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Versteigertes Dorf Alwine: „Was heißt denn das konkret, Erfinderdorf?“

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Versteigertes Dorf Alwine "Ich hätte über mir noch ein Zimmer frei"

Alwine in Brandenburg wurde versteigert, dann trat der Käufer vom Erwerb zurück, nun gibt es einen neuen Investor - und ein abenteuerliches Konzept für das Dorf. Was halten die Bewohner davon?

Es ist nur ein kleiner Scherz, aber für einen kurzen Moment schmilzt die Distanz zwischen Gerhard Muthenthaler und Paul Urbanek, und das scheint beide zu freuen. Die beiden Männer haben nicht viel gemeinsam. Urbanek ist Rentner und hat früher auf einem Friedhof gearbeitet, seine Pranken erzählen von jahrelanger Schufterei. Muthenthaler hat Jura studiert, berät Erfinder bei der Vermarktung und trägt gelbe Socken mit roten Kirschen darauf.

Muthenthaler sagt: "Auch ich kann mir vorstellen, hier hinzuziehen." In der vergangenen halben Stunde hat Urbanek nur gelegentlich an seinem Kaffee genippt, ansonsten saß er ohne Regung und hat sich angehört, was Muthenthaler erzählte. Jetzt aber hebt Urbanek den Kopf: "Ich hätte über mir noch ein Zimmer frei." Muthenthaler lacht, Urbanek lacht, sie alle lachen, in diesem Versammlungsraum in der südbrandenburgischen Provinz, und zum ersten Mal wirkt es, als sei man sich nähergekommen.

Tatsächlich ist in Urbaneks Haus nicht nur ein Zimmer frei, sondern fast alle. Und fast alle sind unbewohnbar, die bisherigen Besitzer ließen das Haus verfallen. Urbanek ist einer der letzten verbliebenen Einwohner von Alwine, jener winzigen Siedlung im Landkreis Elbe-Elster, die vor wenigen Monaten plötzlich in die Schlagzeilen geriet - ein Auktionshaus versteigerte sämtliche Häuser auf einmal, ein ganzes Dorf wurde für 140.000 Euro verkauft.

"Du musst Dich trauen zu träumen"

Anfang des Jahres aber trat der Käufer vom Erwerb zurück, für die Bewohner begann erneut das Bangen um die Zukunft. Vor einigen Wochen fand sich schließlich ein neuer Investor. Nach einem "Projekt" habe er gesucht, sagt der Mann, der anonym bleiben möchte, und in Alwine habe er seine Chance gesehen. Sein Versprechen an die Bewohner: Die Häuser werden saniert, die Bewohner dürfen bleiben.

Dieses Projekt, von dem der Mann spricht, heißt "Erfinderdorf", und erdacht wurde es von Gerhard Muthenthaler und seinem Geschäftspartner Marijan Jordan. Der neue Besitzer von Alwine holte die beiden Männer mit an Bord, und an diesem Nachmittag sind sie gekommen, um den Bewohnern ihre Pläne zu erklären - sie wollen, das sagen sie, alle miteinbeziehen.

Die beiden Österreicher nennen sich Erfinderberater, in Berlin betreiben sie den "Erfinderladen", einen Testmarkt für Erfindungen. Das Erfinderdorf soll ähnlich funktionieren: ein Open-Air-Showroom, sagt Muthenthaler. Zwei Erfinder haben Muthenthaler und Jordan an diesem Nachmittag mitgebracht, damit die Bewohner eine Vorstellung bekommen: Der eine hat wärmereflektierende Gebäudebeschichtung im Gepäck, der andere ein stromproduzierendes Spezialglas.

"Wir sind in der allerersten Phase", räumt Muthenthaler ein, sie suchten nach Partnern und Ideen, seien offen für alles. "Du musst Dich trauen zu träumen - und vielleicht auf die Schnauze zu fallen."

Den Bewohnern von Alwine scheint es allerdings weniger um Träume zu gehen als um trockene Wohnungen.

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Versteigertes Dorf Alwine: „Was heißt denn das konkret, Erfinderdorf?“

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Rund zwei Stunden vor dem Treffen im Versammlungssaal, steht Paul Urbanek vor seinem Haus und kratzt sich den weißen Bart. Im Garten weht eine HSV-Fahne, ursprünglich kommt Urbanek aus der Nähe von Kiel. Seit sieben Jahren wohnt er in Alwine. Dach abdichten, Fenster und Fußboden erneuern, Außenwände trockenlegen - mehr wolle er gar nicht. "Der Vorbesitzer hat nichts gemacht", sagt der 72-Jährige. "Nur kassiert hat der." Urbanek will bloß seine Ruhe. "Hier", sagt er und deutet um sich, "kann ich tun und lassen, was ich will."

"Was heißt denn das konkret, Erfinderdorf?"

Gegen 15.30 Uhr beginnt das Treffen, gut 30 Leute strömen in den Versammlungsraum im Nachbarort. Fast alle Einwohner von Alwine kommen, insgesamt knapp 15, dazu einige Kommunalpolitiker, ein Fernsehteam, reichlich Pressevertreter - sie alle wollen wissen, wie es mit Alwine weitergeht.

Als Gerhard Muthenthaler nach vorn tritt, hebt er als allererstes die Hände und sagt: "Niemand muss raus" - die Bewohner nicken zufrieden. Dann erzählt Muthenthaler von den Plänen für das Erfinderdorf. Sie hätten bereits E-Mails erhalten von Menschen, die gern nach Alwine ziehen würden, sagt er - niemand regt sich. "Man muss ein bisschen verrückt sein", sagt Muthenthaler - ratlose Gesichter. Noch Fragen? Stille.

Dann ergreift der Pfarrer das Wort: "Was heißt denn das konkret, Erfinderdorf?" Zunächst gehe es um Lebensqualität, das dürfe man nicht vergessen bei all der "Erfinderei". Muthenthaler beschwichtigt: Zunächst werde saniert, dann weitergeschaut.

"Das hört sich ganz gut an", sagt Urbanek, als er nach dem Vortrag mit einigen Nachbarn zusammensitzt. Aber ob es funktioniert? Urbanek lehnt sich zurück, reibt sich den Bart und kneift die Augen zusammen: "Hundertprozentig überzeugt bin ich nicht."

Gerhard Muthenthaler gibt sich indes zufrieden, man sei in ein erstes Gespräch gekommen mit den Bewohnern, das sei das Ziel gewesen. Am Ende aber, als er noch mit zwei interessierten Frauen aus der Gegend am Tisch sitzt, da sagt er: "Die Kommunikation, die könnte ein bisschen schwierig werden." Sie haben eben nicht viel gemeinsam. Aber sie können miteinander lachen, das ist wohl ein Anfang.

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