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Asylbewerber in Hamburg: Die Flüchtlinge auf dem "Parkplatz Braun"

Foto: Claus Hecking

Asylbewerber in Hamburg "Dieses Camp ist das Paradies, meine Heimat ist die Hölle"

Sie kommen aus Syrien und dem Irak, aus Gaza, der Ukraine oder Afghanistan. Hunderttausende fliehen vor Kriegen und Konflikten nach Mitteleuropa - die deutschen Städte sind überfordert. Besuch in einem Hamburger Aufnahmelager.

Nachts träume er von den Leichen, erzählt Ali Ahmed Muhsen. Sie treiben um ihn herum im Mittelmeer, regungslos und mit aufgerissenen Augen, während der junge Somali um sein Leben schwimmt: auf die libysche Küste zu, immer wieder schluckt er Salzwasser. Und wenn Muhsen dann hochschreckt aus dem Schlaf und nach Sauerstoff japst, reißt er sofort das Fenster des 1,50 Meter breiten, 4 Meter langen Wohncontainers auf, den er sich mit drei anderen Männern teilt. Denn die Luft da drinnen ist stickig.

"I made it", sagt Muhsen stolz. Er hat es geschafft: Zurückzuschwimmen zum Festland, als das überladene Schlepperboot kurz nach dem Ablegen aus einem libyschen Hafen kenterte. Vier Tage später ist er mit einem anderen Kahn übergesetzt nach Sizilien. Hat sich durchgeschlagen nach Deutschland, wo seine 16-jährige Ehefrau bereits Asyl beantragt hatte. Seit nun knapp drei Monaten sitzt der Somali, der nach eigenen Angaben ebenfalls 16 ist und der unterdrückten Midgan-Minderheit angehört, im Hamburger Erstaufnahmelager Schnackenburgallee am Rande des Volksparks. Er wartet darauf, dass die hiesigen Behörden über ihn beschließen. Wie alle hier.

Mehr als 1200 Flüchtlinge leben bereits am "Parkplatz Braun" nahe dem HSV-Stadion in Containern und Feuerwehr-Zelten, rund drei Viertel sind Männer. Beständig werden es mehr. Die Krisen in aller Welt treiben Hunderttausende zur Flucht in Europas sichere Regionen. Und deutsche Städte ringen um einen angemessen Umgang mit ihnen.

Die Städte müssen handeln

Am Donnerstag hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge seine Prognose für die Asylbewerberzahlen zum vierten Mal in diesem Jahr hochgeschraubt auf nunmehr 25.000 Erstantragsteller pro Monat. Die Behörden sind zunehmend überfordert: In Berlin und in Bayern schlossen sie zeitweise die Erstaufnahme wegen zu großen Andrangs. In Bremen soll die Leitung der zentralen Aufnahmestelle in einem internen Schreiben von "unhaltbaren und von uns nicht mehr zu händelnden" Zuständen gesprochen haben. Und auch Hamburg hat zu kämpfen.

"Hamburg hat so einen Andrang nicht mehr erlebt seit dem Bosnien-Krieg der Neunzigerjahre", sagt Christoph Holstein, Sprecher des Senats. Beantragten Anfang 2013 noch etwa hundert Menschen pro Monat Asyl in der Hansestadt, kommen laut Holstein zurzeit Monat für Monat 500 bis 700 Schutzsuchende dazu. Darauf war die Stadt nicht eingestellt, es fehlt an allem: Sachbearbeitern, Sozialhelfern - und vor allem Quartieren. So müssen in den Hamburger Erstaufnahmelagern zurzeit 350 Menschen in Zelten nächtigen, weil es nicht genug Container gibt. 900 Asylbewerber sollten längst von hier weggezogen sein, doch es fehlen Folgeunterkünfte für sie. "Wenn wir nicht handeln, gerät das hier aus den Fugen", sagt Holstein.

Am Parkplatz Braun sitzen die Flüchtlinge im Freien auf Campingstühlen oder lehnen an den hohen Sperrzäunen, die das Lager umgeben. Die meisten schweigen, blicken starr in die Leere. "Viele sind traumatisiert von Verfolgung und Flucht, außerdem kommen sie aus ganz unterschiedlichen ethnischen Hintergründen" sagt Sandra Berkling von der Arbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrtspflege. "Da sind Konflikte programmiert." Vergangene Woche lieferten sich zwischen 80 und 100 christliche Eritreer und islamische Tschetschenen eine Massenschlägerei, angeblich auch mit Pflastersteinen, Messern und Schlagstöcken.

"Die meisten in unserem Camp sind den Deutschen dankbar, dass wir hier sein dürfen", sagt der 33-jährige syrische Christ Hassan al-Azmeh*, "aber der Frust steigt, weil alles so lange dauert." Er selbst, ein Modedesigner aus der Nähe der Stadt Qamishli im Nordosten des Landes, floh vor den Truppen des "Islamischen Staates". Er lebt jetzt schon sechs Monate in der Erstaufnahme, obwohl es nur drei sein dürften.

Hamburg benötigt Platz für 15.000 Flüchtlinge

"Es pressiert", sagt Frank Reschreiter, Sprecher der Hamburger Innenbehörde. So sehr, dass der Senat sogar "nach Polizeirecht" vorgehe, wie es Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) ausdrückt. Das Gesetz zum Schutz der öffentlichen Sicherheit und Ordnung erlaubt den Behörden, im Eilverfahren neuen Wohnraum zu schaffen und dabei auf Verwaltungsschritte wie Beteiligung der Bezirke und Betroffenen oder die Ausschreibung von Baumaßnahmen zu verzichten. "Wir wollen verhindern, dass Flüchtlinge im Winter in Zelten leben müssen", sagt Reschreiter.

Noch diese Woche sollen mehr als 200 Flüchtlinge in ein neues Erstaufnahmequartier in einer ehemaligen Schule umziehen. In den kommenden Monaten sollen weitere Erstaufnahme- und Folgeunterkünfte entstehen - bis hin zu Containern auf schwimmenden Pontons oder sogar Wohnschiffen. Hamburg benötige Platz für mindestens 15.000 Flüchtlinge, sagt Senatssprecher Holstein. "Wir erwarten, dass der Zustrom anhält oder sogar wachsen könnte. Die Containerhersteller verdienen sich gerade eine goldene Nase."

Auch am Parkplatz Braun tut sich was: Baggerschaufeln graben sich in den Grund, Bauarbeiter verlegen neue Wasser- und Abwasserleitungen. "Ich fürchte, dass ich noch länger hier bleiben muss", sagt Hassan al-Azmeh. Dann lächelt er. "Aber das ist nicht so schlimm: Dieses Camp ist das Paradies, meine Heimat ist die Hölle".

* Name von der Redaktion geändert
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