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Atom-Ausstieg: Stadland Frust

Foto: Carmen Jaspersen/ dpa

Atomkraft-Aus Stadland Frust

Jahrzehntelang lebten Kommunen wie das niedersächsische Stadland gut von ihren Atomkraftwerken. Doch jetzt stellt der Ausstieg sie vor gewaltige Probleme, die Steuereinnahmen drohen zu versiegen. Besuch am Ort der Ratlosigkeit.

"Nein", seufzt der Mann ins Telefon, "unsere Hotels hier haben keine Lobby. Nein, wirklich nicht. Einen Gastraum vielleicht." Es geht noch ein bisschen hin und her, dann legt Boris Schierhold ziemlich abrupt auf. "Eine japanische Zeitung", sagt er entschuldigend, "die wollen mich interviewen. Und Fotos machen - mit Menschen." Er schaut ein wenig verstört.

Boris Schierhold, 42, groß, schlank, niedersächsisch trocken, ist seit zwölf Jahren parteiloser Bürgermeister der Gemeinde Stadland, einem Flecken hoch im Norden, zwischen Jadebusen und Weser. 8000 Menschen leben hier, "in Frieden", wie sie sagen, was bislang vor allem bedeutete: unbehelligt von schwerer Kriminalität, großer Politik und zu vielen Journalisten.

Doch seitdem die Bundesregierung den größtmöglichen atomaren Ausstieg durchgeboxt hat, schaut die Republik neugierig in die Provinz - und damit eben auch nach Stadland. Denn in unmittelbarer Nähe des 600-Einwohner-Nestes Kleinensiel steht dort seit 1978 das Kernkraftwerk Unterweser (KKU), einst eines der leistungsstärksten der Welt und nun eines der ersten abgeschalteten Deutschlands.

Viele Millionen Euro Steuereinnahmen

Die graue Betonkuppel, die sich von den sattgrünen Weiden der Wesermarsch schon aus einigen Kilometern Entfernung deutlich abhebt, ist in der Region mehr als nur ein Symbol für technologischen Fortschritt und wirtschaftlichen Aufschwung. Der von E.on betriebene Reaktor beschäftigt knapp 400 Menschen und beliefert zwei Millionen Haushalte mit Strom. Und: Er beschert der Gemeinde Stadland jedes Jahr satte Einnahmen.

Noch.

Etwa ein Drittel des knapp zehn Millionen Euro umfassenden Etats stammte aus der Gewerbesteuer, die E.on für sein Kraftwerk abführen müsse, sagt Bürgermeister Schierhold. Zwar flössen die Abgaben noch einige Jahre lang, doch sei das Ende des Geldsegens absehbar. "Darauf müssen wir uns einstellen." Hinzu komme, dass die Kommune wohl weitere Einwohner verlieren werde, weil junge Leute auf der Suche nach attraktiven Arbeitsplätzen fortzögen.

Schierhold wirkt nicht entsetzt, panisch oder verängstigt, aber man merkt ihm an, dass die Situation ernst ist. Die Gemeinde hat gut gelebt von ihrem Kernkraftwerk: Drei Grundschulen, vier Turnhallen, vier Feuerwehren und ein schmuckes Veranstaltungszentrum leistete man sich. Jetzt soll in den nächsten Jahren kräftig gespart werden. "Es gibt keine heiligen Kühe mehr", sagt Schierhold. Die Fördermittel für die örtlichen Vereine kürzte der Stadtrat bereits vor Jahren. Doch große Sprünge macht man damit nicht.

"Was dann?"

Überhaupt ist hier in Stadland wenig von der Aufbruchstimmung spürbar, die in Berlin dieser Tage gerne eingefordert wird. Eher scheinen die Leute das unbestimmte Gefühl zu haben, dass die besten Zeiten hinter ihnen liegen. "Wir kommen schon noch bis zur Rente", sagt Gerfried Hülsmann, 64, der am Ort eine Gastwirtschaft und ein Hotel betreibt, "aber dann? Was dann?"

80 Prozent seiner Zimmer buchten die Leute vom Kernkraftwerk, ständig hätten sie zudem Essen in den Reaktor liefern müssen, auf Monate seien sie oft ausgebucht gewesen. "Das wird jetzt weniger", vermutet Hülsmann. Überhaupt, alle im Ort hätten doch hier mehr oder weniger vom Reaktor gelebt: Bäcker, Friseur, Elektriker. "Für uns ist das wirklich schlimm. Ich weiß nicht, was wird."

Stadland Frust.

Die Menschen in der Wesermarsch machen sich keine Illusionen und haben keine Visionen. Der nächstgrößere Betrieb in der Gegend sei ein landwirtschaftliches Lohnunternehmen mit 80 Leuten, heißt es. Und dass neue Firmen kämen und sich in Stadland dauerhaft niederließen, daran glaubt auch Bürgermeister Schierhold nicht so recht. "Es ergibt keinen Sinn, Traumschlösser zu bauen." Man habe ja noch einige Rücklagen aus besseren Zeiten, man werde sehen.

Familien statt Firmen

Im baden-württembergischen Philippsburg, ebenfalls von der Atomwende betroffen, scheint man weniger gelassen zu sein. "Wir stellen uns schon seit Mitte letzten Jahres auf die Zeit nach Atom ein", sagt Bürgermeister Stefan Martus. In der "Wirtschaftswoche" überlegte der CDU-Politiker auch schon, ob er nicht die Straßenbeleuchtung abschalten oder zumindest die Temperatur im Schwimmbad senken solle. Vielleicht wolle EnBW ja auch ein Gaskraftwerk in der Stadt bauen? "Hier herrschen optimale Voraussetzungen", wirbt Martus.

Erzählt man Boris Schierhold von dem Wirbel, den sein Amtskollege einige hundert Kilometer weiter südlich macht, lächelt er geduldig und sagt: "Wir haben ja kein Schwimmbad. Zum Glück!" Er setze, um Einnahmen zu generieren, verstärkt auf "weiche Standortfaktoren", günstiges Bauland, Kinderbetreuung. Vielleicht zögen dann mehr Familien her, wenn schon keine Firmen kämen.

Besonders viel Hoffnung scheint Schierhold nicht zu haben. Jetzt reisen erst einmal die japanischen Reporter an. Und dann?

Abwarten.

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