und Sekt nicht an unter 16-jährige Jugendliche, sogenannte branntweinhaltige Getränke nicht an unter 18-Jährige abgegeben werden. Außerdem ist Wirten nicht erlaubt, offensichtlich Betrunkenen weiteren Alkohol auszuschenken.

"Nicht das bestehende Gesetz ist falsch", sagte Zöllner. "Wir wissen, dass das, was passiert ist, nicht hätte passieren dürfen." Die primäre Frage sei daher, ob bestehende Vorgaben und Gesetze eingehalten werden - "und wenn nicht, wie man dafür sorgt, dass sie entweder freiwillig eingehalten oder kontrolliert werden". Wenn man nicht in der Lage sei, das Gesetz mit einem Ausschankverbot an unter 16-Jährige durchzusetzen, erübrige sich die Frage, ob man das Ausgabealter auf 18 Jahre erhöhen solle.

Der Bildungssenator betonte, dass es unmöglich sei, Jugendliche gänzlich von Alkohol fernzuhalten. "In einer Gesellschaft, in der man Alkohol trinkt, sollte man nicht so tun, als ob man Jugendliche tatsächlich so lange davon fernhalten könne, bis es ihnen das Gesetz erlaubt", sagte Zöllner. "Wir sollten nicht so tun, als ob wir ein Paradies schaffen könnten." Vielmehr sei es eine Aufgabe von Bildung und Erziehung, junge Menschen so zu erziehen, dass bestehende Gesetze nicht missbraucht werden.

Die Berliner CDU-Fraktion forderte dagegen eine Erhöhung des Abgabealters von 16 auf 18 Jahre. Außerdem müsste es in der Gastronomie und im Handel mehr Kontrollen geben, erklärte der gesundheitspolitische Sprecher Mario Czaja.

Am vergangenen Wochenende war in Berlin eine 15-Jährige mit einer Alkoholvergiftung und Unterkühlung ins Krankenhaus eingeliefert worden. Sie hatte einen Blutalkoholwert von über 4,0 Promille. Das Mädchen soll in einem Volkspark mit anderen Jugendlichen getrunken haben. Nach Polizeiangaben stürzte sie und wurde bewusstlos. Nach einer Studie des Robert-Koch-Instituts erleben Berliner Schüler ihren ersten Rausch im Schnitt mit 13 Jahren. Erstmals in Kontakt mit Alkohol kommen sie schon gut ein Jahr früher. Nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat bundesweit bereits mehr als ein Drittel der 12- bis 17-Jährigen einen Alkoholrausch erlebt.

Berlins Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (Linkspartei.PDS) hatte jüngst an Eltern appelliert, ihre Kinder verstärkt auf die Gefahren des Alkohols hinzuweisen und selbst Vorbild zu sein.

2005 mussten in Berlin 274 Kinder und Jugendliche alkoholbedingt stationär behandelt werden. Im Jahr 2000 waren es 156. Eine "kleine Gruppe von Kindern und Jugendlichen" betreibe das "Kampftrinken und Komasaufen" als Sport, hatte Knake-Werner kritisiert.

jto/ddp/dpa/AP



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Seite 1
inci 10.03.2007
1.
---Zitat von sysop--- Saufen bis der Arzt kommt - der Trend nimmt unter Jugendlichen in ganz Deutschland zu. Hilft nur ein Alkoholverbot? ---Zitatende--- das ist eher ein ganz "alter" trend, auch ich und meine freunde haben in teeniezeiten dem alkohol gelegentlich recht heftig zugesprochen, und das nicht nur während des karnevals. die in den letzten tagen und wochen hochgekochte dringlichkeit ist lediglich phase I in der strategie von herrn kyprianou, europas bürger dank gesundheitskontrolle unsterblich zu machen. und wie man sieht, haben wir schon die diskussion zu dem thema.
Roller, 10.03.2007
2.
---Zitat von sysop--- Saufen bis der Arzt kommt - der Trend nimmt unter Jugendlichen in ganz Deutschland zu. Hilft nur ein Alkoholverbot? ---Zitatende--- Wie man aus der Vergangenheit weiss, sind Verbote nicht sehr effektiv. Warum stellt man nicht erstmal die Alkohol Werbung ein und verhindert gesetzlich, dass Jugendliche ab 16 sich legal mit Bier besaufen koennen? Es kann doch auch nicht sein, dass nachmittags das Kinderprogramm mit Alkoholwerbung zugepflastert wird. An Hand der Gesetze kann man doch schon sehen, wer in Deutschland das Sagen hat: Autoindustrie,Pharmaindustrie und Jägermeister + Co. Gruss Roller
GeneralPatton, 10.03.2007
3.
Sowas gabs doch schonmal in den 30ern. Da hatte es auch nicht geholfen, ja sogar einige ziemlich üble Nebeneffekte. Verbote helfen da gar nichts. Ich trink ja selber auch hin und wieder gerne einen über den Durst, aber dann gehts mir am nächsten Tag beschissen und ich halt mich für die nächste Zeit davon fern. Scheint fast so als sei manchen Menschen in dieser Hinsicht der gesunde Menschenverstand abhanden gekommen.
vaikl 10.03.2007
4.
Es gibt 2 Alternativen zum Alkoholverbot: 1.) Man überlässt diese vollhorstigen Komasäufer sich selbst, leistet weder Erste Hilfe noch Therapie und bittet die Eltern/Angehörigen wg. der Sekundärschäden zur Kasse oder 2.) Man bürdet *alle* primären und sekundären Kosten, die der Gesellschaft aufgrund von ärtzlicher Notfallversorgung, Blockierung von Notfallaufnahmeplätzen, Krankenhausbetten und Therapieplätzen, Unfallschäden, Versorgung von Verkehrsopfern, polizeilichen Ermittlungen und Gerichtskosten entstehen, den Komasäufern *allein* auf, weil man in solchen Fällen nicht mehr auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren darf.
JoergB, 10.03.2007
5.
Ja genau, sofort alles verbieten was einem irgendwie Kopfzerbrechen bereitet. Das ist am einfachsten...
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