Jahrestag der Anschläge in Norwegen Breiviks deutsche Schwester

Anders Breivik in Oslo, Beate Zschäpe in München: Der Umgang mit beiden Fällen weist Parallelen auf. Doch die Norweger haben diesen monströsen Fall rechter Gewalt bereits aufgearbeitet und ein sinnvolles Urteil gefällt - Deutschland muss sich erst noch rehabilitieren.

Gedenken auf Utøya (Archiv): Würde des Rechtsstaates gewahrt
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Gedenken auf Utøya (Archiv): Würde des Rechtsstaates gewahrt

Ein Debattenbeitrag von


Jetzt haben auch die Deutschen ihren Prozess. Einen Prozess, bei dem das Land, seine Behörden und irgendwie auch seine Bürger mit auf der Anklagebank sitzen. Die Parallelen sind frappierend: Es geht um Morde wegen rechtsradikaler Weltanschauung und eine Person auf der Anklagebank, die sich ihrer Rolle auf eitle Weise erfreut.

Die Welt schaut auf diesen Prozess. Vielleicht nicht ganz so intensiv wie vor einem Jahr auf jenen Prozess in Oslo, den zu begleiten meine journalistische Pflicht war. Doch trotz vieler Unterschiede: Die Verbindung zwischen dem Gerichtsverfahren gegen Beate Zschäpe und dem gegen Anders Behring Breivik ist offensichtlich, und nicht nur, weil der Massenmörder von Utøya aus seiner Zelle in Oslo einenschwärmerischen Brief zu Zschäpe nach München schickte.

Zunächst einmal macht die Gleichzeitigkeit der Ereignisse klar: Keine noch so zivilisierte, demokratische Gemeinschaft ist gegen die ideologische Fäulnis und Gewalt gefeit, die sich in ihrem Inneren ausbreitet. Es würde niemand in Deutschlands Establishment auf den Gedanken kommen, mit Schadenfreude auf Norwegen zu zeigen. Jene ach so demonstrativ harmoniefreudige und auf Konsens und Friedfertigkeit bedachte Nation, die ihre Werte gerne in die ganze Welt exportieren möchte - in deren Volk aber ein Massenmörder heranreifte, der 69 Jugendliche im Blutrausch erschoss. Nein, niemand würde es der norwegischen Gesellschaft zur Last legen, einen solchen Terror hervorgebracht zu haben.

Selbst das blamable Verhalten der Sicherheitskräfte, was die Verhinderung der Tat an sich, aber auch die Eindämmung des Tathergangs angeht, kritisiert niemand in Deutschland. Denn die eigenen Sicherheitskräfte agierten selbst reichlich dilettantisch: Wie blamabel ist es doch, wenn ein Kriminalkommissar, der bei einem der NSU-Morde ermittelt hatte, heute sagt, man habe sich einfach keine zwei blonden Neonazis auf Fahrrädern als Täter vorstellen können. Auch wenn diese von Zeugen am Tatort beobachtet wurden. Wie beschämend ist das?

Die Sicherheitsapparate haben versagt

Es ist eine bittere Erkenntnis, die Deutsche und Norweger verbindet: Gegen die Kräfte des Bösen, wie sie von rechts drohen, haben beide Nationen versagt. Zwei Jahre sind die Anschläge von Oslo und Utøya her, rund ein Jahr der Prozess gegen den Attentäter. Zehn Minuten nach der Detonation der Autobombe hatte ich von dem Anschlag erfahren - auf dem Heimweg vom Angeln durch einen Anruf aus der Redaktion. "Du hast ja sicherlich schon gehört: In Oslo hat es eine Explosion gegeben", sagte mir der Kollege übers Handy, als ich gerade die geangelten Makrelen aus dem Kofferraum lud. Nein, hatte ich nicht.

Seit dieser brutalen Vertreibung aus meinem Norwegen-Paradies habe ich die Ereignisse als Korrespondent des SPIEGEL begleitet. Ich sah die Tränen der Hinterbliebenen am Hotel in Sundvolen; die Leichensäcke, wie sie sich auf der "MS Thorbjørn" stapelten; ich schaute in die Augen des Ehemannes der zuerst getöteten Monica Bøsei, sah seine Verzweiflung. Ich hielt eine Rose auf dem Platz vor dem Rathaus in Oslo in die Höhe; ich saß auf dem Stuhl im Polizeirevier von Grønlokka, wo Breivik stundenlang verhört worden war.

Ich sprach mit der forensischen Psychiaterin Randi Rosenqvist und sah dann stundenlang dem Angeklagten dabei zu, wie er vor Gericht den biegsamen Kugelschreiber zwischen Daumen und Zeigefinger drehte.

Als Reporter ist das meine Aufgabe, ich verdiene nicht etwa Mitleid. Das verdienen allein die Überlebenden, die Hinterbliebenen, die traumatisierten Retter und alle anderen, die Anders Behring Breivik aus ihrem bisherigen Leben vertrieben hat.

Während des Prozesses hatte ich viel Zeit darüber zu rätseln, was dieser Täter für ein Mensch ist: krank oder in einem forensischen Sinne gesund? Ich glaube letzteres - vor Gericht müssen andere Bewertungsmaßstäbe gelten als am Stammtisch oder auf den Titelseiten der Regenbogenpresse.

Mit Erleichterung habe ich das Ende des Prozesses erlebt. Eine Richterin, die sich nicht hat verleiten lassen von der vermeintlichen Meinung des Volkes und Breivik in seiner vollen Verantwortung als Individuum für seine Taten bestraft hat. Es ist ein Urteil, an dem sich ein Volk mit seiner gekränkten Seele langsam wieder aufrichten kann. Es trägt dem Vergeltungswunsch der Geschädigten Rechnung, es wahrt aber auch die Würde des Rechtsstaates.

Deutschland muss sich noch rehabilitieren

In diesen Tagen verlasse ich Norwegen, ziehe um nach Berlin, wo ich im Hauptstadtbüro des SPIEGEL über deutsche Bundespolitik berichte. Ich kehre zurück in meine Heimat - ein Land, das es noch vor sich hat, das Vertrauen in seine Institutionen wieder herzustellen. Ein Land, das sich in den Augen der türkischstämmigen Opfer erst wieder rehabilitieren muss.

Der Auftakt des Prozesses in München brachte sogleich die Ernüchterung. Statt professioneller Pressebetreuung wie in Oslo verstolperte das Gericht die Zulassung der einheimischen und ausländischen Medien. Der Prozess wird noch eine ganze Weile laufen, ohne die Haupttäter, die sich durch den Tod aus ihrer Verantwortung gewunden haben.

Wenn ich Zschäpe sehe, denke ich an Breivik. Das lässt sich in meinem Innern nicht trennen. Wie wird man zu einem Menschen, der Ausländer vertreiben, der sie auslöschen will? Auf diese Frage gibt es keine befriedigende Antwort, mit der man leben könnte. Nur eine Hoffnung kann einem dabei helfen: dass die Täter eine gerechte Strafe bekommen. Egal ob in München oder in Oslo oder sonstwo auf dieser Welt.


Dieser Text ist auch als Gastbeitrag beim norwegischen Sender NRK erschienen (hier geht's zum norwegischen Artikel auf www.nrk.no).



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