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Minderheit im Heiligen Land: Arabische Christen in Israel

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Arabische Christen in Israels Armee Zwischen Stolz und Schande

Sie werden von Arabern beschimpft und von jüdischen Soldaten kritisch beäugt: Auch arabische Christen dienen in der israelischen Armee - so wie die 19-jährige Jasmin. Sie fragt: "Warum sollte ich mein Land nicht beschützen wollen?"

Während sie spricht, schiebt sie das Magazin ihrer M16 von einer Hand in die andere. Eigentlich sollte Jasmin Haik jetzt in ihrem Offizierskurs sein, stattdessen sitzt sie unter einem löchrigen Sonnenschirm in einem Kiosk vor der Armeebasis in Rischon, nicht weit von Tel Aviv. In Israel leben etwa 1,7 Millionen Araber. Weniger als zehn Prozent davon sind Christen - so wie Jasmin Haik. Die 19-Jährige stellt in dieser Minderheit so etwas wie eine weitere Minderheit dar: Sie ist Soldatin der israelischen Armee.

Araber sind in Israel eigentlich vom Wehrdienst befreit. Rund 2000 arabische Christen kommen jedes Jahr ins wehrpflichtige Alter, in vorigen Jahren entschieden sich jeweils nur etwa 35 von ihnen für den Wehrdienst. Das liegt auch daran, dass das Gegeneinander zwischen der jüdischen Mehrheit und der arabischen Minderheit in Israel meistens größer ist als das Miteinander. Die Besetzung des Westjordanlandes ist ein dauernder Konfliktpunkt.

Jasmin Haik, geboren und aufgewachsen in Akko im Norden Israels, ist das offenbar egal. Sie habe kein Identitätsproblem, sie höre nur auf sich selbst, sagt sie. Zur Armee wollte sie schon lange, spätestens seit sie ihre ältere Schwester in Uniform gesehen hat. "Ich lebe hier, ich bin Israelin, warum sollte ich mein Land nicht beschützen wollen?", fragt sie.

Natürlich seien ihre Eltern stolz auf sie. Natürlich gebe es überhaupt keine Anfeindungen, weder zu Hause in Akko, noch hier, bei der Armee. Die drei Presseoffiziere, die mit ihr am Tisch sitzen, nicken begeistert.

Konfliktthema Wehrdienst

Seit die Armee verkündet hat, in Zukunft auch arabische Christen zum Wehrdienst aufzufordern, ist in Israel eine heftige Debatte entbrannt. Bis jetzt mussten sich diejenigen, die zum Militär wollten, selbst melden. Nun hat die Armee Briefe verschickt, die sie "Einladungen" nennt. Die Adressaten sind in Aufruhr: Ein arabischer Knesset-Abgeordneter rief dazu auf, die "vergiftete Post" zu verbrennen.

Oft zieht sich die Kluft mitten durch die arabischen Familien. Die Jungen wollen endlich vollwertige Mitglieder der Gesellschaft sein, in der sie leben. Dafür sind sie zunehmend bereit, Wehr- oder einen sogenannten Sozialdienst zu leisten. Die Zeit in der Armee prägt die Israelis, genau wie die Schulzeit oder das Studium.

Die Eltern und Großeltern dagegen haben oft noch die Vertreibung eines Teils der Familie erlebt; für sie ist die Armee des Landes, in dem sie leben, eine feindliche Macht.

Wie tief die Gräben nach wie vor sind, zeigt die Kontroverse um Gabriel Nadaf. Auf den griechisch-orthodoxen Priester aus Nazaret ist im Internet mittlerweile ein Kopfgeld ausgesetzt. Er hat vor zwei Jahren die Initiative "Forum der israelischen Christen für die Einberufung" gegründet und für den Wehrdienst mobilisiert.

Dass die Zahl der jungen Christen, die zur Armee wollen, jetzt tatsächlich steigt, liegt auch an seiner Initiative; Nadaf und der Sprecher des Forums, Schadi Chalul, haben ein Tabu gebrochen. Es geht um Identität und um Loyalität, der Ton ist alles andere als freundlich. Trotzdem rechnet die Armee dieses Jahr mit mehr als hundert freiwilligen Christen.

Während Chalul sogar stolz darauf ist, als israelischer Soldat im Westjordanland und im Libanon im Einsatz gewesen zu sein, wünschen sich die meisten dienenden Christen eine Aufgabe im israelischen Kernland.

"Man sitzt zwischen allen Stühlen"

Ein einziges Mal habe sie jüdische Siedler bewachen müssen, auf einem illegalen Außenposten in der Nähe der palästinensischen Stadt Hebron, erzählt eine Soldatin, auch als arabische Christin. Das wolle sie nie wieder tun müssen, sagt sie. Sie hat um Befreiung vom Dienst im Westjordanland gebeten, das wurde genehmigt. Ihren Namen will die junge Frau nicht mehr veröffentlicht sehen, seit sie in einer israelischen Zeitung über ihre Motivation sprach. Darauf erhielt sie Briefe, in denen stand, dass sie besser nie geboren wäre; sie sei eine Schande für ihre Familie.

Anders als Jasmin Haik, die Kadettin in Rischon, spricht sie darüber, was es für eine arabische Christin bedeutet, israelische Soldatin zu sein. Sie spricht über ihre Einsamkeit in der Armee, in der die jüdischen Soldaten über sie tuscheln und manche offen fragen, was sie, die Araberin, denn hier in der jüdischen Armee wolle. Sie erzählt von den Problemen zu Hause, vom wütenden Vater und der fassungslosen Großmutter. "Man sitzt einfach immer zwischen allen Stühlen", sagt sie.

Das wochenlange Einzugsprozedere hat sie damals vor ihrer Familie verheimlicht. Heute zieht sie manchmal die Uniform aus, bevor sie nach Hause geht. Nie würde sie selbst schießen, sagt sie. Trotzdem sei Israel ihr Land, dem sie mit ihrem Dienst in der Armee etwas zurückgeben möchte.

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