Armutsbekämpfung in Kirgisien Die Polygamie-Falle
Moskau - Andere Länder, andere Sitten: Der Justizminister der Republik Kirgisien, Marat Kaipypow, hat angekündigt, das Parlament seines Landes werde demnächst ein Gesetz debattieren, das Straffreiheit für Fälle von Vielehe vorsieht. Hintergrund für den bizarr klingenden Vorschlag: Polygamie existiert bereits massenhaft in der zentralasiatischen früheren Sowjetrepublik. Der Grund dafür ist massive Armut.
Rund ein Million Kirigisen haben das Land seit dem Ende der Sowjetunion 1991 auf der Suche nach Arbeit verlassen. In der Heimat blieben viele Frauen zurück - häufig ohne Chancen auf materielle Versorgung. Sorgte der multinationale Sowjetstaat noch für Beschäftigung und Investitionen im Rahmen der Planwirtschaft, bedeutete die Unabhängigkeit für das kleine Land den sozialen Absturz. Vor allem der weibliche Teil der Bevölkerung wurde davon hart getroffen.
Viele Frauen haben keinerlei Chance auf eine qualifizierte Ausbildung, geschweige denn einen Arbeitsplatz, der ihnen ein selbständiges Leben ermöglichen könnte. So lassen sich viele Kirgisinnen darauf ein, sich bei einem muslimischen Würdenträger als zweite, dritte oder vierte Frau eines wohlhabenden Mannes trauen zu lassen.
Doch was klingt wie einst der Spott des Dichters Kurt Tucholsky, man solle die soziale Frage lösen, indem wir alle reich heiraten, hat in Kirgisien einen Haken. In Gegenden mit starker muslimischer Tradition, etwa im Kaukasus, halten sich Praktiker der Polygamie bisweilen noch an das religiöse Gebot, maximal vier Frauen materiell auskömmlich zu versorgen.
Williges Fleisch, schwacher Glaube
Doch in Kirgisien ist das Fleisch willig und der Glaube schwach. Und die Brieftasche ist häufig schmaler, als vor den Flitterwochen versprochen. Selbst Basarhändler können sich in vielen Fällen nicht einmal ein gebrauchtes Auto leisten. Der kirgisische Bürgerrechtler Sartbai Schaitschinbekow kritisiert, die Befürworter der Polygamie, die sie als Akt sozialer Wohlfahrt ausgeben, betrieben Dummenfang.
Die bei Mullahs geschlossenen zweiten und weiteren Ehen seien nach den Gesetz nicht rechtskräftig. So blieben die Frauen ohne rechtlichen Schutz, ohne Anspruch auf Unterhalt oder Alimente. Auch bei Erbansprüchen gingen sie leer aus. Die Folge seien Frauen im materiellen Elend, die zudem noch gesellschaftlich geächtet seien. Viele Männer, weiß der Menschenrechtler, schlössen mehrere Ehen zudem heimlich, ohne dass die Frauen voneinander wüssten.
Besser als die Legalisierung der Vielehe, mahnt Bürgerrechtler Schaitschinbekow, sei es, die Rechte der Frauen gesetzlich zu verbessern. Doch dazu dürfte das von Patriarchen und Klan-Führern beherrschte Parlament in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek kaum geneigt sein.