Angola vor dem Benedikt-Besuch "Wir brauchen den Papst sehr"

Aids ist nicht das einzige Problem Angolas: Die Schere zwischen Arm und Reich klafft in dem Staat mit dem höchsten Wirtschaftswachstum Afrikas immer weiter auseinander: "Die Leute gieren nach Geld", klagt eine katholische Ordensschwester.

Aus Luanda berichtet


Luanda - Sie haben die Straßen neu geteert, die Beleuchtung instand gesetzt, vor allem aber haben sie die Kirche von São Paulo de Luanda aufwendig renoviert. Dort, auf der Anhöhe wird Papst Benedikt XVI. die zentrale Messe seines Besuchs in Angola halten.

Es ist der Ort, in Sichtweite des Hafens, wo sich die katholischen Missionare im Jahre 1509 niederließen, als sie Luanda erreichten. Und da sind sie heute noch. Dort haben sie die Kirche in monatelanger Arbeit restauriert, dort ist das katholische Zentrum des Landes, dort steht die Radiostation, die der Regierung immer wieder Kummer mit ihren unbequemen Botschaften bereitet hat, und vor allem deshalb haben sie alles herausgeputzt.

Sie haben den Krieg überdauert, sie haben der MPLA getrotzt, die seit der Unabhängigkeit 1975 regiert, sich früher sozialistisch nannte und heute nahezu jede Form des Kapitalismus toleriert. Sie haben sich piesacken lassen von der Regierung, bis sich beide Seiten vor einiger Zeit schließlich arrangiert haben.

Der Papst soll keinen schlechten Eindruck mitnehmen, wenn er wieder abreist.

"Den Glauben wieder auffrischen"

Zum zweiten Mal nach 1992 kommt heute das katholische Oberhaupt nach Angola, und es macht die Angolaner mächtig stolz. Ob sich irgendetwas konkret verändern wird? Vermutlich nicht, aber "wir brauchen den Papst sehr", sagt Schwester Maria Salome, 40, die vor Jahren aus Mexiko nach Angola gekommen ist und heute das Haus der Bischofskonferenz in Luanda leitet. "Ich hoffe, dass er den Glauben hier wieder auffrischt."

Erst einmal jedoch wird Papst Benedikt im Stau stehen, im Dauerstau von Luanda. Dank seines Ölreichtums hat Angola inzwischen das höchste Wirtschaftswachstum aller afrikanischen Länder, die Hauptstadt Luanda die mit Abstand höchsten Mieten, die höchste Dichte von Geländefahrzeugen - und jeden Monat kommen Tausende von neuen blitzenden Allradlimousinen hinzu. Luanda platzt aus allen Nähten.

Schon während des Krieges, der 2002 zu Ende ging, suchten Hunderttausende Zuflucht in der Stadt. Inzwischen boomt die Kapitale und beherbergt weit über drei Millionen der knapp 16 Millionen Angolaner.

Mit diesem Wachstum haben viele der alten Strukturen nicht mithalten können. Die Straßen stammen noch immer aus der portugiesischen Kolonialzeit und bewältigen den modernen Verkehr nicht mehr, der Neubau von Häusern und Wohnungen reicht längst nicht, um den Zuwachs abzupuffern, und auch Strom- und Wassernetz kollabieren regelmäßig unter der stetig steigenden Belastung.

Das verarmte Luanda

Der Papst muss nicht weit fahren, aus São Paulo heraus, zwei, drei Straßenecken weiter, dann hätte er auch einen Eindruck von dem anderen, dem verfallenen, verarmten, tristen Luanda. Dann sähe er Drogenabhängige, zerlumpte Kinder, urbanes Elend, das in Luanda besonders auffällt, weil die Gegensätze so krass sind.

Und wenn er eine der vielen Straßenhändlerinnen spräche, etwa die Ananasverkäuferin Maria Antonia, die jeden Morgen den beschwerlichen Weg von ihrer strom- und wasserlosen Hütte am Stadtrand ins Zentrum auf sich nimmt, um vielleicht zwei oder drei Ananas zu verkaufen und so ihre fünf Kinder durchzubringen, dann bekäme er eine leise Ahnung davon, wie es im Angola jenseits der Paläste der Ölgesellschaften und der Verkaufsräume der edlen Automarken zugeht.

Nicht zuletzt im armen Teil der Bevölkerung hat die katholische Kirche ihre Anhänger. An die 60 Prozent der rund 15,5 Millionen Angolaner sind Katholiken, die Kirchen sind sonntags übervoll, häufig reichen die Stühle nicht. Priester gibt es reichlich, so viele, dass nicht wenige nach Europa - auch nach Deutschland - ausgewandert sind, um sterbende Gemeinden zu neuem Leben zu erwecken.

In Angola selbst ist der Wettbewerb hart. Eine Menge Frei- und Erweckungskirchen, viele von ihnen aus Brasilien, haben Wurzeln geschlagen im Land, fordernd, aggressiv, expansiv, mit großen Gotteshäusern und strengen Auflagen an die Gläubigen: Zehn Prozent des Einkommens, manchmal auch mehr müssen abgeliefert werden, viel Geld für viele Angolaner, die kaum genug zum Essen haben.

Im Krieg in die Kirche

Auch Schwester Salome hat registriert, dass der plötzliche Wohlstand das Land verändert hat. Und die Einstellung zur Kirche. "Ja, die Leute gieren nach Geld, und die materiellen Dinge blockieren uns. Wir kommen so nicht wirklich weiter." Als noch Krieg herrschte im Land, sei es leichter gewesen, "da gingen die Leute eher zur Kirche". Vor allem an die jungen Männer heranzukommen sei schwierig geworden.

Und das Thema Aids? Sie hebt die Schultern und weicht diplomatisch aus. "Der Papst hat seine Meinung, aber im Grunde muss das doch jeder für sich selbst entscheiden."

Ohnehin haben sie in Angola, wie anderswo in Afrika auch, ihre eigene Auslegung des Katholizismus. Insbesondere draußen auf dem Land ist der Vatikan weit weg. Da pflegen sie ihr eigenes Regelwerk, und das ist nicht immer kompatibel mit den Vorgaben aus Rom. So dürfen Priester in Angola heiraten. Und nicht nur eine Frau.

In den Provinzen gibt es Priester mit bis zu drei Frauen, und ist ein Seelsorger ohne Partnerin, müht sich häufig die fürsorgende Gemeinde darum, dass er nicht länger alleine bleibt. "Auch wenn der Papst das Sprachrohr Gottes bleibt", erklärte kürzlich das Wochenblatt "Novo Journal" die etwas anderen Umstände in Angola, "für die Leute ist das völlig normal".



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