Auftakt der Papst-Reise Mission Klartext

Ein paar fromme Worte und sonst nichts? Von wegen. Benedikt XVI. hat die ersten Stunden seines Deutschland-Besuchs für sehr weltliche und ungewohnt scharfe Kritik genutzt. Hält er dieses Tempo durch, könnte die Visite in die Geschichte eingehen.

dapd

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Berlin - Der Himmel über Rom war noch rot gefärbt, die Sonne erhob sich am wolkenlosen Himmel und gegen 8.15 Uhr auch "Georges Bizet", der weiße Alitalia-Airbus AZ 4000 mit dem Papst, Bischöfen und Kardinälen in den Erste-Klasse-Reihen und knapp 70 Journalisten an Bord.

Für vier Tage wird der Papst Rom den Rücken kehren und auf Staatsbesuch in der alten Heimat weilen. Allerdings nicht, ohne seinem krisengeschüttelten Gastland Italien von oben herab, quasi per Himmelfahrtskommando, unmissverständlich die Meinung zu geigen.

Im obligatorischen Telegramm, das der Papst an die Staatsoberhäupter all jener Länder schickt, deren Hoheitsgebiete er überfliegt, auf dieser Reise also Italien, Österreich und Tschechien, schreibt er an den italienischen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano: "Der Moment, in dem ich italienisches Territorium verlasse, ist geprägt von meinem Wunsch einer intensiven ethischen Erneuerung zum Wohl meines geliebten Italiens." Wer das nicht als starke politische Botschaft versteht, als Kritik an Silvio Berlusconi, dem Sitten- und Finanzkraft-Verfall Italiens - wenige Tage nachdem die Rating-Agentur Standard & Poor's Italiens Kreditwürdigkeit herabgestuft hat - der will es nicht besser verstehen.

Nach der Landung beeilt sich Papstsprecher Federico Lombardi noch hinzuzufügen, ja, es handle sich wirklich um Italien und "wir alle werden in Zukunft noch genug zu tun haben, die vielen Probleme des Landes verantwortlich anzupacken". Deutlicher geht es nicht.

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Staatsbesuch: Benedikt XVI. im Bundestag
Das Programm in Deutschland: 17 Ansprachen, fünf große Gottesdienste in drei Bistümern, im Olympiastadion von Berlin, in Freiburg und Erfurt, mit einer Viertelmillion Pilger, die dazu erwartet werden, und jeder Menge Protestgruppen - diese Deutschland-Reise kann nicht anders verstanden werden als politisch. Das macht schon der Auftakt im Flieger nach Berlin deutlich. Wenn Benedikt XVI. dieses Tempo beibehält und ihm nicht Kraft und Mut abhanden kommen - dann, ja dann, könnte diese 21. Reise des Pontifex wahrlich historisch werden.

Die Fragen: gut gewählt, kritisch

Gegen 9.25 Uhr, in 10.000 Meter Flughöhe, unten schimmern schneeweiß die Alpen, tritt der Papst vor den Vorhang zwischen erster Klasse und Holzklasse. Er steht allein, klein, gehüllt in eine weiße Soutane, rote Lederschuhe, die Wangen leicht gerötet. Er hält ein schmales silbriges Mikrophon, er wirkt hochkonzentriert und gestärkt nach der Sommerfrische in Castel Gandolfo.

Er spricht 20 Minuten lang, leise, klar, bestimmt. Die Fragen stellt Papstsprecher Lombardi. Sie sind gut gewählt, sie sind kritisch, sie machen neugierig auf mehr. Die erste Frage, quasi zum Warmwerden, handelt davon, wie deutsch sich ein Papst in Rom noch fühlt. Ziemlich deutsch. Benedikt XVI. antwortet mit einem Zitat von Friedrich Hölderlin: "Am meisten vermag doch die Geburt." Er spricht von Wurzeln, die nicht abgeschnitten werden können und sollen und gesteht, mit einem sanftem Lächeln, lieber deutsche Bücher zu lesen als andere.

Dann geht es ans Eingemachte: Für die Kirchenaustritte wegen der Missbrauchfälle zeigt der Papst Verständnis, der Dialog mit den Protestanten sei ihm wichtig. Katholiken und Protestanten eine immer mehr als sie trenne, und der Besuch im Erfurter Augustinerkloster, wo Reformator Luther lebte, sei eine Ehre. Der Papst fürchtet die Proteste in Deutschland nicht, sie seien normal, mit großer Freude komme er in seine Heimat.

Sind das alles nur Worte, leere Bekenntnisse? Oder wird sich der Papst in den kommenden Tagen trauen, die zahlreichen Probleme in Rom, aber auch in Deutschland anzupacken?

