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14. April 2010, 16:18 Uhr

Ausbildung in der katholischen Kirche

"Vor lauter Angst habe ich den Mund gehalten"

Aus Köln berichtet

Um jeden Preis wollte Brian M. seiner Berufung zum Priester folgen. Doch statt auf Keuschheit und Demut stieß er auf Doppelmoral, sexuellen Missbrauch und Mobbing. Von einem, der auszog, katholischer Geistlicher zu werden - und dabei das Fürchten lernte.

Im Kölner Dom ist die Welt noch in Ordnung. Während draußen "die Atheisten zum Sturm auf die Kirche blasen", wie die christliche Wochenzeitung "Neue Bildpost" meint, regiert im Innern der Kathedrale himmlische Ruhe. Leise klappern die Highheels russischer Touristinnen über den Mosaikboden, die Sonne bringt das Zinnoberrot der Kirchenfenster zum Leuchten. Nur aus den alten Mauern strömt noch feuchte Winterkälte.

In der "Kirchenzeitung" kann man im schummrigen Licht lesen, dass der Präsident des Düsseldorfer Amtsgerichts Kruzifixe aus den Sitzungssälen verbannt hat. Ein Skandal. Darüber, dass kaum einer der geständigen kirchlichen Missbrauchstäter sich je vor einem weltlichen Gericht verantworten musste, beklagt sich niemand.

Immerhin, Joachim Kardinal Meisner hat die Brisanz der Lage erkannt. In seinem 48-jährigen Priesterleben habe er noch nie "eine so schwere Zeit für die Kirche erfahren", schrieb er in einem Brief an die Gläubigen im Erzbistum Köln. Besondere Situationen fordern außergewöhnliche Maßnahmen, sollte man meinen. Doch Meisners Rat an die zunehmend verärgerten und verunsicherten Katholiken ist wenig originell: Beten sollen sie, für die Opfer, die Täter und die Wütenden, die nun aus der Kirche austreten.

"Mit beten allein werden wir in der jetzigen Situation wohl kaum weiterkommen", empört sich der Kölner Theologe Brian M.: "Wenn der Heilige Geist irgendetwas bewirken soll, dann muss die Kirche vor allem ihre Strukturen ändern."

"Später habe ich erfahren, dass er sich auch an Kindern vergriffen hat"

Brian, ein gutaussehender Enddreißiger mit George-Michael-Bart und kornblumenblauen Augen, steht aufrecht zwischen zwei Särgen. Links thront ein Öko-Holzmodell mit Lederschlaufen, rechts ein schwarzes Ungetüm mit raffinierter Verschlusstechnik. M. ist Bestatter, führt in Köln ein elegantes Beerdigungsinstitut, in dem es nach Vanille duftet und eine Käthe-Kollwitz-Radierung an der Wand hängt.

Im schwarzen Anzug zum rosa Hemd, die Hände über dem Gürtel verschränkt, bittet M. zum Gespräch. Er tut das mit einem gewissen Unbehagen: "Ich will kein Nestbeschmutzer sein und andere denunzieren. Mir ist die Kirche immer noch wichtig, ich will loyal sein", betont er. Aber da sei diese Wut über Doppelmoral und Verlogenheit, Missbrauch, Zölibat und die Leiden, die daraus entstehen.

Viele Jahre lang hat der studierte Theologe als Dozent und später als Seelsorger bei der Kölner Aids-Hilfe gearbeitet. Doch ursprünglich wollte er immer nur eines: Priester werden, in der katholischen Kirche, seiner spirituellen Heimat, in der er sich aufgehoben und geborgen fühlte. Bis zu einem bestimmten Punkt.

In den neunziger Jahren studierte M. am erzbischöflichen Priesterseminar in Paderborn. Er hatte zu diesem Zeitpunkt einige Beziehungen zu Frauen gehabt, war aber überzeugt, den Zölibat leben zu können.

Doch schon zu Beginn der Ausbildung gab es Probleme: An seinem zweiten Tag im Seminar wurde M. von einem älteren Mitstudenten* sexuell belästigt, was er als "sehr unangenehm" empfand und bei seinem Ausbilder anzeigte. Der Beschuldigte sei trotzdem zum Diakon geweiht worden. "Später habe ich erfahren, dass er sich auch an Kindern vergriffen hat, das hat mich sehr belastet", so M.

Jojo-Effekt im Priesterseminar

Ein Sprecher der Erzdiözese Paderborn bestätigte SPIEGEL ONLINE, dass es gegen den Kommilitonen Beschwerden gegeben habe. Er sei 1992 nach Rücksprache mit dem Erzbischof nicht zur Priesterweihe zugelassen worden. Laut Landgericht und Staatsanwaltschaft Paderborn wurde der Diakon später wegen Verbreitung kinderpornografischen Materials und sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen zu Geld- und Freiheitsstrafen auf Bewährung verurteilt.

