Armut in Indien Wir Kinder vom Khan Market

Kabir sammelt Müll, Muhul flieht vor der Polizei, Gorgi ist die kleine Anführerin. Der Khan Market in Neu-Delhi, ein kleines Einkaufszentrum, ist das städtische Indien im Miniformat. Hier lassen es sich die Wohlhabenden gut gehen, während zig Kinder um ihr tägliches Überleben kämpfen - und dabei fröhlich bleiben.

Neu-Delhi - Kabir schwitzt. Sein ganzer Körper verschwindet in dem Leinensack, als er ein Stück Pappe hineinstopft. Seit dem Vormittag hat er den Beutel hinter sich hergeschleift, zwischendurch mit anderen Kindern auf dem von der Sonne aufgeweichten Asphalt getobt, dann wieder einfach nur gefaulenzt - und darüber das Aufsammeln von Müll vergessen. Jetzt ist es schon nach 19 Uhr, die Sonne geht bald unter, eigentlich Zeit für den Weg nach Hause, in die 15 Quadratmeter große Lehmhütte.

Aber der Sack ist noch so gut wie leer. Ein Lebensmittelhändler hat dem Knirps ein paar zerrissene Pappkartons vor die Füße geworfen, die er nun sorgfältig verstaut. Eine Rupie gibt's dafür vom Müllhändler, umgerechnet weniger als zwei Cent, aber immerhin. Für zehn Rupien gibt es schon eine warme Mahlzeit aus Linsen und Reis. Ein ganzer Sack voller Müll - Verpackungsmaterial, Wasserflaschen aus Plastik - reicht vielleicht, damit eine kleine Familie nicht hungrig bleiben muss.

Kabir ist zurzeit Alleinverdiener. Er sorgt für seine Mutter und seinen Bruder, einen Säugling. Dabei ist er selbst noch ein Kind, drei Jahre alt, wie er selbst sagt. Müllsammlerin Nitu, 40, die ihn "schon sehr lange" kennt, schätzt ihn auf fünf, aber drei oder fünf, welche Rolle spielt schon das Lebensalter, wenn das Leben kaum etwas zählt.

Kabirs Vater hat die Familie verlassen, seine Mutter liegt jetzt kränkelnd in ihrer Hütte, auf einer schmutzigen Decke auf einer Holzpritsche. "Die hat einen Stein im Magen", sagt eine Nachbarin und meint damit die faustgroße Eiterbeule, die Kabirs Mutter am Bauch hat, seit ihr Mann sie kurz vor seinem Verschwinden verprügelt hat. Geld für eine Behandlung hat die Frau nicht. Und heute vielleicht nicht einmal genug zu essen, wenn ihr Sohn seinen Müllsack nicht voll bekommt.

Unsichtbare Grenze zwischen Arm und Reich im Kopf

So wie Kabir ergeht es vielen Kindern: auf dem Khan Market, in Neu-Delhi, in ganz Indien. Für eine Schulbildung bleibt keine Zeit. Die Zukunft der Kinder sieht so aus wie ihre Gegenwart: betteln, arbeiten, sich irgendwie durchschlagen. Wie viele so leben, weiß niemand. Fest steht: Nirgendwo gibt es so viele Kinder wie in Indien, nach Regierungsangaben sind von den 1,1 Milliarden Indern rund 430 Millionen unter 18 Jahre alt. Die Mehrheit von ihnen lebt in absoluter Armut.

Geschäftsleute auf dem Khan Market schätzen, dass sich dort auf dem kleinen Marktgelände täglich 50 Kinder herumtreiben. "Wahrscheinlich sind es aber viel mehr", sagt ein Tabakwarenhändler, dessen elfjährige Tochter Shuita sich ebenfalls den ganzen Tag dort die Zeit vertreibt. "Ich habe sie zur Schule geschickt, aber da taugt sie nichts."

