Messerangriff in Altena "Wie geht es Ihnen, Herr Bürgermeister?"

Ein Mann griff mit einem Messer Altenas Bürgermeister Hollstein an: Weil der mehr Flüchtlinge in die Stadt holte, als er gemusst hätte. Nach der Tat erhielt der Politiker Hass-Zuschriften. Er macht trotzdem weiter.

DPA

Von , Altena


Zwei Tage nach dem Angriff auf ihn sitzt Andreas Hollstein in seinem Büro im Altenaer Rathaus und liest aus seinen E-Mails vor. Es ist ein Potpourri aus Nachrichten, die er in den vergangenen Stunden erhalten hat. Hollstein atmet tief ein und aus, dann legt er los:

"Hätte er Sie doch nur richtig erwischt, Sie Schwein!"

Oder: "Was denkst du, wer du bist? Du Asylantenhelfer!"

Oder auch das: "Eine Wunde unter einem vier Zentimeter langen Pflaster, was für eine Lächerlichkeit." Dahinter stehen fünf Smileys. Und weiter: "Wer denkt an all die Opfer, die dieses widerliche Asylantenpack auf dem Gewissen hat?"

Hollstein hat seit dem Attentat rund 500 Nachrichten bekommen, per E-Mail und über Facebook und Twitter. Die meisten Absender, sagt er, hätten Anteil genommen und ihm gute Besserung gewünscht. Doch was hängen bleibe, seien die knapp 20 hässlichen Kommentare. "Ich habe für ein paar Sekunden um mein Leben gekämpft", sagt Hollstein, "und dann kommt das noch hinterher."

"Das letzte Glied in einer Kette aus Hass und Gewalt"

Am Montagabend attackierte ein Mann Andreas Hollstein in einem Dönerimbiss in Altena, er zog ein Messer und verletzte den Bürgermeister am Hals. Der Angreifer hatte Hollstein zuvor wegen dessen liberaler Flüchtlingspolitik beschimpft.

Seit dem Vorfall ist in dem kleinen Städtchen im Sauerland nichts mehr wie es war, nicht nur wegen des Attentats auf Hollstein, sondern auch wegen des fremdenfeindlichen Motivs des Täters. Die Menschen in Altena fühlen sich, als wären sie selbst von ihm angegriffen worden, viele engagieren sich seit Langem in der Flüchtlingshilfe.

In seinem Büro streicht Hollstein mit der Hand über das Pflaster auf seinem Hals. Der Übergriff im Dönerladen, sagt er, sei "nur das letzte Glied in einer Kette aus Hass und Gewalt" gewesen.

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Attentat in Altena: Der Angriff auf Andreas Hollstein

2015 entschied Hollstein, mehr Flüchtlinge aufzunehmen, als seine Stadt gemusst hätte: 370 statt 270. Seit den Siebzigerjahren hat der Ort fast die Hälfte seiner Bevölkerung verloren, rund 17.000 Menschen leben heute noch dort. Nur ein paar Touristen, die die Burg Altena besuchen, ziehen durch die schmalen Gässchen der Stadt, sonst ist nicht viel los.

Vor zwei Jahren standen viele Wohnungen leer, es zogen Familien aus Syrien, dem Irak oder Eritrea ein, die eine Zukunftsperspektive suchten, wie Altena auch. "Eine Win-Win-Situation", sagt Hollstein. Seine Stadt gilt inzwischen als Vorzeigeort in Sachen Flüchtlingspolitik, im Mai wurde Altena von Angela Merkel mit dem Nationalen Integrationspreis ausgezeichnet.

Im Video: Angriff auf Bürgermeister von Altena

Doch nicht alle Einheimischen sind stolz darauf, manche greifen zu extremen Mitteln, zum ersten Mal geriet die Stadt deswegen vor zwei Jahren in die Schlagzeilen.