Trotz des Übergriffs gefiel Brian das Leben unter 120 Männern, er glaubte fest an seine Berufung und arbeitete hart an sich und dem Zölibat. "Ich wollte das in den Griff kriegen, habe mich sehr bemüht und war stolz auf Phasen, in denen ich es hingekriegt habe", erinnert sich M.

Über seinem Bett hing ein großes Holzkreuz, von dem Jesus auf ihn hinabsah. Der 1992 approbierte Katechismus der katholischen Kirche brandmarkte Masturbation weiterhin als "schwere ordnungswidrige Handlung". Dennoch "versündigte" sich Brian bisweilen und war dann "vollkommen deprimiert." Er ging zur Beichte, büßte, hoffte auf Läuterung, dann begann alles von vorn. Eine Art Jojo-Effekt sei das gewesen, sagt er heute.

Doch mit der "Initialzündung", seinem schwulen Coming-out mit einem Kommilitonen, wurde alles anders. "Sexualität, Nähe und Zweisamkeit wurden ein Thema, und zwar ein drängendes", erinnert sich Brian.

Sex, Lügen und Angst im geschlossenen System

Schnell lernte er Gesinnungsgenossen kennen, verstand, dass er "nur ein sündiges Schaf unter sehr vielen anderen" war. Ob sich die Studenten in der schwulen Szene einer Großstadt vergnügt hätten? "Das war gar nicht nötig", sagt Brian trocken. "Ich lebte in einem geschlossenen System und musste noch nicht einmal vor die Tür gehen, um Sex zu haben, sondern bekam ihn sozusagen auf dem Tablett serviert."

Es habe eine Art Telefonkette gegeben, "wer in der Diplomphase Lust hatte, rief einfach einen Kommilitonen an und traf sich kurz mit ihm".

Das Erzbistum Paderborn teilt dazu auf SPIEGEL-ONLINE-Anfrage mit, dass ihnen "praktizierte homosexuelle Beziehungen aus den neunziger Jahren im Priesterseminar" nicht bekannt seien.

"Wir hatten große Angst aufzufliegen, denn wir wollten Priester werden und unbedingt in der Kirche bleiben", sagt M. Wer jemanden anschwärzen wollte und um homosexuelle Aktivitäten wusste, hatte leichtes Spiel. "Er konnte den Schwulen denunzieren und war ihn dann in der Regel los." Eine perfide Form von Mobbing.

"Es ist eine Welt der Unterdrückung"

Der Ex-Priester, Ex-Katholik und Psychoanalytiker Eugen Drewermann hielt von 1979 bis 1991 Vorlesungen an der theologischen Fakultät Paderborn. Die Zustände am dortigen Seminar seien kein Geheimnis gewesen, sagte er SPIEGEL ONLINE. Der Druck auf die jungen Männer war demnach groß: "Man darf nicht vergessen, dass Homosexualität im Kirchenrecht noch bis 1982 als schlimmes Verbrechen betrachtet wurde."

Die katholische Kirche habe nicht nur sexuelle und körperliche Gewalt ausgeübt, sondern auch psychische, berichtet Brian: "Man hat mich mit Autorität unter Druck gesetzt, mir so viel Angst eingejagt, dass ich den Mund nicht mehr aufgemacht habe. Es ist eine Welt der Unterdrückung."

Warum er sich gefügt habe? Brian ist verlegen. "Wenn man das innere Gefühl der Berufung hat, schwingt man sich nicht auf zum rebellischen Luther der Neuzeit, kämpft nicht wie David gegen Goliath", sagt er.

Homosexuelle Veranlagung zur göttlichen Berufung gemacht?

In keinem Beruf der Welt sei der Prozentsatz der Homosexuellen so hoch wie im katholischen Klerus, behauptet die Theologin Uta Ranke-Heinemann. Das "unheilsschwangere Dreigestirn Sexualfeindlichkeit - Frauenfeindlichkeit - Zölibat" bringe zwar keine Homosexualität hervor, erleichtere Schwulen aber den Zugang zu kirchlichen Spitzenpositionen, schrieb die exkommunizierte Kirchenkritikerin in einem Beitrag für die "Junge Welt". Schon mancher junge Mann habe seine homosexuelle Veranlagung mit göttlicher Berufung zum Priestertum verwechselt, "und zwar in aller Unschuld und Aufrichtigkeit".

