Anschlag auf Stade de France Doppeltes Grauen für Germanwings-Helfer

Unter den Zuschauern im Stade de France waren mehr als tausend Helfer der Germanwings-Katastrophe. Sie sollten mit dem Freundschaftsspiel belohnt werden - dann erlebten sie zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate Dramatisches.
Jurist Balique: "Wir haben die Explosionen gehört"

Jurist Balique: "Wir haben die Explosionen gehört"

Foto: SPIEGEL ONLINE

Normalerweise fährt er zum Wochenende immer nach Hause in die Berge. Doch dieses Mal ist François Balique ausnahmsweise in Paris geblieben - auch um ein paar Akten in seinem Büro hoch über dem Place Saint-Germain-des-Prés abzuarbeiten. Doch vor allem war dieser ganz besondere Abendtermin am Freitag schuld.

Erst hatte er einen Orden bekommen, dann ging es zum Fußballländerspiel. Ein paar unbeschwerte, fröhliche Stunden sollten es sein - nach Wochen und Monaten höchster Belastung. Stattdessen wurde es ein Abend voller Sorgen.

Anwalt Balique, ein freundlicher, ziemlich müde aussehender älterer Herr mit zurückweichendem Haar, ist Bürgermeister des 138-Einwohner-Bergdorfs Le Vernet im Département Alpes-de-Haute-Provence. Ganz in der Nähe war am 24. März der Germanwings-Flug 9525 an einem Berghang der Seealpen zerschellt. Zusammen mit vielen Menschen aus dem Absturzgebiet hatte er sich im Anschluss um die Bergungsarbeiten gekümmert, hatte die Familien der Opfer in ihren schwersten Stunden unterstützt.

Es war ein warmherziger Beistand, der weltweit für Aufmerksamkeit gesorgt hatte. Und nun sollte den Beteiligten dafür gedankt werden. Lufthansa und Germanwings hatten mehr als tausend Menschen am Freitag zum Freundschaftsspiel Deutschland-Frankreich ins Stade de France eingeladen. Lokale Würdenträger wie Balique, Feuerwehrleute, Polizisten - aber auch ganz normale Bewohner der Region, die zu Helfern wurden.

"Zwei Mal innerhalb von neun Monaten"

"Die Leute durften nach Paris fahren, für viele war es das erste Mal im TGV, im Hotel wohnen. Und sie durften Fußball schauen", beschreibt Balique die vorfreudige Stimmung. Doch am Ende des Abends war alles anders als gedacht. "Zwei Mal innerhalb von neun Monate mit so etwas konfrontiert zu sein, das ist nicht leicht."

Balique und seine Leute waren im Block C des Stadions, in dessen unmittelbarer Nähe sich Selbstmordattentäter in die Luft sprengten. Zum Glück, ohne dass die Angreifer - wie offenbar geplant - viele Zuschauer mitrissen. Oder dass es durch die Ereignisse zu einer Massenpanik im Stade de France kam. "Wir haben die Explosionen gehört, haben über unsere Handys mitbekommen, was im Bataclan los war. Aber wir haben lange Zeit die Verbindung nicht gezogen", sagt Balique in seiner Anwaltskanzlei. "Wir haben es erst begriffen, als wir gehen wollten."

Für kurze Zeit sei auf dem Weg der Gruppe zu den abgestellten Bussen leichte Panik ausgebrochen. Doch weil sich die Lage schnell wieder beruhigt habe, gebe es höchstens einige Leute mit Hautabschürfungen oder blauen Flecken.

Rund drei Stunden vor dem Spiel war der Bürgermeister bei einem Empfang in der Residenz des deutschen Botschafters, dem Palais Beauharnais, ausgezeichnet worden. Außenminister Frank-Walter Steinmeier hatte ihm das Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland an das Revers seines grauen Anzugs geheftet. Der französische Außenminister Laurent Fabius und Innenminister Bernard Cazeneuve waren auch dabei gewesen, dazu 300 geladene Gäste.

Niemand ist ernsthaft verletzt worden

Der Polizeipräfekt von Paris, die Präfektin des Départements Alpes-de-Haute-Provence, zwei leitende Polizei- und Feuerwehrbeamte und der Bürgermeister des kleinen Ortes Prads-Haute-Bléone bekamen den Orden ebenfalls. Währenddessen hatte die Fluggesellschaft in der Cité de Cinéma, unweit des Stadions, einen weiteren Empfang für den Rest der Helfer organisiert.

"Außenminister Steinmeier bedauert, dass diese schöne Geste so ausgegangen ist", heißt es am Sonntag aus dem Umfeld des Ministers. "Für ihn war die Feier zu Ehren der Helfer im Palais Beauharnais ein schönes und bewegendes Ereignis. Es war ihm ein persönliches Anliegen, den Helfern für ihren großen Einsatz nach dem Flugzeugeinsatz zu danken und ihr Engagement zu würdigen."

Die meisten der Helfer sind inzwischen wieder mit Zug und Bus zurück in ihre Heimat gefahren. Niemand, so ist mittlerweile klar, ist ernsthaft verletzt worden. "Wir dürfen nicht zu negativ denken. Wir müssen für die Angehörigen der Absturzopfer da sein", sagt Balique. Allein für Sonntag hätten sich 24 ausländische Besucher in seinem Dorf angekündigt, um die Kapelle, die Gedenkstele und das Gemeinschaftsgrab auf dem Friedhof zu besuchen. Dort sind all die Überreste von Absturzopfern bestattet, die Ermittler nicht zweifelsfrei einer bestimmten Person zuordnen konnten.

Manche Trauernde kämen erst nach langer Zeit, manche zum Geburtstag ihrer Angehörigen zum Absturzort in die Berge "Wir sagen ihnen dann, dass es ihren Liebsten bei uns gefallen hätte", sagt Balique. Der Absturz werde seine Gemeinde noch Jahrzehnte begleiten: "Wir sehen die Familien, wir denken daran. Wir sehen ein Flugzeug über den Bergen, wir denken daran." So wie lange auch kein Einwohner von Paris mehr unbefangen am Bataclan wird vorbeigehen können. Oder am Stade de France.

Video zum Anschlag auf das Stadion: "Alle sind zusammengerückt"

SPIEGEL ONLINE
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.