Ausbildung in der katholischen Kirche "Vor lauter Angst habe ich den Mund gehalten"

Ehemaliger Priesteranwärter Brian M.: "Machtlosigkeit und Entwürdigung"
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Ehemaliger Priesteranwärter Brian M.: "Machtlosigkeit und Entwürdigung"

Aus Köln berichtet

2. Teil: Homosexuelle Veranlagung zur göttlichen Berufung gemacht?


In keinem Beruf der Welt sei der Prozentsatz der Homosexuellen so hoch wie im katholischen Klerus, behauptet die Theologin Uta Ranke-Heinemann. Das "unheilsschwangere Dreigestirn Sexualfeindlichkeit - Frauenfeindlichkeit - Zölibat" bringe zwar keine Homosexualität hervor, erleichtere Schwulen aber den Zugang zu kirchlichen Spitzenpositionen, schrieb die exkommunizierte Kirchenkritikerin in einem Beitrag für die "Junge Welt". Schon mancher junge Mann habe seine homosexuelle Veranlagung mit göttlicher Berufung zum Priestertum verwechselt, "und zwar in aller Unschuld und Aufrichtigkeit".

Die Unschuld kam Brian schnell abhanden. Schlimmer noch, er war dabei, seine Träume zu verlieren. "Mein heiliges Bild von der Kirche wurde sukzessiv zerstört", erinnert er sich. Als er einen Studienkollegen im Vatikan besuchte, sei er von einem dortigen Priester bedrängt worden.

"Auch in den Klöstern, der für mich letzten Bastion der Reinheit, regierte keineswegs Keuschheit." Enttäuscht wandte sich Brian gen Santiago de Compostela. Auf dem Jakobsweg wurde ihm klar, dass er eine solche Doppelmoral nicht leben und außerdem eine funktionierende Beziehung haben wollte - kurz vor der Diakonweihe brach er seine Ausbildung ab.

"Wer liebt, gibt niemals auf"

Homosexuelle katholische Priester haben es angesichts des Missbrauchskandals noch schwerer als zuvor. Vielerorts wird "schwul" noch immer mit "pädophil" gleichgesetzt - ein gravierender Irrtum, wie Experten stets betonen: "Aus wissenschaftlicher Sicht hat die Homosexualität als sexuelle Orientierung nichts mit Kindesmissbrauch zu tun", sagt Janina Neutze, Koordinatorin des Präventionsprojekts "Dunkelfeld - kein Täter werden" an der Berliner Charité. Primär sei die Neigung, also die Bevorzugung eines kindlichen Körperschemas, ausschlaggebend für Übergriffe auf Minderjährige.

Tatsächlich suchte Brian nach seinem Rückzug aus dem Seminar nichts weiter als eine Beziehung, ein Gefühl der Verbundenheit, ein Zuhause. Was er fand, waren Liebe und Zuneigung, aber zu einem hohen Preis. Ausgerechnet in seiner "rebellischen Phase", dem Moment, in dem er am rigiden System der Kirche zutiefst zweifelte, verliebte er sich in einen katholischen Geistlichen. Vier Jahre lang versuchte er seinen Partner davon zu überzeugen, die Kirche zu verlassen. Als er ihn fast so weit hatte, überkam ihn das schlechte Gewissen: "Mein Freund war ein hervorragender Priester, der seine Arbeit und die Menschen so sehr geliebt hat." M. trennte sich von dem Mann.

Auch die folgende Beziehung zu einem Priester hielt den Realitäten nicht stand: "Ich lebte in zwei Welten. Draußen war es eine Männerfreundschaft, drinnen war es Liebe." Der zweite Partner war rigoroser im Vertuschen der illegitimen Verbindung. Jetzt musste auf jedes Detail geachtet werden: keine Umarmungen in der Öffentlichkeit, kein Nackenkraulen beim Autofahren, keine Schwulenparaden, keine öffentlichen Bekenntnisse.

Permanent sei er damit beschäftigt gewesen, seinen Freund zu schützen, um ihm nicht den Beruf und damit die Existenzgrundlage zu nehmen. "Wer liebt, der gibt niemals auf, alles erträgt er mit großer Geduld", wurde M.s Leitsatz aus dem Korintherbrief. Aber immer öfter hatte er Fluchtgedanken, sah zahlreiche homo- wie heterosexuelle Beziehungen mit Priestern zerbrechen an der Verlogenheit und dem Leiden der Beteiligten.