Die Unschuld kam Brian schnell abhanden. Schlimmer noch, er war dabei, seine Träume zu verlieren. "Mein heiliges Bild von der Kirche wurde sukzessiv zerstört", erinnert er sich. Als er einen Studienkollegen im Vatikan besuchte, sei er von einem dortigen Priester bedrängt worden.

"Auch in den Klöstern, der für mich letzten Bastion der Reinheit, regierte keineswegs Keuschheit." Enttäuscht wandte sich Brian gen Santiago de Compostela. Auf dem Jakobsweg wurde ihm klar, dass er eine solche Doppelmoral nicht leben und außerdem eine funktionierende Beziehung haben wollte - kurz vor der Diakonweihe brach er seine Ausbildung ab.

"Wer liebt, gibt niemals auf"

Homosexuelle katholische Priester haben es angesichts des Missbrauchskandals noch schwerer als zuvor. Vielerorts wird "schwul" noch immer mit "pädophil" gleichgesetzt - ein gravierender Irrtum, wie Experten stets betonen: "Aus wissenschaftlicher Sicht hat die Homosexualität als sexuelle Orientierung nichts mit Kindesmissbrauch zu tun", sagt Janina Neutze, Koordinatorin des Präventionsprojekts "Dunkelfeld - kein Täter werden" an der Berliner Charité. Primär sei die Neigung, also die Bevorzugung eines kindlichen Körperschemas, ausschlaggebend für Übergriffe auf Minderjährige.

Tatsächlich suchte Brian nach seinem Rückzug aus dem Seminar nichts weiter als eine Beziehung, ein Gefühl der Verbundenheit, ein Zuhause. Was er fand, waren Liebe und Zuneigung, aber zu einem hohen Preis. Ausgerechnet in seiner "rebellischen Phase", dem Moment, in dem er am rigiden System der Kirche zutiefst zweifelte, verliebte er sich in einen katholischen Geistlichen. Vier Jahre lang versuchte er seinen Partner davon zu überzeugen, die Kirche zu verlassen. Als er ihn fast so weit hatte, überkam ihn das schlechte Gewissen: "Mein Freund war ein hervorragender Priester, der seine Arbeit und die Menschen so sehr geliebt hat." M. trennte sich von dem Mann.

Auch die folgende Beziehung zu einem Priester hielt den Realitäten nicht stand: "Ich lebte in zwei Welten. Draußen war es eine Männerfreundschaft, drinnen war es Liebe." Der zweite Partner war rigoroser im Vertuschen der illegitimen Verbindung. Jetzt musste auf jedes Detail geachtet werden: keine Umarmungen in der Öffentlichkeit, kein Nackenkraulen beim Autofahren, keine Schwulenparaden, keine öffentlichen Bekenntnisse.

Permanent sei er damit beschäftigt gewesen, seinen Freund zu schützen, um ihm nicht den Beruf und damit die Existenzgrundlage zu nehmen. "Wer liebt, der gibt niemals auf, alles erträgt er mit großer Geduld", wurde M.s Leitsatz aus dem Korintherbrief. Aber immer öfter hatte er Fluchtgedanken, sah zahlreiche homo- wie heterosexuelle Beziehungen mit Priestern zerbrechen an der Verlogenheit und dem Leiden der Beteiligten.

"Zutiefst unchristlich und von Jesus nicht gewollt"

Als auch diese Partnerschaft scheiterte, stand für M. fest: "Ein Priester, der trotz Zölibats eine Beziehung mit jemandem eingeht, handelt fahrlässig. Er muss wissen, was er damit beim anderen anrichtet." Wer in der Ausbildung erkenne, dass er nicht enthaltsam leben könne, müsse den Schneid haben zu sagen: "Bei aller Liebe zum Beruf und aller Traurigkeit: Ich bin nicht geeignet, Priester zu werden."

Eugen Drewermann will darin ein Opfer des katholischen Systems erkennen: "Die Alternative, entweder du liebst Gott oder einen Menschen, ist zutiefst unchristlich und von Jesus nicht gewollt." Schon Martin Luther habe erkannt, dass eine Organisation, die dies verlange, letztlich absolutistisch sei. Ein Ende des Traums von der Unsterblichkeit verheißenden Keuschheit ist laut Drewermann nicht in Sicht. "Der Zölibat ist 1000 Jahre alt. Er hat die Aufklärung überstanden, die Psychoanalyse und die Frauenemanzipation. Warum sollte sich das ändern?"

Brians Leben hat sich durch den Zölibat verändert - im Guten wie im Schlechten. "Die Kirche war für mich immer der verlängerte Arm Gottes, der sagt, ich nehme dich an, wie du bist, ohne wenn und aber. Das hat sich als Fehleinschätzung erwiesen."

* Name ist der Redaktion bekannt

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