Argentinien nach WM-Aus "Wenn du heulen willst - nur zu!"
Buenos Aires - Rosana beißt sich auf die Fingernägel. Elfmeterschießen. Wo doch Nationaltorhüter Pato Abbondanzieri auf der Krankenstation liegt. Sie wippt mit den Füßen, krallt sich an der Lehne des Stuhls vor sich fest, fährt mit der Hand durch die blonden, langen Haare. Die 25-Jährige weiß, wie es sich anfühlt, die Landeshymne bei einer WM zu singen: Für die Argentinier ist Rosana La Zurda, die Linksfüßerin. Sie trägt bei den Boca Juniors und in der Frauen-Nationalmannschaft die Zehn auf dem Rücken und war bei der WM 2003 in den USA dabei.
Vor dem Spiel war Rosana Gomez guter Dinge, schwärmte von Riquelme, von Tevez, von Messi. "Ich halt das nicht aus", sagt sie jetzt zu ihrer Freundin Clarissa Huber, die auch bei Boca und in der Nationalelf spielt.
"Jeder auf seinen Platz, schnell", sagt Carlos. Er ist Rosanas Chef, der Besitzer des Telefonladens "El Nudo", in dem sie jeden Tag zwölf Stunden arbeitet. Carlos will nicht Schuld sein, wenn die Argentinier verlieren. Und deshalb muss jeder auf dem gleichen Fleck stehen wie bei dem Spiel gegen Serbien und Montenegro, das Argentinien in einer Galavorstellung 6:0 gewann. "Kabbala eben", sagt Carlos.
Aber alle Kabbala nützt nichts: Der Bälle der Deutschen sitzen, der argentinische Ersatztorwart Franco hält nicht einen der Elfmeter.
Das Spiel ist vorbei.
La Zurda weiß nicht wohin mit sich. Starrt immer noch auf den Fernseher. Dann geht sie in den hinteren Teil des Ladens, um einen Mate-Tee zu machen. Das beruhigt die Nerven. Clarissas Mutter ruft an und rät ihrer Tochter, eine Namensänderung zu beantragen: Ihr Mädchenname ist Molina, das klinge doch viel besser als Huber, der Nachname des Vaters. Nach diesem Spiel wolle in Buenos Aires doch wirklich niemand Huber heißen.
Alle Argentinier hatten mit einem Sieg ihrer Mannschaft gerechnet. Eigentlich wollten sie jetzt feiern gehen, am Obelisk, dem Wahrzeichen von Buenos Aires, bis in die Morgenstunden. "Dann werde ich wohl arbeiten müssen", sagt La Zurda und sieht ganz schön mitgenommen aus. "Hoffentlich haben wir bei der Frauen-WM 2007 mehr Erfolg als die Jungs."
Am Obelisk ist trotz der Niederlage einiges los, mehrere hundert Fans sind gekommen. Sie schwenken Argentinien-Flaggen, umarmen sich, zünden Leuchtkerzen, blasen in weiß-blaue Plastiktröten, rufen im Chor "Vamos Argentina!" Auf den ersten Blick sieht es nach einer Siegesfeier aus.
"Wir feiern, weil wir besser waren, als die Deutschen. Weil der Schiri Schuld ist, dass es überhaupt ein Elfmeterschießen gab. Und weil die Mannschaft ein tolles Turnier gespielt hat", sagt David Mazurkievicz, ein Basketballer, der heute in Sachen Fußball unterwegs ist und sich einen weiß-blauen Hut auf den Kopf gesetzt hat.
"Ein Traum geht zu Ende"
Er nimmt vorweg, was die argentinische Presse wenig später schreibt: "Argentinien war stärker, aber verlor im Elfmeterschießen", steht im "Clarín", der größten Tageszeitung. "Ein Traum geht zu Ende." Die Zeitung zitiert Präsident Kirchner: "Die Jungs" hätten im Stadion "alles gegeben und in Würde verloren". Er sei stolz auf das Team.
"Trostlosigkeit auf den Straßen", beobachtet "La Nación". "Das ganze Land weint", schreibt die Boulevardzeitung "Crónica". Auch "La Razón" ist emotional: "Wieder vier Jahre warten: Wenn Du heulen willst, nur zu! Unglaublich, schmerzhaft, traurig: Es ist vorbei." Und: "Lubos Michel erlag der Versuchung, den muchachos von Jürgen Klinsmann ein paar Gefallen zu tun."
Der Fernsehsender Canal 13 sendete am Abend Interviews mit mehreren Psychologen, die Strategien zum Umgang mit der bodenlosen Traurigkeit empfahlen: "Es ist in Ordnung, dass wir traurig sind", sagte einer der Interviewpartner, ein Psychologe mit blonden Korkenzieherlocken und getönter Brille. "Bitte nicht zu viel grübeln: Hätten sie doch. Wenn doch. Das nützt nichts."
Das sollte er mal den argentinischen Fernsehjournalisten sagen, die längst damit begonnen haben, alle Entscheidungen von Trainer Pekerman zu sezieren und im Nachhinein anzuzweifeln.
Pekerman kündigte sofort nach dem Spiel seinen Rücktritt an. Vielleicht hätte er lieber die Argentinier nach ihrer Meinung fragen sollen, die Zeitungen haben es für ihn getan: Clarín startete eine Online-Leserumfrage. Wenige Stunden nach dem Spiel hatten schon 78.000 Leser abgestimmt. Das Resultat: 73 Prozent wollen, dass Pekerman bleibt. Eine Umfrage zum gleichen Thema in La Nación hatte ein ähnliches Ergebnis.
Doch wer weiß, was wirklich hinter Pekermanns Rücktritt steckt: Ein Journalist von Canal 9 versichert, dass der Präsident des argentinischen Fußballverbands, Julio Grondona, ihm bereits vor Beginn der WM gesagt habe, dass das nächste WM-Team von Gott höchstselbst trainiert werden soll - von Diego Maradona.