"Zutiefst unchristlich und von Jesus nicht gewollt"

Als auch diese Partnerschaft scheiterte, stand für M. fest: "Ein Priester, der trotz Zölibats eine Beziehung mit jemandem eingeht, handelt fahrlässig. Er muss wissen, was er damit beim anderen anrichtet." Wer in der Ausbildung erkenne, dass er nicht enthaltsam leben könne, müsse den Schneid haben zu sagen: "Bei aller Liebe zum Beruf und aller Traurigkeit: Ich bin nicht geeignet, Priester zu werden."

Eugen Drewermann will darin ein Opfer des katholischen Systems erkennen: "Die Alternative, entweder du liebst Gott oder einen Menschen, ist zutiefst unchristlich und von Jesus nicht gewollt." Schon Martin Luther habe erkannt, dass eine Organisation, die dies verlange, letztlich absolutistisch sei. Ein Ende des Traums von der Unsterblichkeit verheißenden Keuschheit ist laut Drewermann nicht in Sicht. "Der Zölibat ist 1000 Jahre alt. Er hat die Aufklärung überstanden, die Psychoanalyse und die Frauenemanzipation. Warum sollte sich das ändern?"

Brians Leben hat sich durch den Zölibat verändert - im Guten wie im Schlechten. "Die Kirche war für mich immer der verlängerte Arm Gottes, der sagt, ich nehme dich an, wie du bist, ohne wenn und aber. Das hat sich als Fehleinschätzung erwiesen."

