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Anti-Schwulen-Krawalle in Belgrad: "Unerhörter Ausbruch von Hass"

Foto: Darko Vojinovic/ AP

Anti-Schwulen-Krawalle in Belgrad "Unerhörter Ausbruch von Hass"

Belgrad im Ausnahmezustand: Tausende rechtsextreme und nationalistische Randalierer lieferten sich in der serbischen Hauptstadt Straßenschlachten mit Polizisten. Diese versuchten den ersten Umzug von Homosexuellen seit neun Jahren zu schützen - Dutzende Menschen wurden verletzt.

Belgrad - Die Scharmützel am Sonntag dauerten Stunden. Die Randalierer waren meist jung und männlich - angeführt wurde der Mob zum Teil von Geistlichen. Die Krawallmacher riefen "Tod den Homosexuellen", demolierten Autos, plünderten Geschäfte, rissen Verkehrszeichen aus der Verankerung, setzten Müllcontainer in Brand, warfen Steine und Molotowcocktails. Zum Ende der Homosexuellenparade eskalierte die Gewalt. Die Polizei schoss mit Tränengas zurück und setzte gepanzerte Fahrzeuge ein.

Der serbische Staatspräsident Boris Tadic verurteilte den "Vandalismus" auf den Straßen Belgrads und kündigte an, die Täter zu bestrafen. Serbien garantiere die Achtung der Menschenrechte für alle seine Bürger. Die Unruhen seien ein "unerhörter Ausbruch von Hass" durch eine "faschistische Gruppe", sagte Verteidigungsminister Dragan Sutanovac. "Das ist ein sehr trauriger Tag für Serbien". Innenminister Ivica Dacic lobte die Polizei, die noch größeres Blutvergießen verhindert habe. 5600 Polizisten standen den Angaben zufolge schätzungsweise 6000 Randalierern gegenüber, 207 Menschen wurden festgenommen.

Anlass der Ausschreitungen war der erste Umzug von Homosexuellen seit 2001. Schätzungsweise tausend Menschen hatten sich zur sogenannten "Parade des Stolzes" der Schwulen und Lesben in einem Park im Zentrum versammelt. Der kurze Umzug fand praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, denn die Polizei hatte das Gebiet schon am Vorabend teilweise gesperrt. Vor den Teilnehmern der Parade sprach der Leiter der EU-Mission in Serbien, Vincent Degert. "Wir sind hier, um diesen wichtigen Tag zu feiern, um die Werte der Toleranz, der Meinungsfreiheit und der Versammlungsfreiheit zu feiern", sagte er in seiner Rede. Die Parade dauerte nur 15 Minuten, danach zogen die Teilnehmer weiter zu einer Party. "Wir waren erfolgreich", riefen manche.

Vor neun Jahren war der erste Umzug in Gewalt geendet, nachdem Extremisten die Teilnehmer angegriffen hatten. Im vergangenen Jahr war die Demonstration nach Drohungen abgesagt worden. In diesem Jahr hatten verschiedene extremistische Organisationen offen oder indirekt zu den Krawallen aufgerufen.

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums wurden mehr als 140 Menschen verletzt, die meisten davon Sicherheitskräfte. Zwei Linienbusse wurden verwüstet. Ein Lagerraum im Sitz der Regierungspartei DS wurde in Brand gesetzt - ihr gehört Präsident Tadic an, der den Marsch unterstützte. Eine Auslage im Gebäude des Staatsfernsehens ging zu Bruch. Anti-Terror-Einheiten zerstreuten die Gewalttäter auch in der zentralen Fußgängerpassage, wo sie Schaufenster demolierten hatten.

Einige Randalierer trugen Heiligenbilder, Ikonen und Kreuze und sangen Kirchenlieder. Schon am Samstag hatten rund 20.000 Menschen gegen die Homosexuellenparade demonstriert - allerdings friedlich. Bischöfe der serbisch-orthodoxen Kirche hatten ebenso zur Verhinderung des Umzugs aufgerufen wie nationalistische Zeitungen.

Diplomaten und Parlamentarier der EU, des Europaparlaments, des Europarats und der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) wandten sich ermutigend an die Teilnehmer des Umzugs. Es gehe gegen die Diskriminierung von Minderheiten. Die Parade sei ein Test für die Achtung der Menschenrechte in Serbien.

bor/dpa/AFP
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