Argentinien Elfjähriges Vergewaltigungsopfer bringt Kind zur Welt

Ein Mann in Argentinien vergewaltigt ein Mädchen, das Kind wird schwanger. Die Behörden ignorieren das Recht der Elfjährigen auf eine Abtreibung. Die behandelnde Ärztin spricht von Folter.

Proteste gegen Gesundheitsbehörden in Argentinien
Aitor Pereira/EPA-EFE/REX

Proteste gegen Gesundheitsbehörden in Argentinien


Der Fall eines Mädchens, dem nach einer Vergewaltigung das Recht auf Abtreibung verwehrt wurde, hat in Argentinien eine heftige Debatte ausgelöst.

Das Mädchen, zunächst nur unter dem Pseudonym "Lucía" bekannt, ist die jüngste von drei Schwestern. 2015 war sie in die Obhut ihrer Großmutter übergeben worden, weil der Partner der Mutter ihre beiden älteren Schwestern missbraucht haben soll.

Der Lebensgefährte der Großmutter vergewaltigte die Elfjährige. Am 23. Januar erfuhr sie beim Arzt, dass sie schwanger war. Eine Woche später wurde sie in ein Krankenhaus eingeliefert und in staatliche Obhut gegeben.

Zu dem Zeitpunkt hatte die Elfjährige schon mehrere Suizidversuche hinter sich. Die Schwangerschaft war in der 19. Woche, das Mädchen verlangte mehrmals eine Abtreibung. Abtreibungen sind in Argentinien nur legal, wenn die Schwangerschaft aus einer Vergewaltigung resultiert oder wenn die Gesundheit der Mutter in Gefahr ist. In besonders konservativen Provinzen ist es aber wiederholt vorgekommen, dass die eigentlich vorgesehenen Abläufe nach Vergewaltigungen von Minderjährigen nicht befolgt wurden.

"Wenn wir sie nicht operiert hätten, wäre sie gestorben"

Obwohl im Fall der Elfjährigen mindestens eine Bedingung für eine legale Abtreibung erfüllt war, ließen sich die Behörden fast fünf Wochen Zeit, um über den Fall zu befinden. Gustavo Vigliocco, Gesundheitsminister der Region Tucuman, behauptete, das Mädchen wolle keine Abtreibung. Mehrere Ärzte weigerten sich unter Berufung auf Gewissensgründe, den Abbruch vorzunehmen.

Schließlich befand sich das Mädchen in der 23. Schwangerschaftswoche. Ein Gerichtsbeschluss legte die Entscheidung in die Hände der Ärzte. Sie entschieden daraufhin, eine Abtreibung sei für die Elfjährige gesundheitlich zu riskant. Stattdessen wurde das Baby per Kaiserschnitt auf die Welt gebracht. Das Mädchen hat den Eingriff gut überstanden, die Überlebenschancen des Frühgeborenen werden als schlecht eingeschätzt.

"Wenn wir sie nicht operiert hätten, wäre sie gestorben", sagte eine behandelnde Ärztin. Der Körper der Elfjährigen sei noch nicht reif für eine Schwangerschaft gewesen. Sie sei mit hohem Blutdruck in den Operationssaal gebracht worden.

Die Ärztin, die den Kaiserschnitt ausführte, sagte: "Wir haben das Leben einer Elfjährigen gerettet, die einen Monat lang von den Gesundheitsbehörden in der Region gefoltert wurde." Aus politischen Gründen sei dem Mädchen eine legale Abtreibung verwehrt worden.

Bischof gibt Identität des Vergewaltigungsopfers preis

"Das ist ein widerlicher Machtmissbrauch der regionalen Gesundheitsbehörden, der Gesundheit und Leben einer Elfjährigen in Gefahr gebracht hat", sagte Willen Margaret Wurth von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch über den Fall. Eine argentinische Organisation, die sich für das Recht auf legale und sichere Abtreibungen einsetzt, teilte mit, es sei Folter, Mädchen dazu zu zwingen, Kinder auf die Welt zu bringen.

Vor sechs Monaten hatte Argentiniens Senat es mit knapper Mehrheit abgelehnt, Abtreibungen innerhalb der ersten 14 Schwangerschaftswochen zu legalisieren. Frauen, die eine Abtreibung vornehmen lassen, werden mit bis zu vier Jahren Gefängnis bestraft. Das zwingt viele - vor allem ärmere - Frauen, illegale und gefährliche Abtreibungen vornehmen zu lassen. Wie der "Guardian" berichtet, soll es jährlich bis zu 450.000 Fälle in Argentinien geben.

Vielerorts in Lateinamerika sind Abtreibungsgesetze äußerst restriktiv; in einigen Ländern, vor allem in Zentralamerika, ist sie generell verboten.

Abtreibungsgegner hatten unter dem Motto "Rettet beide Leben" gefordert, den Kaiserschnitt hinauszuzögern, um dem Baby bessere Überlebenschancen zu geben. Auch der Erzbischof von Tucuman, Carlos Sánchez, rief dazu auf, "alles menschliche Leben zu schützen". Dabei nannte er den bis dahin geheim gehaltenen Namen der Elfjährigen, was ebenfalls Kritik auslöste.

ulz/Reuters/dpa



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