Anti-Magermodel-Bewegung "Mollig mit Größe 42 - das ist doch ein Witz"

Big ist angeblich beautiful. Trotzdem wird für Menschen jenseits der Schlankheitsnorm kaum schöne Mode gemacht. Die Chefin einer Plus-Size-Modelagentur spricht im SPIEGEL-ONLINE-Interview über das scheinheilige Geschäft mit den Maßen - und den absurden Mangel an molligen Männer-Mannequins.
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Models: "Wo nichts ist, kann auch nichts klemmen"

Foto: Stefan Gosatti/ Getty Images

SPIEGEL ONLINE: Frau Martin-Zick, die Frauenzeitschrift "Brigitte" gelobt, ab diesem Monat auf magere Profimodels zu verzichten . Deutet sich da ein neuer Trend an, von dem auch Ihre Agentur für mollige Models profitiert?

Ingrid Martin-Zick: Leider nicht. Als das Thema aufkam, habe ich die "Brigitte"-Redaktion angeschrieben. Aber die hat ein klares Statement abgegeben, dass sie gar nicht mehr mit Agenturen arbeiten möchte. Da sollen nur noch Laienmodels vor die Kamera. Mal schauen, wie lang die das durchhalten. Leserinnen, die eine Zeitschrift aufschlagen, wünschen sich schließlich auch Illusionen.

SPIEGEL ONLINE: Zeugt die "Brigitte"-Entscheidung trotzdem von einer Trendwende zugunsten von Normalgrößen?

Martin-Zick: Ich denke, das war in erster Linie ein PR-Coup. Die Idee ist ja übrigens auch nicht neu. In den USA sind Agenturen, die Models mit normalen und großen Größen vermitteln, seit langem etabliert, in den Niederlanden ebenfalls. Auch die Briten sind in diesem Segment deutlich stärker als die Deutschen.

SPIEGEL ONLINE: Hierzulande ist die Spezialisierung auf "Plus Size" noch eine Besonderheit?

Martin-Zick: Viele der namhaften Agenturen haben schon lange Plus-Size-Models in ihrer Kartei. Aber sie werben nicht damit, weil das nicht zu ihrem schlanken Image passt. Sie bieten die molligen Models nur deshalb an, weil große Versandhäuser immer sämtliche Models für ihre Katalogfotos über eine einzige Agentur buchen wollen. Für große Agenturen ist das oft eine lästige Pflicht. Ich dagegen verbinde mit meinen molligen Models eine Ideologie.

SPIEGEL ONLINE: Und zwar?

Martin-Zick: Es wird allerhöchste Zeit, das Idealbild vom weiblichen Körper in unserer Gesellschaft um einige Konfektionsgrößen nach oben zu korrigieren. Allgemein spricht man von molligen Models ab Konfektionsgröße 42. Das ist eigentlich ein Witz - wenn eine Frau Größe 42 trägt, ist sie alles andere als mollig. Aber in der Textilbranche ist das so definiert. Mich rief mal eine Redakteurin einer Frauenzeitschrift an, die suchte ein "molliges Model" mit Größe 38. Also, da brauchen wir gar nicht erst zu diskutieren.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Vorteil hat die Textilindustrie von dünnen Kundinnen?

Martin-Zick: Schlanke Frauen passen in alles - wo nichts ist, kann auch nichts klemmen. Gewicht legt der Mensch jedoch nicht proportional zu; wenn also eine Frau zunimmt, dann hat sie oft eine breite Hüfte und eine schmale Oberweite. Für die Textilindustrie ist es ungemein schwer, Mode für stärkere Frauen zu produzieren. Wenn man eine Bluse in größerer Größe schneidert, sitzt die bei der einen Kundin gut und bei der anderen schlecht.

SPIEGEL ONLINE: Sie vertreten in Ihrer Agentur derzeit 104 Frauen und elf Männer. Wie kommt es zu diesem Ungleichgewicht der Geschlechter?

Martin-Zick: Bei Männern gibt es zwei Schwierigkeiten: Wenn die zunehmen, haben sie oft einen dicken Bauch, sind aber ansonsten schmal. Das reicht nicht fürs Modeln. Mollige Männer müssen rundum kompakt sein. Zum anderen glaube ich, dass Männer sich blöd vorkommen, wenn sie sich als molliges Model bewerben. Leider! Sie lassen sich gut vermitteln, sie sind eine echte Rarität.

SPIEGEL ONLINE: Wer bucht Ihre Models?