* Name ist der Redaktion bekannt

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Seite 1
junge_freiheit_2010 14.04.2010
1. Falsche Zielgruppe
Jeder Homosexuelle sollte sich eigentlich darüber klar sein, dass die RKK nicht der präferierte Arbeitgeber sein kann. Wer es naiverweise dennoch versucht, dem wird sicherlich das "Fürchten" gelehrt.
Klo, 14.04.2010
2. Doppelmoral und Heuchelei
Zitat von sysopUm jeden Preis wollte Brian M. seiner Berufung zum Priester folgen. Doch statt Keuschheit und Demut stieß er in der Ausbildung auf Doppelmoral, sexuellen Missbrauch und Mobbing. Von einem, der auszog, katholischer Geistlicher zu werden - und dabei das Fürchten lernte. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,686544,00.html
Es ist bedrückend solche Lebensgeschichten zu lesen. "An seinem zweiten Tag im Seminar wurde M. von einem älteren Mitstudenten sexuell belästigt, was er als 'sehr unangenehm' empfand und bei seinem Ausbilder anzeigte. Der Beschuldigte sei trotzdem zum Diakon geweiht worden. 'Später habe ich erfahren, dass er sich auch an Kindern vergriffen hat',..." Daraus kann man ja klipp und klar ersehen, dass die Kirche wider besseres Wissen eindeutig Leute auf Kinder losgelassen hat, die "rollende Zeitbomben" waren. Eine Mitschuld der Kirche kann hier niemand mehr wegdiskutieren. Es ist klar und eindeutig. "Ich lebte in einem geschlossenen System und musste noch nicht einmal vor die Tür gehen, um Sex zu haben, sondern bekam ihn sozusagen auf dem Tablett serviert." Leute, macht diesen Laden dicht. Das kann doch nicht das sein, was man sich unter "Kirche" vorzustellen hat. Auch meine These, dass die Kirche Päderasten anzieht, weil die dort einen sicheren Hort finden, ist damit doch wohl eindrucksvoll belegt. Man kann nur hoffen, dass noch mehr solcher Leute den Mut finden, diesen Sumpf trockenzulegen. Das Klo.
metzelkater 14.04.2010
3. Die Lösung: Religionsgemeinschaften per Gesetz demokratischen Strukturen unterwerfen
Die Lösung kann nicht von innen kommen, dafür ist das System der Kontrolle und der Macht viel zu starr. Würde eine Partei so geführt werden, wie die katholische Kirche, man würde sie als Verfassungsfeindlich verbieten. Selbst ein Herr Schlecker, der sicher gerne der Papst seines Unternehmens wäre, muss sich dem Betriebsverfassungsgesetz unterwerfen. Auch kein Verein könnte so undemokratisch geführt werden. Man sieht ja, welchen Schaden diese Strukturen für die Menschheit bedeuten, daher fordere ich, das man Gesetze erlässt, die auch Religionsgemeinschaften zu streng demokratischen Strukturen verpflichtet, am besten Europaweit. Das wird zwar den Kardinälen nicht gefallen, und auch die Scientologen werden sicher keine Freude daran haben, aber der Menschheit wird es weiterhelfen. Die Religionsfreiheit des einzelnen Menschen ist wichtig und muss geschützt werden, auch die der Katholiken. Aber die Organisation hat sich gefälligst der Demokratie unterzuordnen. Vor allem sollte man die Kirche unter anderem zwingen, das Gleichbehandlungsgesetz umzusetzen. Es kann nicht sein, das Menschen dort wegen eigenen nicht ehelichen Kindern aus einem Kindergarten gekündigt werden können und dies auch noch rechtens ist. Es muss endlich Schluss sein mit den Sonderrechten für den Klerus. Die Demokratie ist für alle da, es wird Zeit, das wir auch die katholische Kirche damit beglücken, alleine bekommen die das nie gebacken. Ich sehe nicht ein, warum ein demokratisches Europa sich solche Mittelalterlichen Strukturen noch bieten lässt.
metzelkater 14.04.2010
4. Dafür gäbe es einfache Lösungen
Zitat von junge_freiheit_2010Jeder Homosexuelle sollte sich eigentlich darüber klar sein, dass die RKK nicht der präferierte Arbeitgeber sein kann. Wer es naiverweise dennoch versucht, dem wird sicherlich das "Fürchten" gelehrt.
Das sehe ich aber ganz anders. Man sollte den Katholiken das Gleichbehandlungsgesetz schenken. Am besten Europaweit!
seyinphyin 14.04.2010
5. ...
Und diese Furcht überwand er jetzt zufällig genau jetzt und stellt sich damit ins volle Medienlicht? Irgendwie scheint es langsam "IN" zu werden, irgendwie, irgendwann, irgendwo ganz ganz schlimm missbraucht worden zu sein von allmächtigen Geistlichen, deren Beziehung sämtliche Regierungskreise sprengen, so dass sie das Leben genüßlich und ungestraft aus einen herauspressen können, während man selbst keinerlei Möglichkeit zur Gegenwehr in der Hand hat, da selbst jede Polizei teil dieses teufelichen Bundes ist. Unsere Gesellschat muss wirklich der Inbegriff von Dekadenz und Zerfall sein. "Warum er sich gefügt habe? Brian ist verlegen. "Wenn man das innere Gefühl der Berufung hat, schwingt man sich nicht auf zum rebellischen Luther der Neuzeit, kämpft nicht wie David gegen Goliath", sagt er." Ansonsten, wenn man mit der geforderten Enthaltsamkeit nicht klar kommt, sollte man es halt einfach BLEIBEN LASSEN und sich eine entsprechende Alternative suchen. ""Man hat mich mit Autorität unter Druck gesetzt, mir so viel Angst eingejagt, dass ich den Mund nicht mehr aufgemacht habe. Es ist eine Welt der Unterdrückung."" -"Autorität ist im weitesten Sinne eine soziale Positionierung, die einer Institution oder Person zugeschrieben wird und dazu führt, dass sich andere Menschen in ihrem Denken und Handeln nach ihr richten." Will man sich natürlich nicht danach richten, fühlt man sich unter Druck gesetzt, doch niemand hat den Mann dazu gezwungen, dort zu bleiben. also was soll das bitte? Wenn man so anfängt, dann gibt man sich einfah der eigenen Schwäche hin und beschuldigt alles und jeden. Dann wurde ich von ALLEM unterdrückt in meinem Leben und wäre auch von MASSEN sexuell missbraucht worden. Stattdessen hab ich NEIN gesagt und mich dagegen gewehrt und eben die Folgen in Kauf genommen, dass ich dann an dem Ort uU nicht mehr bleiben konnte - was ich aber sowieso auch gar nicht wollte, wenn es dermaßen viele Leute waren, die sich so benahmen.
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