Anschlagsopfer "Es fühlt sich so unwirklich an"

Jung, idealistisch, politisch engagiert: 76 Menschen starben, weil der Attentäter von Oslo und Utøya sie zu seinen Feinden erklärt hatte. Wer waren die Opfer des mörderischen Wahnsinns?

Blumen vor der Kathedrale von Oslo: Ein Land in Schockstarre
AFP

Blumen vor der Kathedrale von Oslo: Ein Land in Schockstarre

Aus Oslo berichtet


Emma hat überlebt. Knapp. Sie habe einfach Glück gehabt, sagt sie, so unfassbar viel Glück, doch sie lächelt nicht. Sie sitzt dort mit ausdruckslosem Gesicht, knetet ihre Hände und erzählt die Geschichte ihres Lebens, die nur noch vom Sterben handelt, von Schüssen, Schreien, Panik und Todesangst.

Emma war auf Utøya, sie ist 18 jetzt, Praktikantin der Polizei in Kristiansand und seit Jahren engagiert in der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF. Sie war bestimmt einmal ein fröhlicher Mensch, unbeschwert, engagiert, voller Hoffnung und hatte große Pläne für ihre Zukunft, jetzt ist sie nur noch eines: schockstarr.

Es sei am Nachmittag gewesen, erzählt sie mit teilnahmsloser Stimme, nach der Versammlung, in der sie über den Bombenanschlag in Oslo gesprochen hätten, als sie plötzlich einen Knall hörten. Und dann noch einen und noch einen und noch einen. Ein Junge rief: "Lauft weg!" Und da seien sie gerannt. Immer weiter, immer schneller und hinter ihnen knallte es. Jemand schoss auf sie.

Sie hätten sich in einer Höhle versteckt, direkt am Ufer, sie und drei andere, zitternd, verwirrt, verzweifelt. Was ist da los? Was sollen wir machen?

Ihre Handys hatten keinen Empfang. Sie seien ins Wasser gesprungen, wie viele andere auch, und dann sei er am Ufer aufgetaucht, in einer Polizeiuniform, und habe auf sie gefeuert, lachend, triumphierend, nur 100 Meter entfernt.

Emma wurde am linken Arm getroffen, doch sie schaffte es, ein Boot tauchte auf, man zog sie aus dem eiskalten See, eine fremde Frau brachte sie in ein Krankenhaus. Emma lebt, aber sechs ihrer besten Freunde sind tot. "Ich versuche zu verstehen, dass ich sie nie wiedersehen werde, aber ich schaffe es nicht", sagt sie leise.

"Papa, Papa, jemand schießt"

Der Attentäter Anders Breivik hat in zwei sinnlosen Gewaltakten 76 Leben beendet, er hat Hunderte, Tausende vielleicht, ins Unglück gestürzt und ein ganzes Land in den Ausnahmezustand versetzt. Über seine Person und Motive ist viel geschrieben worden, doch wer sind die Opfer? Was waren es für Menschen, die sterben mussten, weil ein Fanatiker sie zu seinen Feinden erklärt hatte?

Gunnar Linaker ist einer von ihnen, er wurde 23 Jahre alt. Sein Vater Roald sagt, er sei ein "ruhiger Teddybär mit viel Humor und voller Liebe" gewesen, ein Naturbursche und überzeugter Sozialdemokrat, der sein Politikstudium unterbrochen hatte, um sich im Rat seiner Heimatstadt Bardu zu engagieren und das Sommercamp auf Utøya zu organisieren.

Als Breivik zu feuern begann, rief Linaker seinen Vater an: "Er sagte zu mir: 'Papa, Papa, jemand schießt.' Dann legte er auf." Linaker wurde verletzt und starb einen Tag später in einem Krankenhaus. Seine 17-jährige Schwester, die ebenfalls auf Utøya war, überlebte das Attentat. Roald Linaker weint.

Auf einer Straße in der Innenstadt von Oslo trifft eine Frau auf einen Mann, der zusammengesunken vor einem Bild auf dem Bürgersteig steht, vor Kerzen und Gedichten und sehr vielen Blumen. Sie nimmt den Mann in den Arm, drückt ihn fest an sich, er lässt es geschehen. Dann geht die Frau weiter. Sie haben nichts zueinander gesagt. Szenen wie diese kann man häufig beobachten in diesen Tagen.

Der Mann heißt Tore, er sei ein Freund von Kai gewesen, erzählt er, Kai Hauge. Der 32-Jährige war am Freitagnachmittag in der Innenstadt unterwegs, um ein paar Sachen für seine Bar zu besorgen, die "Blaues Rezept" heißt und an deren Tür nun ein Zettel hängt: "Geschlossen wegen eines Todesfalls." Tore schluchzt. "Kai war ein lustiger Typ und sehr beliebt", sagt er, "er hatte viele Freunde. Man konnte mit ihm tolle Gespräche führen. Er fehlt uns so sehr".