Vielleicht wird die schwierigste Reise des Papstes seit Amtsantritt ein wenig so werden wie die nach London im Oktober vergangenen Jahres. Was mit Protesten, Sprechchören und Gejammer wegen der zu hohen Kosten begann, wurde für Benedikt zum Triumphzug. Es fing kritisch an und ging gut aus - das könnte auch für diese Reise gelten.

Die Antworten: hochpolitisch

Kurz vor der Landung wird Benedikt XVI. flankiert von Kampfjets der Luftwaffe, die Piloten winken herüber aus ihren Kapseln und eskortieren den Papst-Flieger überpünktlich nach Tegel. Am Boden empfangen Bundespräsident Wulff und Kanzlerin Merkel windzerzaust den Papst.

In einer dunklen XL-Limousine gleitet der Papst dann durch ein gespenstisch stillgelegtes Berlin, ein paar Familien stehen an Straßenabsperrungen, zwei, drei Flaggen sind zu sehen, mehr nicht. Noch scheint Berlin nicht im Glanz des Papstes, noch tobt Berlin nicht.

Die Erwartungen an diese Reise sind gigantisch, sie zeugen von Unkenntnis dieses Papstes und vor allem klingen sie genau wie die Eigenschaften, die Kritiker dem Papst vorhalten: arrogant, weltfremd, unbelehrbar. Am liebsten hätten manche Kritiker, dass Benedikt XVI. rückwirkend die Missbrauchfälle ungeschehen macht, die katholische mit der evangelischen Kirche vereint, die homosexuelle Ehe erlaubt und Frauen mindestens zu Kardinälinnen weiht. Das ist absurd.

Die Rede im Bundestag, welche die Vatikan-Beobachter bereits atemlos und unter Begeisterungsrufen auf dem Anflug nach Berlin studierten, hat überrascht. Endlich das, was man von Benedikt vergeblich seit Amtsantritt erwartet hatte. Ratzinger, der Professor, der nie Papst hatte werden wollen, ist sich treu geblieben. Er las den Politikern die Leviten, sprach über Natur und Vernunft, verlangte von den Abgeordneten mehr moralische Verantwortung für Ökologie und Gerechtigkeit. Die Rede im Bundestag war politisch, mutig, einzigartig. Der Maßstab eines Politikers dürfe nicht "der Erfolg und schon gar nicht materieller Gewinn" sein. "Die Politik muss Mühen um Gerechtigkeit sein und so die Grundvoraussetzung für Friede schaffen. [...] Aber der Erfolg (eines Politikers, Anm. d. Red.) ist dem Maßstab der Gerechtigkeit, dem Willen zum Recht und dem Verstehen für das Recht untergeordnet."

Einen bedeutenden Teil seiner Rede widmete der Papst dem Thema Ökologie: "Ein positivistischer Naturbegriff, der die Natur rein funktional versteht, so wie die Naturwissenschaft sie erkennt, kann keine Brücke zu Ethos und Recht herstellen." Das Kirchenoberhaupt würdigte die politische Rolle der Umweltbewegung: "Ich würde sagen, dass das Auftreten der ökologischen Bewegung in der deutschen Politik seit den siebziger Jahren zwar wohl nicht Fenster aufgerissen hat, aber ein Schrei nach frischer Luft gewesen ist und bleibt, den man nicht überhören darf."

insgesamt 445 Beiträge
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Seite 1
GinaBe 22.09.2011
1. Der Papst in Deutschland- ein Segen?
Segen ist ein Begriff aus dem christlichen Mythos. Implizieren Sie, lieber sysop, damit ein Bekenntnis?
straff&locker 22.09.2011
2. so gesehen...
---Zitat--- Papst beklagt mangelnde Religiosität in Deutschland ---Zitatende--- Mit Gott habe ich kein Problem - nur mit dem Bodenpersonal. ... Woran macht man denn mangelnde Religiosität fest?
MasaGemurmel 22.09.2011
3. vice versa
Ich würde sagen: "Erste Rede in Berlin - Deutschland beklagt mangelnde Realitätsnähe im Vatikan"
Viva24 22.09.2011
4. Der Besuch ist viel zu teuer!
Was wir Steuerzahler da wieder aufbringen. Für eine Organisation von Kinderschändern und Ausbeutern!. Auch noch der grösste Oppotionshändler der Welte. Eine Frechheit hier her zu kommen!.
unwesen, 22.09.2011
5. Auweia
Zitat von sysopPapst Benedikt IV. besucht Deutschland und spaltet die Nation. Zwischen Begeisterung und Ablehnung wird der Papst die Menschen in seiner Heimat wiedersehen. Wie sehen Sie es? Ist der Papstbesuch für Deutschland positiv zu bewerten?
Da hat einer nicht viel aus der Weltgeschichte gelernt. Dass diese Luege weiterhin propagiert wird, ist entsetzlich.
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