Amazonas-Synode in Rom Franziskus' dicke Brocken

Die Länder Süd- und Mittelamerikas sind Herzland der katholischen Kirche - doch die Probleme sind gewaltig. Bei einer Synode im Vatikan suchen der Papst und mehr als hundert Bischöfe nach Lösungen. Und überall lauern Fallen.

Papst Franziskus bei einer Bischofweihe im Petersdom
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Papst Franziskus bei einer Bischofweihe im Petersdom

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Ab Sonntag werden im Vatikan mehr als 280 Bischöfe, Sachverständige und Gesandte aus aller Welt drei Wochen lang über die Krisenherde in Amazonien beraten. Das Treffen ist von langer Hand vorbereitet, mit seiner kapitalismuskritischen Öko-Enzyklika "Laudato Si'" hatte Papst Franziskus schon 2015 das Marschziel vorgegeben.

Im Zentrum stehen der Umwelt- und Klimaschutz sowie der Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit und Profitgier auf Kosten von Natur und Mensch. Beraten wurde Franziskus unter anderem von dem inzwischen emeritierten, aber weiter für die Rechte der Indigenen kämpfenden Amazonasbischof Erwin Kräutler, der die Synode mitorganisiert.

Die Amazonas-Synode ist eine Herzensangelegenheit des aus Argentinien stammenden Papstes. Sie ist aber auch ein Forum, das innerkirchlichen Kontrahenten gewöhnlich dazu dient, ihre Fehden auszutragen.

Was sind die wichtigsten Themen?

Priestermangel

In Amazonien, das sich über neun Staaten und eine Fläche von mehr als sieben Millionen Quadratkilometer erstreckt, herrscht Priestermangel. Während in Deutschland ein Geistlicher geschätzt 2000 Katholiken betreut, sind es im Amazonasgebiet etwa 14.000. Dies hat zur Folge, dass in bestimmten Gemeinden nur wenige Male im Jahr die Messe gefeiert werden kann und die Seelsorge leidet.

Geweihte Familienväter?

Im Arbeitspapier zur Synode wird empfohlen, ältere, vorzugsweise indigene und in ihrer Gemeinschaft respektierte Familienväter zur Priesterweihe zuzulassen, um die Gemeinden zu erhalten. Diese Weihe der "Viri probati" ist innerkirchlich heftig umstritten, gilt sie doch als mögliches "Einfallstor" verheirateter Geweihter in den Kreis der Zölibatären auch weitab von Amazonien. Konservative sehen das Zölibat an sich bedroht. Liberale Kräfte erhoffen sich einen Schneeballeffekt von der Diskussion um die Priesterweihe verheirateter Männer.

Der Papst 2018 bei einem Treffen mit Indigenen in der peruanischen Stadt Puerto Maldonado
Chris Bouroncle/ AFP

Der Papst 2018 bei einem Treffen mit Indigenen in der peruanischen Stadt Puerto Maldonado

Dem Papst zufolge sind die "Viri probati" nur ein Thema von vielen auf der Synode. "Wichtig werden die Dienste der Evangelisierung sein", sagte er der Zeitung "La Stampa" - also das Verkünden der christlichen Botschaft.

Mission

Während die Zahl der Katholiken in der Region sinkt, haben Evangelikale und Pfingstgemeinden massiv an Terrain gewonnen. Freikirchen erlauben auch Laien zu predigen. Darin sind sie der notorisch unterbesetzten katholischen Kirche überlegen, wo die wenigen Priester riesige Strecken zurücklegen müssen, um überhaupt in ihre Gemeinden zu kommen.

"Die klassisch missionarischen, kolonialen Parameter" würden in der Beziehung zu den Indigenen allerdings nicht mehr gelten, betont der Essener Bischof Overbeck im Interview mit dem SPIEGEL. "Unsere Kirche will nicht klerikal und bevormundend auftreten. Wir setzen auf Dialog und pastorale Sensibilität."

Frauen in der Kirche

Das Arbeitspapier zur Synode lobt den "unverzichtbaren Dienst", den Frauen schon jetzt in der Kirche tun. Deshalb sollten Gleichstellungsdebatten vorangebracht und Frauen vermehrt in Leitungsämter gebracht werden.

