Angelus-Gebet in Rom Papst schweigt zu neuen Missbrauchsvorwürfen

Immer neue mutmaßliche Missbrauchsfälle erschüttern die katholische Kirche, immer mehr Gläubige wünschen sich ein klares Wort von Papst Benedikt XIV. Doch der schweigt. Beim Angelus-Gebet in Rom, wo er sonst durchaus aktuelle Geschehnisse kommentiert, schwieg er.

Papst Benedikt XVI. beim Angelus-Gebet: Kein Kommentar aus dem Vatikan
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Papst Benedikt XVI. beim Angelus-Gebet: Kein Kommentar aus dem Vatikan


Rom - Kein klärendes Wort, kein Trost, keine Entschuldigung: Papst Benedikt XVI. schweigt weiter zum sexuellen Missbrauch an katholischen Einrichtungen in Deutschland. Beim Angelus-Gebet am Sonntag in Rom ging der deutsche Pontifex mit keinem Wort auf den Skandal ein.

Ansonsten thematisiert Benedikt bei dem Gebet am Ende der Messe durchaus aktuelle Ereignisse. An diesem Sonntag nicht. Dabei hatten katholische Gläubige zuletzt deutlich gesagt, dass sie sich ein klärendes Wort vom Oberhaupt der Katholiken wünschen. "Wir sind enttäuscht, dass der Papst bisher kein mitfühlendes Wort für eine Bitte um Vergebung und Versöhnung gefunden hat", sagte der Sprecher der Reform-Bewegung"Wir sind Kirche", Christian Weisner, bereits am Samstag.

Dabei kommen immer mehr Fälle ans Tageslicht. So wurde am Sonntag bekannt, dass wegen eines möglichen Falls von sexuellem Missbrauch ein Pfarrer in Münster von seinem Dienst entpflichtet worden ist.

Neuer Verdachtsfall in Münster

Wie die Bischöfliche Pressestelle mitteilte, hatte sich der Pfarrer in der Gemeinde St. Benedikt in Münster aufgrund der aktuellen Diskussion um sexuellen Missbrauch in der Kirche "an längere Zeit zurückliegende Vorfälle mit Jugendlichen erinnert". Daraufhin bat er den Münsteraner Bischof Felix Genn um eine Entpflichtung vom Dienst. Der Bischof kam diesem Wunsch nach. Es lägen bislang aber "keine aktuellen Anschuldigungen oder Verdachtsäußerungen" gegen den Pfarrer vor.

Das Angelus-Gebet am Sonntag war der erste öffentliche Auftritt des Papstes, nachdem am Freitag eine folgenreiche Entscheidung aus seiner Amtszeit als Münchner Erzbischof (1977 bis 1982) bekannt geworden war. Der spätere Papst hatte 1980 der Versetzung eines Priesters von Essen nach München zugestimmt, der zuvor einen Elfjährigen sexuell missbraucht haben soll. Später wurde der Priester wegen erneuten sexuellen Missbrauch verurteilt.

Ebenfalls am Freitag hatte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Robert Zollitsch, bei einer Audienz mit dem Papst über die Missbrauchfälle gesprochen. Danach drang lediglich an die Öffentlichkeit, dass der Papst sehr erschüttert sei.

Vatikan spricht vom Kampagne gegen Benedikt XVI.

Zugleich aber wehrte sich der Vatikan gegen Vorwürfe gegen Benedikt. "In den letzten Tagen gab es einige, die mit einer gewissen Verbissenheit in Regensburg und in München nach Elementen gesucht haben, um den Heiligen Vater persönlich in die Missbrauchsfragen mit hineinzuziehen", wandte sich Vatikan-Sprecher Federico Lombardi am Samstag gegen direkte Angriffe auf das Kirchenoberhaupt.

In Regensburg kam es noch bis in die Neunziger Jahre zum Missbrauch an Sängern der weltberühmten Domspatzen, wie der SPIEGEL berichtete. Der Chor wurde jahrzehntelang vom Bruder des jetzigen Papstes geleitet, der allerdings bereits erklärt hatte, von sexuellem Missbrauch nichts mitbekommen zu haben.

Am Samstag wurden darüber hinaus mutmaßliche Missbrauchsfälle in einem mittlerweile geschlossenen Internat im norddeutschen Vechta bekannt. Neben drei Priestern, die inzwischen gestorben seien, werde ein Laie verdächtigt, der an einem mittlerweile geschlossenen Internat in Cloppenburg beschäftigt war, wurde mitgeteilt. In den vergangenen Tagen hätten sich Betroffene gemeldet. Von den Vorwürfen sei die zuständige Kommission des Bistums Münster informiert worden, die mit den Betroffenen Kontakt aufnehmen werde.

Seit Ende Januar sind Dutzende Missbrauchsfälle in fast allen 27 katholischen Bistümern Deutschlands bekanntgeworden. Der Skandal nahm am Berliner Jesuitengymnasium Canisius-Kolleg seinen Ausgang.

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