Essener Bischof über Amazonas-Synode "Danach ist nichts mehr wie zuvor"

In Rom beginnt am Sonntag die Amazonas-Synode. Wird der Papst das Priesteramt für verheiratete Männer öffnen? Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck über große Erwartungen und innerkirchliche Hindernisse.

Indigene mit katholischem Priester im peruanischen Puerto Maldonado (Archivbild)
Rodrigo Abd/ AP

Indigene mit katholischem Priester im peruanischen Puerto Maldonado (Archivbild)

Ein Interview von


Zur Person: Franz-Josef Overbeck
  • Kay Nietfeld/ DPA
    Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck wurde 1964 in Marl geboren. Er ist seit 2010 für das kirchliche Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat tätig und Mitglied der Päpstlichen Kommission für Lateinamerika (CAL). Papst Benedikt XVI. ernannte ihn 2011 zum Militärbischof der Bundeswehr.

SPIEGEL: Kurz vor Beginn der Amazonas-Synode hat sich die Situation in der Region zugespitzt: Der Regenwald brennt, Lebensraum der Indigenen wird vernichtet, die Folgen für das Weltklima sind immens.

Franz-Josef Overbeck: Diese Brände sind wie ein Menetekel, ein Mahnruf, dass wir uns dringend auf Standards verständigen müssen, um die grüne Lunge der Erde zu retten. Alle Fehlentwicklungen, auf die wir seit Jahren hinweisen, treten hier zutage. Wenn Brasiliens Präsident Bolsonaro dann auch noch ein 20-Millionen-Dollar-Hilfsangebot der G7-Länder ausschlägt, gießt er buchstäblich Öl ins Feuer und ignoriert die Nöte der Indigenen.

SPIEGEL: Welche Lösungen hat die Kirche für die Probleme Amazoniens?

Overbeck: Wir fördern etliche Hilfsprojekte in der Region und sind fast überall präsent. Deshalb können wir sehr gut vernetzen. Wir genießen bei vielen Menschen Vertrauen und können Einfluss nehmen auf die Verwaltungen und die Menschen vor Ort. Es geht um den Kampf gegen Umweltzerstörung aus Profitgier, um die Bewahrung der indigenen Kultur, um Hilfe für die Armen und um Bildung.

SPIEGEL: Korruption und mafiöse Strukturen erschweren doch aber eine Einflussnahme in der Region, die Gewaltschwelle ist niedrig.

Overbeck: Ja, es ist extrem wichtig, die richtigen Ansprechpartner zu finden. Sobald die örtlichen Verantwortlichen ausschließlich politisch-ideologisch motiviert handeln, wird es schwierig. Bei massiven wirtschaftlichen Interessen bleibt oft nur der öffentliche Protest - und den haben viele engagierte Menschen schon mit ihrem Leben bezahlt.

Feuerwehrleute im brasilianischen Amazonasgebiet
Bruno Kelly/ REUTERS

Feuerwehrleute im brasilianischen Amazonasgebiet

SPIEGEL: Amazonien ist Schauplatz massiver Gewalt und blutiger Konflikte. Sie sind seit vielen Jahren Militärbischof und betonen, militärische Gewaltanwendung sei nötig, um den Weltfrieden zu garantieren. Ist das christlich?

Overbeck: Das Evangelium sagt, zur Nächstenliebe gehöre auch die Liebe zu sich selbst. Manchmal muss man Gewalt androhen, damit Gewalt nicht angewendet wird oder aufhört. Der ethische Auftrag deutscher Soldaten und Soldatinnen heute ist es, für Sicherheit, Frieden und Gerechtigkeit einzustehen. Dabei haben sie unter anderem ein Recht auf Selbstverteidigung. Aber es geht nie um das Töten von Menschen an sich.

SPIEGEL: "Friedensdienst" ist doch aber nur der gängige Euphemismus für ein sehr schmutziges Geschäft. Im Ernstfall töten Soldaten oder werden getötet, während andere mit Waffenhandel Geld verdienen.

Overbeck: Aus dieser Gefahr kommt letztlich keiner heraus. Aber nur mit einem gesinnungsethischen Ansatz lösen Sie das Problem nicht, dann wären Sie jenseits dieser Welt. Ich ermuntere niemanden zu Krieg oder Gewalt. Im Gegenteil, ich ermuntere zu Frieden. Aber es ist der Komplexität der Welt geschuldet, dass Soldaten den Frieden in extrem gewaltträchtigem Umfeld verteidigen müssen, und das hat sehr konkrete Folgen.

SPIEGEL: Was kann die Amazonassynode überhaupt leisten?

Overbeck: Es werden unter anderem Vertreter aus mehr als 110 Diözesen des Amazonasgebietes nach Rom kommen. Das ist ein wichtiges Forum der Auseinandersetzung. Die Kirche muss das Bewusstsein dafür schärfen, dass die Ausbeutung der Natur ein Ende haben muss. Und wir müssen die politische Schlagkraft vor Ort erhöhen. Die Synode bedeutet eine Zäsur, weil deutlich wird, wie sehr ein riesiges Problem einer sehr großen Region unserer Erde ein Problem für alle Menschen und die ganze Welt werden kann. Wir wollen diese Herausforderungen annehmen und alles Menschenmögliche für eine Lösung tun. In diesem Sinn, so hoffe ich, ist danach nichts mehr wie zuvor.