Im Oktober 2015 legten ein Feuerwehrmann und sein Freund einen Brand im Haus syrischer Flüchtlinge. Sie kippten Benzin auf dem Dachboden aus, zündeten es an und kappten die Telefonleitung. Es blieb bei einem Schwelbrand, von den Hausbewohnern wurde niemand verletzt. Das Landgericht Hagen verhängte mehrjährige Haftstrafen gegen die Männer.

Haftbefehl wegen versuchten Mordes

Jetzt traf es Hollstein. Als er am Montagabend im City Döner auf sein Essen wartete, betrat Werner S. den Imbiss. Der 56-jährige Altenaer ist ein arbeitsloser Maurer, die Stadtwerke haben bei ihm daheim kürzlich das Wasser abgestellt, weil das Haus zwangsversteigert werden soll. S. erkannte den Bürgermeister im Imbiss und pöbelte los: "Sie holen 200 Flüchtlinge hierher, und mich lassen Sie verdursten."

Dann zog S. ein Messer, er packte Hollstein von hinten und schnitt ihm in den Hals. Hollstein konnte den Arm des Angreifers wegdrücken, der Imbissbesitzer und sein Vater kamen zu Hilfe, sie schlugen S. das Messer aus der Hand. Kurz darauf stürmten Polizisten mit gezogener Waffe in den Dönerladen und nahmen S. fest.

Hollstein kam glimpflich davon, außer der Schnittwunde am Hals trug er keine Verletzungen davon. Gegen S. wurde Haftbefehl wegen versuchten Mordes erlassen. Bei der Tat war er betrunken: circa 1,2 Promille. In den vergangenen Jahren lebte er alleine und zurückgezogen. Man habe S. selten gesehen, sagen Nachbarn, ein paar von ihnen kannten bis jetzt nicht mal seinen Namen.

Schon am Tag nach dem Angriff saß Hollstein wieder an seinem Schreibtisch im Rathaus. "Ich hätte mich krankschreiben lassen und alleine über die Sache grübeln können", sagt er, "aber einer muss bei dem Thema ja mal das Maul aufmacht." Er werde schon lange angefeindet, seit Jahren würden Hassbotschaften bei ihm einlaufen. Es gehe dabei längst nicht mehr nur um Flüchtlinge.

Lichterkette gegen Hass und Gewalt

Kürzlich verhandelte der Stadtrat darüber, die Feuerwehr neu zu organisieren. Einem Bürger passte das nicht, er gestaltete am Computer ein Foto, auf dem Hollsteins Haus in Flammen steht, dann teilte er es über Facebook, so berichtet es Hollstein. Der Bürgermeister erzählt auch von Bildern, die Kollegen aus dem Stadtrat am Galgen hängend zeigen.

Es werde immer schwieriger, ehrenamtliche Kommunalpolitiker zu finden, sagt der Bürgermeister. "Viele haben einfach Angst." Die Sitten seien verroht, die Grenzen des Sag- und Machbaren hätten sich verschoben. Hollstein glaubt, dass die vergiftete Stimmung auch auf das Konto der AfD gehe. Die Partei, sagt er, würde den Sozialneid befeuern.

Die nordrhein-westfälische AfD-Landtagsfraktion verurteilte das Attentat. Doch man beließ es nicht dabei. Es müsse diskutiert werden, hieß es in einer Pressemitteilung, ob Hollstein mit seiner Flüchtlingspolitik tatsächlich im Sinne der Bürger handele oder "lediglich einer ideologischen Maxime" folge.

"Natürlich hinterfragen wir uns jetzt alle", sagt Anette Wesemann, die in der Stadtverwaltung Altena für die Betreuung und Integration von Flüchtlingen zuständig ist. Wesemann steht am Abend nach dem Angriff auf Hollstein vor dem City Döner und hält eine Kerze in der Hand, rund 200 Menschen sind zur "Lichterkette gegen Hass und Gewalt" gekommen.

"Wir profitieren davon, dass diese Menschen bei uns leben"

Wesemanns Büro hat vier Mitarbeiter, sie zeigen den Flüchtlingen, wo der nächste Discounter ist, vermitteln Praktika oder Ausbildungsplätze. Die Stadt hat jeder Flüchtlingsfamilie und jeder Flüchtlings-WG einen sogenannten Kümmerer zugewiesen, alteingesessene Bürger der Stadt helfen den Neuankömmlingen mit Behördengängen oder einem warmen Wollpullover im Winter.