Der emeritierte Bischof Kräutler fordert: "Die Synode für Amazonien muss nicht nur die pastorale Arbeit der Frauen würdigen, sondern Frauen zur Diakonatsweihe zulassen." Die meisten Basisgemeinden in Amazonien würden bereits von Frauen geleitet, dennoch spielten sie weiter eine untergeordnete Rolle. "Wir hinken mindestens hundert Jahre hinter dem Emanzipationswillen der Frauen her", sagte Kräutler dem Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat.

Indigene Tikuna-Frauen während einer katholischen Messe in Nazareth, Kolumbien
Fernando Vergara/ DPA

Indigene Tikuna-Frauen während einer katholischen Messe in Nazareth, Kolumbien

Die innerkirchlichen Widerstände sind aber weiter groß. Dass Bischöfe mit katholischen Frauenrechtlerinnen Gleichstellungsprobleme diskutieren - wie jüngst nach dem Aufstand von Maria 2.0 in Deutschland - ist in der Weltkirche eher die Ausnahme.

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, ist skeptisch: "Die Priesterweihe für Frauen wird in Rom mit großer Wahrscheinlichkeit nicht diskutiert werden", sagt er.

Der Chef der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, betonte im Gespräch mit protestierenden Frauenrechtlerinnen in Fulda: "Ich weiß, es braucht Bewegung. Ich dränge und pushe, aber manchmal geht es nur langsam voran."

Deutsche Katholiken und die Synode

Debatten in der katholischen Weltkirche sind oft dominiert von lokalen kulturellen Gegebenheiten und widersprechen bisweilen diametral dem deutschen Diskurs. Weil Rom nationale Ausreißer nicht duldet, plädieren viele deutsche Katholiken für eine stärkere Dezentralisierung der Kirche.

"Auch wenn wir nur 23 Millionen von 1,4 Milliarden sind - die Stimme der deutschen Katholiken ist wichtig auf der Amazonassynode", sagt ZdK-Präsident Sternberg. Den Vorwurf, liberale Kräfte aus Deutschland würden die Synode instrumentalisieren, um ihre Agenda durchzusetzen, findet er abwegig. Schließlich versuche jede Interessengruppe, ihr Anliegen durchzusetzen, auch die Verhinderer und Bremser. "Selbst die, die hoffen, dass gar keine Ergebnisse erzielt werden, haben eine Agenda."

Brennender Regenwald im brasilianischen Altamira
Joao Laet/ AFP

Brennender Regenwald im brasilianischen Altamira

Bewahrung der Schöpfung

Die Regenwälder Amazoniens machen 40 Prozent der globalen Tropenwälder aus und speichern jährlich zwischen 150 und 200 Milliarden Tonnen Kohlenstoff. Doch sie werden seit Jahren massiv gerodet und durch Brände dezimiert. Dem Papst zufolge bedeutet die Entwaldung Amazoniens, "die Menschheit zu töten". Der Raubbau an Natur und Mensch ist hier exemplarisch.

Die Lage in den ohnehin durch Korruption und organisierte Kriminalität geschwächten Ländern Amazoniens ist vor allem für Indigene bedrohlich. Wasser wird privatisiert, Wälder zerstört, um Monokulturen anzulegen. Megabauprojekte wie Staudämme führen zu Vertreibung und Umweltschäden - wer dagegen protestiert wird kriminalisiert, bedroht oder gar getötet.

Der emeritierte Kurienkardinal Claudio Hummes, als Generalrelator eine zentrale Figur der Synode, hatte die Menschenrechtsverletzungen in Amazonien im Sommer als dramatisch bezeichnet. "Noch schlimmer ist, dass die meisten dieser Verbrechen ungesühnt bleiben." Umwelt und Gesellschaft seien nicht voneinander zu trennen. "Es ist eine einzige und komplexe sozio-ökologische Krise."

Wie es der katholischen Kirche letztlich gelingen will, genug moralischen oder politischen Druck aufzubauen, um die Schöpfung in Amazonien nachhaltig zu bewahren, ist unklar.