"Es fühlt sich so unwirklich an, dass sie nicht länger bei uns ist"

Die Jugendlichen nannten sie "Mutter Utøya", weil sie schon immer da war. Mehr als 20 Jahre lang half Monica Bøsei auf der Ferieninsel ihrer Partei. "Sie war Utøya", sagt auch der Ministerpräsident Jens Stoltenberg und ringt dabei um Fassung. "Jetzt ist sie tot, erschossen, als sie der Jugend des ganzen Landes Vertrauen und Freude schenken wollte. Es ist so unfair!"

Bøsei arbeitete in der Leitung eines Osloer Museums, sie hatte zwei Kinder, ihre Tochter Helen ist 16 und überlebte den Anschlag auf der Insel. "Ich vermisse meine Mutter schrecklich." Sie wolle nicht, sagt Helen Bøsei bei einer Trauerfeier am Dienstagabend, dass der Täter gehasst werde. "Ich möchte, dass ihr denen, die umgekommen sind, und ihren Angehörigen Wärme und gute Gedanken sendet."

Ihr Fahrrad war kaputt, also ging die Sekretärin Tove Aashill Knutsen, 56, am Freitagmittag zu Fuß. Zur U-Bahn wollte sie, als die Bombe explodierte. Tove Knutsen war sofort tot. "Sie war eine fröhliche Frau", sagt ihr Chef, "die wir alle sehr mochten. Es fühlt sich so unwirklich an, dass sie nicht länger bei uns ist".

Prinzessin Mette-Marit weinte mit ihrem Land, da ahnte sie noch nicht, dass auch ihr Stiefbruder Trond Berntsen unter den Toten ist. Der 51-Jährige war einer der ersten, die Anders Breivik auf Utøya erschoss. Mutig soll Berntsen, so berichten es örtliche Zeitungen, dem Attentäter entgegengetreten sein, um die 600 Jugendlichen zu schützen - und auch seinen eigenen Sohn.

Trond Berntsen arbeitete als Polizist in einer Dienststelle für Asylbewerber. Das Sommerlager betreute er seit Jahren als private Sicherheitskraft, er trug keine Uniform und war unbewaffnet. "Er war ein harter Kerl und ein Typ, mit dem man in den Krieg ziehen konnte", sagt sein Chef. Der Beamte, der seinen Landsleuten nun als Held gilt, hinterlässt eine Lebensgefährtin und zwei Kinder.

Jung und klug, gut aussehend und charmant: Tore Eikeland, 21, war einer der talentiertesten Nachwuchspolitiker Norwegens, eine Persönlichkeit, ein Anführer. Auf Parteitagen lagen ihm die jungen Sozialdemokraten zu Füßen. Man habe ihm angemerkt, dass er zu Großem bestimmt gewesen sei, sagt der Bürgermeister seiner Heimatstadt Osterøy. In der Lokalzeitung schrieb er scharfsinnige Gastkommentare, er wollte etwas bewegen, verbessern. "Jetzt ist er tot. Für immer verschwunden. Es ist nicht zu ergründen", sagt der Ministerpräsident.

Mitarbeit: Cato Gjertsen

insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
Neinsowas 28.07.2011
1. hier gibt es nichts zu diskutieren.
Zitat von sysopJung, idealistisch, politisch engagiert: 76 Menschen starben, weil der Attentäter von Oslo und Utøya sie zu seinen Feinde erklärt hatte. Wer waren die Opfer des mörderischen Wahnsinns? http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,777157,00.html
Es tut gut, wenn die Opfer ein Gesicht bekommen. Bitte mehr! (und weniger das des Täters)
jb_78 28.07.2011
2. ...
Zitat von sysopJung, idealistisch, politisch engagiert: 76 Menschen starben, weil der Attentäter von Oslo und Utøya sie zu seinen Feinde erklärt hatte. Wer waren die Opfer des mörderischen Wahnsinns? http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,777157,00.html
Einer der wenigen Artikel, der flüchtig beschreibt, wie Menschen aus dem Leben gerissen werden. Die Lebenspläne der Zukunft hat für diese Menschen aufgehört. Die im Leben Verbliebenen haben plötzlich eine Leere, ein Vakuum an der Stelle, wo die Opfer einen Teil des Lebensinhalt mit ihrer Existenz und ihrem Wirken bildeten. Danke, das auch solche Artikel heute noch möglich sind, in denen nicht versucht wird zu instrumentalisieren. Für etwaige Tränen beim lesen und nachdenken braucht sich niemand zu schämen.
Nichdoch, 28.07.2011
3. .
Sprachlosigkeit, Unfaßbarkeit, Trauer Ich wünsche den Norwegern den Mut, in die Zukunft zu gehen.
linkslibero 28.07.2011
4. anders als hierzulande
Eine sympathische Mehrheitsgesellschaft, die norwegische. Durch und durch sozialdemokratisch und linksliberal geprägt. Keine Pro-Sarrazin-Pöbel-Mehrheitsgesellschaft wie hierzulande.
freelucky123 28.07.2011
5. Bitte mehr solche Artikel!
Es ist wichtig, das diese jungen Leute nicht umsonst gestorben sind. Man muss ihre Träume und Hoffnungen beschreiben und darstellen warum sie sich friedlich auf dieser Insel getroffen haben, damit ihr Traum von einer friedlichen, sozialen und gerechten Welt nicht durch einen einzelnen Irren zerstört werden kann.
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