SPIEGEL: Die Synode ist aber auch Kampfarena innerkirchlicher Gegner. Konservative Kräfte argwöhnen, dass deutsche Bischöfe die Synode instrumentalisieren wollen, um ihre liberale Agenda durchzudrücken.

Overbeck: Das ist Unsinn. Die Probleme, um die es auf der Synode geht, sind so handfest, dass die Menschen im Amazonasgebiet darauf Antworten brauchen. Die Kirche hat eine Schöpfungsverantwortung, die sich aus unserem Glauben ergibt - und die in diesem Fall politisch ist. Die pastorale Situation in Amazonien ist oft so schwierig, dass etwa der Priestermangel in Deutschland im Vergleich geradezu harmlos wirkt. Es gibt riesige Gebiete, die von einigen wenigen Geistlichen betreut werden. Darunter leidet die Seelsorge. Dafür brauchen wir Lösungen.

SPIEGEL: Dieses Seelsorge-Vakuum wird zunehmend von Evangelikalen und Pfingstkirchen gefüllt.

Overbeck: Ja, sehr oft. Darum müssen wir uns fragen: Wie können wir mit kreativen Lösungen neue und attraktive, den Glauben und die Kirche stärkende Wege gehen? Während die Sekten immer mehr Zulauf haben, sinkt die Zahl der Katholiken in der Region. Daher gilt es, Lösungen zu finden, damit Gottesdienste überall und regelmäßig möglich sind.

SPIEGEL: Die wenigen katholischen Priester müssen immense Strecken zurücklegen, um ihre Gemeinden zu besuchen. Das Arbeitspapier zur Synode empfiehlt, ältere und angesehene Familienväter (Viri probati) zur Priesterweihe zuzulassen, um eine Versorgung der Gläubigen vor Ort zu gewährleisten.

Overbeck: Das wäre für unsere Tradition ein großer Schritt. In der katholischen Kirche gibt es in Ausnahmefällen verheiratete, ehemals evangelische Pfarrer, die zur katholischen Kirche konvertiert sind und nun dort priesterlichen Dienst verrichten. Auch aus der Orthodoxie kennen wir den verheirateten Klerus. Aber für uns ist das neu. Angesichts des andauernden Priestermangels sollte man darüber nachdenken. Das Zölibat grundsätzlich aufzugeben, halte ich aber für falsch.

SPIEGEL: Wird der Papst in Amazonien die Viri probati zulassen, um dann sukzessive das Priesteramt weltweit für Verheiratete zu öffnen?

Overbeck: Bei dieser Frage gerät man schnell zwischen viele, vor allem auch innerkirchliche Fronten. Sagen wir so: Es wäre ein Wunder - und Wunder brauchen Zeit. Die Umsetzung solcher Neuerungen ist eine Riesenherausforderung und bedarf der Prüfung. Aber sie ist möglich. Franziskus will zu Recht die Viri probati nicht zum Politikum machen. Sein Ziel ist es, die Kirche zusammenzuhalten und eine Spaltung auf jeden Fall zu vermeiden.

SPIEGEL: Es sollen vor allem Indigene berufen werden, um der Kirche vor Ort ein "amazonisches Antlitz" zu verleihen.

Overbeck: Dahinter steht die Frage, wie Inkulturation funktioniert und was sie heute konkret bedeutet. Die klassisch missionarischen, kolonialen Parameter gelten in so gut wie allen Fällen nicht mehr. Unsere Kirche will nicht klerikal und bevormundend auftreten. Wir setzen auf Dialog und pastorale Sensibilität.

Angehörige der brasilianischen Xikrin im nördlichen Bundesstaat Para
Fernando Bizerra/ EPA-EFE/ REX

Angehörige der brasilianischen Xikrin im nördlichen Bundesstaat Para

SPIEGEL: Die Frauenordination ist offenbar kein Thema. Es wird aber angeregt, Frauen vermehrt in Führungspositionen zu bringen.

Overbeck: Das Gesicht der Kirche vor Ort ist schon jetzt ein weibliches, die Arbeit etwa der Ordensfrauen unverzichtbar. Aber die Rolle der Frau in der Gesellschaft ist in Mittel- und Südamerika, der Karibik und in vielen anderen Teilen der Welt eine andere als bei uns. Die Gleichstellung wird langfristig kommen, auf welche Weise auch immer. Ich denke aber nicht, dass dieser Aspekt auf der Amazonas-Synode eine große Rolle spielen wird.

SPIEGEL: In seinem Brief "an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland" warnte der Papst im Juni vor einer Verweltlichung der Kirche. Wollte er deutsche Reformer abwatschen und mehr Synodalität, also Teilhabe und Demokratie, verhindern?

Overbeck: Papst Franziskus ruft die deutschen Katholiken nicht zur Ordnung. So verstehe ich den Brief nicht. Er ermutigt uns, geduldig einen gemeinsamen Weg zu gehen, der zutiefst spirituell ist und der Mission in unserem Land dient. Und er gibt zu verstehen, dass wir in der Frage der Synodalität keinen nationalen Einzelweg beschreiten können und dürfen, sondern weltkirchlich - ganz im Sinne der ganzen Kirche - denken und handeln müssen.

SPIEGEL: Konnten sich die deutschen Bischöfe auf ihrer Vollversammlung auf gemeinsame Positionen für die Amazonassynode einigen?

Overbeck: Das war und ist nicht unsere Aufgabe! Wir unterstützen, was auf der Amazonassynode besprochen und gemeinsam mit dem Papst entschieden wird.



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