Die Zeit drängt, Kabir sollte eigentlich zu Hause sein. Aber da erblickt er einen britischen Touristen, der gerade aus einem Buchladen kommt. "Der ist nett", sagt Kabir, "der war gestern schon hier und hat mir Bonbons geschenkt." Der Junge lässt seinen Müllsack liegen und rennt zu dem Mann. "Hello, hello", ruft er, vermutlich die einzigen englischen Wörter, die er kennt. Der Mann lächelt und gibt Kabir eine Tüte mit Obst. Kabir schlendert wieder zu seinem Müllsack. "Das ist gut", sagt er. Und mit einem Fingerzeig auf ein Fast-Food-Restaurant: "Ein Burger wäre noch besser." Aber drinnen in dem Restaurant war er noch nie. Kinder in Indien kennen die unsichtbare Grenze zwischen Arm und Reich sehr genau - und wissen, auf welcher Seite sie stehen. Sie überschreiten diese Grenze nie.

Ein Lebensmittelhändler kommt aus seinem Laden und schreit den Jungen an: "Sieh zu, dass du hier wegkommst!" Der Mann ist wütend auf die vielen bettelnden Kinder. "Sie vertreiben mir die Kundschaft", sagt er. "Außerdem haben sie nur Unsinn im Kopf. Neulich haben sie wieder die Scheiben von mehreren Autos, die hier parkten, kaputt gemacht. Glauben Sie, diese Kunden kommen wieder?"

Kabir lacht nur, über seine volle Obsttüte und über den schimpfenden Mann. "Der meckert immer", sagt er. Kaum ist der Mann in seinem Laden verschwunden, rennt der Junge zu dessen Stand mit Kartoffelchipstüten und klaut vier Päckchen. "Mmh", sagt er, "die schmecken mir."

Schläge durch Polizisten sind Alltag

Zwei Häuserecken weiter schlägt ein Polizist einen Jungen, der eine Flasche mit Limonade gestohlen hat. Der Junge weint, sagt, er werde so etwas "wirklich, wirklich nie wieder tun". Der Polizist lässt den Kleinen los, der läuft heulend davon. Ein paar Passanten gehen teilnahmslos vorbei. Zur Rede gestellt, sagt der Polizist: "Was soll ich tun? Die Geschäftsleute beschweren sich täglich, dass wir zu wenig machen, und die Kinder stehlen wie verrückt und machen Sachen kaputt." Außerdem, findet er, schadet ein bisschen Prügel nichts. "Das können die ab."

Die Kinder vom Khan Market sind Misshandlungen durch Polizisten gewöhnt. Sie wissen, wer es gut mit ihnen meint und wer nicht. "Manche schlagen uns einfach so", sagt Gorgi, Kabirs sieben Jahre alte Freundin. Gorgi ist so etwas wie eine kleine Anführerin, alle Kinder bewundern sie und hören auf sie. Ihr Hemd ist verdreckt, ihre Hose zerschlissen, das Haar verfilzt, der Rotz läuft ihr aus der Nase. Schuhe besitzt Gorgi nicht, ihre Füße sind schwarz vor Schmutz.

Aber Gorgi ist fröhlich. "Wenn die Polizei kommt, rennen wir weg", sagt sie und lacht. Und Muhul, dem die vorderen Zähne weggefault sind, erzählt stolz: "Vor ein paar Tagen bin ich in einem Polizeiauto gefahren." Die Polizei hatte ihn beim Abbrechen eines Autorückspiegels ertappt und ihn mit aufs Revier genommen. "Von da bin ich heimlich abgehauen", sagt der Siebenjährige und freut sich noch heute über seine Heldentat. Ein paar andere Kinder, die um ihn herumstehen, schauen ihn bewundernd an.

Kabir findet kurz vor 22 Uhr eine prall gefüllte Mülltüte. Wahrscheinlich hat sie ein Kind, das vor einem Polizisten geflohen ist, liegen gelassen. "Das ist jetzt meine!", sagt er und springt vor Freude in die Luft. Anschließend packt er geschickt den Müll aus der Tüte in seinen Sack und macht sich auf den Weg zu seiner kranken Mutter und seinem Bruder. Vorher will er noch den Müll verkaufen. "Tschüss, Reporter", sagt er zum Abschied. "Das war heute ein schöner Tag."

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