insgesamt 39 Beiträge
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kkschiemert 05.10.2019
1. Schöpfung erhalten?
Ich finde es fast normal wenn die RKK über "Schöpfung" redet, aber es ist gar nicht normal, wenn die Reporterin der SPON das gleiche sagt. Die Evolution ist eine Tatsache, vergessen wir die "Schöpfung", wenn wir ernst genommen werden wollen.
melnibone 05.10.2019
2. Die Zeit ...
läuft dem ´Erneuerer´ des Glaubens an der katholischen Kirchenpolitik davon. Er sieht grau und deutlich gealtert aus. Und am Ende bleibt fast alles wie es war. Nein, man kann sogar meinen gerade in der BRD tut sich etwas. Vielleicht ist hierzulande sogar die Kirche bereitwilliger sich zu öffnen ... als die Politik. Natürlich mit kleinen Verschnaufpausen.
gunpot 05.10.2019
3. Vielleicht wachen nun ja einige
Katholiken und andere Christen endlich auf, um zu verstehen, warum Kardinal Ratzinger, Benedikt der XVI den Betel hinschmiss. Das ist natürlich bei weitem nicht wegen Südamerika. Da sind die sexuellen Bedürfnisse seines Klerus (kein Problem in Afrika) sowie rechtswidrige Finanzierungen bzw Geschäftsgebaren der Vatikanbank, aber auch das Eingeständnis, dass wir es mit schwarzen Schafen zu tin hatten und sicherlich immer noch haben. Yes Franziskus, you still have a long way to do and we don't know that there will be a good outcome.
paul46 05.10.2019
4. Frauen werden die großen Verlierer des synodalen Weges sein
Aus der Sicht von Papst Franziskus und auch von Voderholzer und Woelki ist die Frage nach der Frauenordination endgültig entschieden, seit vor 25 Jahren Papst Johannes Paul II. mit seinem Schreiben "Ordinatio Sacerdotalis" festlegte, dass die Diskussion beendet sei. Diese Meinung vertraten auch die sog. "Dubia-Kardinäle" – eine erzkonservative und reformfeindliche Gruppe von hochrangigen Würdenträgern in der katholischen Kirche – als sie in einem Schreiben an den gegenwärtigen Papst in belehrendem Ton darauf hinwiesen, dass Papst Johannes Paul II. als offizielle Lehre der Kirche in seinem Schreiben "Ordinatio Sacerdotalis" endgültig beschieden habe, dass die Frauen vom Weihesakrament ausgeschlossen seien. Bereits Papst Benedikt XVI. hatte die Lehre seines Vorgängers bekräftigt und die Meinung von Johannes Paul II. bestätigt, der "unwiderruflicher Weise" erklärt habe, dass die Kirche im Bezug auf die Frauenordination "keine Vollmacht vom Herrn erhalten hat". Papst Franziskus hat ebenfalls zu dieser Frage Stellung genommen. In seinem Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium unterstrich er: "Das den Männern vorbehaltene Priestertum als Zeichen Christi, des Bräutigams, der sich in der Eucharistie hingibt, ist eine Frage, die nicht zur Diskussion steht". Er rief auch dazu auf, diese Lehre nicht als Ausdruck von Macht, sondern als Dienst zu interpretieren, so dass die gleiche Würde von Mann und Frau im einen Leib Christi besser verstanden werden kann (Nr. 104). In der Pressekonferenz während des Rückflugs von der Apostolischen Reise nach Schweden am 1. November 2016 betonte Papst Franziskus: "Hinsichtlich der Weihe von Frauen in der katholischen Kirche hat der heilige Johannes Paul II. das letzte klare Wort gesprochen, und das bleibt". Auch Kardinal Marx erteilte in Fulda allen Hoffnungen eine Absage, wonach es revolutionäre Umwälzungen geben könnte. Bei allen notwendigen Reform- und Veränderungsfragen müsse man "einen nüchternen Blick" wahren: "Es wird keinen deutschen Sonderweg ohne Rom bei weltkirchlich relevanten Fragen geben. Aber wir sind bereit, Diskussionsbeiträge für die Weltkirche zu liefern." Das heißt: Die Priesterweihe für Frauen - wie von einigen Organisationen ( z.B. Maria 2.0) gefordert - bleibt in weiter Ferne. Da die Frage der Frauenordination eine Frage der Weltkirche ist, können somit, das ist die Argumentation der kath. Chefetage in Rom, nicht die deutschen Bischöfe, sondern nur der Papst das letzte Wort haben. Damit scheint die Frage der Frauenordination auf lange Zeit auf Eis gelegt worden zu sein: Die Frauen wären somit die großen Verlierer des synodalen Prozesses. Ein Trauerspiel – aber eine bittere Wahrheit für die Frauen.
phiasko76 05.10.2019
5. Wer glaubt denn wirklich..
..ernsthaft, dass ein im Mittelalter varharrter Altherrenclub jemals in der Neuzeit ankommen wird? Ich jedenfalls nicht.
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