Martin-Zick: Sehr oft sind das die Discounter Lidl, Aldi, kik, Norma oder Takko. Die haben die Marktlücke erkannt und scheuen sich auch nicht, wirklich mollige Models zu buchen. Unsere Models werben auch für Diabetesmittel oder führen auf der Reha-Messe Medica in Düsseldorf Tragelifte vor. Dann wird das 145 Kilogramm schwere Model in Gurte gesetzt und durch die Gegend gehievt. Eines unserer Models musste auch schon für eine Dunstabzughaube werben mit dem Slogan "Das Fett muss weg!" Das muss man dann mit einem Augenzwinkern angehen.

SPIEGEL ONLINE: An Einsatzmöglichkeiten scheint es nicht zu mangeln.

Martin-Zick: Wirklich lukrativ und interessant wären allerdings die Katalogproduktionen. Da verdient man als Agentur schnell ein paar tausend Euro. Aber als spezialisierte Agentur kann ich da nicht Fuß fassen. Die Aufträge gehen an die großen Agenturen, die in ihrer Kartei alle Größen abdecken.

SPIEGEL ONLINE: Ernährung, Popkultur, Werbung - fast jeder Lebensbereich ist von dem Mager-Ideal bestimmt. Wie realistisch ist die Vorstellung, das ändern zu können?

Martin-Zick: Ich bin die Letzte, die sich wünscht, dass nur noch dicke Menschen für die Werbung gebucht werden sollen. Das wäre das andere Extrem, das genauso falsch ist. Mein Wunsch ist nur, dass die Werbe- und Modebranche nicht von einer Minderheit dominiert wird. Fakt ist, dass 60 Prozent der Frauen Konfektionsgrößen ab 40 tragen. Diese Klientel sollte bedient werden, indem mehr Models mit entsprechenden Größen gebucht werden. Eine Korrektur in Richtung Größe 38 und 40 würde bedeuten, dass man in den Medien gesunde Frauen sieht, die gut ausschauen. Auch die Molligen könnten sich damit noch gut identifizieren.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist "Mode für Mollige" eigentlich immer altbacken?

Martin-Zick: Die Textilindustrie meint, Mollige wollten auf keinen Fall auffallen. Das stimmt nicht. Das sieht man auch daran, wie viele mollige Mädchen viel zu enge Klamotten tragen, weil es für sie einfach keine adäquate Alternative zu Zara, Mango oder anderen Anbietern gibt. Ich selbst trage Größe 42, bin 39 und sehr modebewusst, aber wenn ich auf dem Laufsteg bin, muss ich Kollektionen tragen, die nicht mal meine 74-jährige Mutter anziehen würde.

SPIEGEL ONLINE: Imagetechnisch ein Teufelskreis.

Martin-Zick: "Dick" wird gleichgesetzt mit "nicht modebewusst", "phlegmatisch" und bestenfalls "gemütlich". Die Assoziation, dass dicke Frauen auch Power haben und dynamisch sein können, fehlt in den meisten Fällen. In Filmen werden dicke Frauen oft in Kartoffelsäcken versteckt - darin würden auch hübsche Personen unscheinbar.

SPIEGEL ONLINE: Es scheint sich eine eigene Dicken-Kultur zu bilden, mit XXL-Discos, Internetforen und Magazinen wie "Big is Beautiful". Ist das der richtige Weg?

Martin-Zick: "Big is Beautiful" hat eine Marktlücke geschlossen. Starke Frauen wollen ja kein Magazin mit dem Untertitel "Ich bin dick und trotzdem nett". Die wollen ein Modemagazin, das schöne Mode für sie zeigt. Einige Internetforen beobachte ich dagegen mit Argwohn. Da treffen sich Frauen, denen der Wunsch nach einer gängigen Modelkarriere verwehrt bleibt, und ziehen beleidigt über Schlanke her, die sie als "Hungerhaken" beschimpfen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Haut sind Ihre Models bereit zu zeigen?

Martin-Zick: Manche Models, die zu mir kommen, haben einen langen Kampf und viele, viele Diäten hinter sich und sagen: "Jetzt stehe ich zu mir, egal, was mein Umfeld über mich denkt." Denen ist es auch wurscht, ob sie Schwimmringe oder Zellulite haben. Die stellen sich in Dessous auf den Laufsteg, sind total offen. Es ist allerdings ein langer Prozess, zu sich zu finden. Das ist auch der Grund, warum sich kaum junge Models bei uns bewerben. Junge Mädchen sind noch zu wankelmütig.

Das Interview führte Michael Scholten

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