Streit über Firmenrichtlinie Audi hält in Prozess an geschlechtergerechter Sprache fest

Ein Angestellter des VW-Konzerns hat Audi verklagt, weil das Unternehmen in Dokumenten gendert. Ein Kompromissvorschlag des Gerichts wurde jetzt abgelehnt.
Schreibweise, die mehrere Geschlechter ansprechen soll: Hier mithilfe eines Gendersternchens

Schreibweise, die mehrere Geschlechter ansprechen soll: Hier mithilfe eines Gendersternchens

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Sebastian Gollnow / dpa

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Ein VW-Mitarbeiter dürfte diese Frage mit Ja beantworten. Weil die Konzerntochter Audi in Dokumenten gendert, beklagt er einen Eingriff in seine Persönlichkeitsrechte. Nachdem Audi eine geforderte Unterlassungserklärung nicht abgegeben hatte, zog der Mann vor Gericht.

In dem Prozess vor dem Landgericht Ingolstadt zitierte der Kläger nun aus Arbeitsanweisungen an ihn, die umständliche Formulierungen enthielten wie: »Der_die BSM-Expertin ist qualifizierte_r Fachexpert_in«. Die bisherigen »Audianer« sind in den Dokumenten zu »Audianer_innen« geworden.

Der Vorsitzende Richter Christoph Hellerbrand schlug zur gütlichen Einigung vor, den Kläger künftig in herkömmlicher Sprache anzuschreiben. Die Audi-Anwälte lehnten dies aber als nicht praktikabel und nicht handhabbar ab. Dem »Donaukurier « zufolge argumentierten die Rechtsvertreter des Unternehmens, es müsste sonst eine Liste gemacht werden, wer nun wie angesprochen werden wolle.

Gericht befasst sich nur mit Einzelfall

Audi hatte den Leitfaden im März 2021 eingeführt und erklärte, das Unternehmen wolle »gendersensible Formulierungen von nun an in der internen und externen schriftlichen Audi-Kommunikation allgegenwärtig machen«. In allen internen und externen Schreiben des Unternehmens seien gendersensible Formulierungen notwendig. Dazu dienten neutrale Formulierungen (»Führungskraft« statt »Chef«) oder der sogenannte Gendergap, der männliche und weibliche Formen mit einem Unterstrich verbindet. Audi-Sprecher Wolfgang Schmid sagte: »Die Verwendung gendersensibler Sprache bedeutet eine Kommunikation, die alle Geschlechter und geschlechtlichen Identitäten wertschätzt und berücksichtigt.«

Der Kläger stört sich aber daran, dass er von Audi-Kollegen mit gegenderten Begriffen angesprochen wird. Er verlangt nach Angaben seiner Anwälte, dass es das Unternehmen unterlässt, die Nutzung der Kommunikationsregeln vorzuschreiben. Die Anwälte meinen, dass Sprache nicht derart konkret vorgegeben werden dürfe. Sie betrachten das Verfahren auch als einen Musterprozess, der über Audi hinaus wirkt. Richter Hellerbrand hob indes hervor, dass vor Gericht nur der konkrete Einzelfall verhandelt werde. In Richtung des Mitarbeiters sagte er: »Es geht um Sie, um ihre persönliche Betroffenheit durch diesen Genderleitfaden.«

Schutz der geschlechtlichen männlichen Identität

Unterstützt wird die Klage vom Verein Deutsche Sprache, der das Gendern generell ablehnt und von einer »Ideologie« spricht. Andere Organisationen der Sprachpflege sehen eine Notwendigkeit des Genderns, appellieren aber an die Einhaltung der grammatikalischen Regeln. So sieht die Gesellschaft für deutsche Sprache eine Doppelnennung (»Schülerinnen und Schüler«) positiv, den Gendergap wie bei Audi hingegen als problematisch.

Der Kläger begründete sein Vorgehen laut »Bild «-Zeitung auch mit dem Schutz seiner geschlechtlichen Identität. In einigen von Audi vorgegebenen Varianten wie »Ärzt_in« oder »Anwält_in« fehle es schließlich am männlichen Wortstamm (»Arzt« beziehungsweise »Anwalt«). Auf die männliche Bezeichnung im Zuge des Genderns zu verzichten, könne nicht »geschlechtergerechter« sein.

Klägeranwalt Dirk Giesen sagte, sein Mandant sei klar für Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung. Aber Audi solle ihm keine Mails, Mailanhänge und Anweisungen mehr mit dieser Gendersprache schicken. Der Richter fasste den Unterlassungsantrag so zusammen: »Der Gendergap muss weg.«

Ein Urteil soll Ende Juni fallen.

Aktenzeichen: 83 O 1394/21

apr/dpa
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