Vieles klappe, sagt Wesemann, manches nicht. Ihr ist es wichtig, auch über die Probleme zu sprechen. Über jene Bürger, die sich bei ihr melden, um sich über das Verhalten mancher Flüchtlinge zu beschweren. Mal geht es um Müll, mal um Lärm. "Syrische Kinder gehen nicht um 19 Uhr ins Bett", sagt Wesemann.

Natürlich gebe es auch Flüchtlinge, die "einfach faul" seien, sagt sie. Junge Männer, die eine neue Wohnung bekämen und dann bei einer Tasse Tee darauf warten würden, bis die Mitarbeiter der Stadt ihre Umzugskartons auspacken. "Auch wir kriegen da einen dicken Hals, das können Sie mir glauben", sagt Wesemann. Und dennoch überwiege das Positive.

Zurzeit baut eine Gruppe Flüchtlinge eine Begegnungsstätte für alte und neue Bürger der Stadt. Vor zwei Jahren stand ein Altenaer Kindergarten vor dem Aus, es gab zu wenig Nachwuchs. Jetzt spielen dort auch 53 Mädchen und Jungen aus Flüchtlingsfamilien, die Schließung ist für die kommenden Jahre abgewendet.

"Wie geht es Ihnen, Herr Bürgermeister?" - "Gut, vielen Dank fürs Kommen."

"Wir profitieren davon, dass diese Menschen bei uns leben", sagt Wesemann. Sie meint damit auch Leute wie Nazir Mohseni, 29, aus Afghanistan. Man kann Mohseni beim Deutschunterricht treffen, in der Volkshochschule, die nur 50 Meter vom Haus von Werner S. entfernt liegt. Mohseni kam 2015 nach Altena. Als Schiit, erzählt er, sei er in seiner Heimat von sunnitischen Kämpfern verfolgt worden. Er war früher Schneider, er hatte einen kleinen Laden und vier Mitarbeiter. "Ich habe alles verloren", sagt er.

Die Stadt Altena half ihm, eine Ausbildung bei der Post zu bekommen, als Paket- und Briefzusteller. Mohseni steht jetzt jeden Morgen um 5 Uhr auf, trägt Briefe in Altena aus. "Viel frische Luft", sagt er und grinst. "Mein Traumjob."

Nur einmal sei er auf der Straße angefeindet worden. Er trug ein traditionelles afghanisches Gewand, das ihm seine Mutter zugeschickt hatte. Ein Mann habe ihn böse angesehen und "geh mal lieber schnell weiter" gesagt.

Und der Angriff auf den Bürgermeister?

Mohseni schluckt. "Ich weiß, was es heißt, bedroht und angegriffen zu werden", sagt er. Am Tag nach dem Attentat fuhr er deswegen nach dem Unterricht in der Berufsschule ins Rathaus. Er ging zu Hollstein, fragte: "Wie geht es Ihnen, Herr Bürgermeister?" Hollstein sagte: "Gut, vielen Dank fürs Kommen." Dann umarmten sie sich, die beiden.

Pling! In Hollsteins E-Mail-Postfach ist die nächste Nachricht gelandet. Der Bürgermeister überfliegt sie kurz, dann sagt er: "Genau das meine ich!" Hollstein liest laut aus der E-Mail vor:

"Mann, ist das peinlich. Du lächerliche Witzfigur. Normalerweise müsste 24 Stunden am Tag über die deutschen Opfer berichtet werden, die von Verbrechern wie Merkel traumatisiert wurden. Leid tut mir der arme Maurer. Schade, dass du nicht noch ins Arschloch gefickt wurdest."

Hollstein druckt die E-Mail aus, dann steht er auf und schnappt sich seine Jacke. Er will gleich zur Polizeistation, Strafanzeige stellen.

Video: Der Angriff auf Altenas Bürgermeister

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