Ausbrecherkönig Michel Vaujour "Ich bin lebendiger, als du es je warst"

Kein Panzerglas war dick genug, keine Bewachung scharf genug für Michel Vaujour: Sogar per Hubschrauber türmte Frankreichs Ausbrecherkönig aus dem Knast, führte die Justiz vor, narrte die Polizei. Dann schoss man ihn nieder, auf der Flucht. "Und plötzlich", sagt er heute, "fand ich die Freiheit".

Von Cornelius Wüllenkemper


Berlin - Dieser Mann soll ein einen Ausbrecherkönig sein? Einer, den ein Superstar spielen müsste, wenn seine Geschichte fürs Kino verfilmt würde - mindestens Jean Paul Belmondo oder Steve McQueen?

Wie ein Überheld mutet Michel Vaujour wahrlich nicht an, eher wie ein kleiner sympathischer Gauner. Er ist jetzt 54 Jahre alt, trägt am Bauch ein paar gesetzte Pfunde, um den Hals ein Goldkettchen. Sein Blick ist sehr wach, sehr gespannt, beim Händeschütteln packt er zu, als gelte es, eine Kartoffel zu zerquetschen.

Vaujour will aus seinem Leben erzählen, es ist eine schier unglaubliche Geschichte.

27 Jahre hat er im Gefängnis gesessen, 17 Jahre davon in Einzelhaft. Fünfmal ist er getürmt, ein Ausbruch war spektakulärer als der andere: Einmal formte Vaujour ein Pistolenimitat aus Seife und hielt mit der vermeintlichen Waffe drei schwerbewaffnete Elitepolizisten und einen Untersuchungsrichter in Schach. Ein anderes Mal holte ihn seine Frau mit einem Hubschrauber vom Dach des Pariser Hochsicherheitsgefängnisses La Santé ab - sie ließ ein Seil herab, er hängte sich dran - voilà.

In den siebziger, achtziger Jahren wurde er zum Helden, zum Mythos - was ein Irrtum gewesen sein muss, denn Michel Vaujour war immer nur ein kleiner Gauner auf der Flucht vor sich selbst.

Begonnen hatte alles 1969. Aus Langeweile oder, wie Vaujour selbst sagt, "um der Sinnlosigkeit zu trotzen", klaute der damals 17-jährige Sohn zweier Verwaltungsangestellter im nordfranzösischen Dorf Vertus Autos und unternahm Spritztouren in die Stadt.

"Ich drehte ein Ding nach dem anderen"

Dem kleinbürgerlichen Leben seiner Eltern wollte Michel entkommen, ihn, der ein "wildes Kind" war, schon früh zur Tante abgeschoben hatten. Er wollte sich "ausklinken" vom Kampf um soziale Anerkennung.

Vaujours Joyriding flog auf, für die illegalen Spritztouren in geklauten Autos kassierte der Teenager satte dreißig Monate Gefängnis und fünf Jahre Aufenthaltsverbot in seiner Heimatregion. Es war der Anfang seiner Kriminellenkarriere.

Kurz nach der Entlassung kaufte Vaujour sich sein erstes eigenes Auto, doch weit kam er damit nicht: Bei einer Polizeikontrolle stellte sich heraus, dass er ohne Führerschein unterwegs war, und so landete er ein zweites Mal hinter Gittern. "Das Spiel war für mich eröffnet", sagt er heute. "Das Spiel": Mauern durchbrechen, die Gegner austricksen, täuschen, vorführen.

Vaujour schwärzte Apfelsinen und tat so, als halte er Granaten in den Händen. Zurück auf der Straße versuchte er sich als Safeknacker, aber auch dieser Coup misslang. "Es war ein Teufelskreis: je mehr man versuchte, mir meine Freiheit zu nehmen, umso stärker versuchte ich, sie zu verteidigen. Ich drehte ein Ding nach dem anderen - was konnte ich auf der Flucht auch anderes tun?"

Im Bau lernte er einen Mann kennen, der sein engster Freund, später auch Schwager wurde: Gilles. Der hatte nur noch ein paar Wochen abzusitzen, als Vaujour seinen nächsten Ausbruch plante.

Bei einem Zusammenstoß mit einem Wärter - über Monate hatte Vaujour die Aktion geprobt - gelang es ihm 1974, einen Abdruck des Zellenschlüssels in ein altes Käsestück zu pressen und den Schlüssel anhand des Abdrucks nachzubauen. Der Coup gelang, Vaujour war wieder einmal draußen - und auf der Flucht.

Einzelhaft: "Ich betrat meinen eigenen Sarg"

Es folgte eine Reihe von Überfällen und Diebstählen an der Seite von Gilles, dessen Frau und Schwester - für Vaujour die "einzige echte Familie" waren, die er je kannte.

"Gilles war der Bruder, den ich nie hatte. Wir waren keine Gangster, sondern anarchistische Rebellen, die außerhalb der Gesellschaft lebten." Aber auch dieser Ausflug in die Freiheit war bald beendet. Im Alter von 24 Jahren fand sich Vaujour schließlich im Hochsicherheitstrakt wieder, verurteilt zu einem Vierteljahrhundert Knast. "Mir wurde klar, dass ich zu hoch gepokert hatte" - aber verloren geben wollte er das Spiel um die Freiheit um keinen Preis.

"Die Sinnlosigkeit und Leere dieser Tage war unmenschlich", sagt er rückblickend. "Absolute Einsamkeit, keine Berührung, keine Bewegung, eine leere Betonzelle von neun Quadratmetern. Ich hatte mich aufgegeben und wollte sterben. Wie Zen-Meister Deshimaru sagen würde: Ich betrat meinen eigenen Sarg."

Nur eine Alternative sieht Vaujour: erneute Flucht. "Ich verstand, dass ich mein Leben geradezu aufs Spiel setzen musste. Ich wollte meinen Schmerz aufrechterhalten, um mir selbst treu zu bleiben."

Mit Yoga und Meditation beginnt Vaujour, sich vor der Zermürbung im Knast zu schützen - und wieder Pläne zu machen. "Ich hatte mir auf diese Art meine eigene Waffe gebaut, die mir niemand nehmen konnte."

Als Vaujour 1976 vor einem Untersuchungsrichter erschienen muss, bewacht von drei Elite-Aufsehern, zückt er eine aus Seife und Batteriehülsen geformte Pistolenattrappe und entkommt in ein Gefängnis mit blauem Himmel - in die Freiheit.

Von seinem damaligen Heldenstatus als Ausbrecherkönig und von der offenen Sympathie, die ihm die Öffentlichkeit entgegenbrachte, will Vaujour heute nichts mehr wissen. "Ich bin nur einmal in meinem Leben wirklich ausgebrochen. Das war viel später."

Vorerst ging das Spiel mit erhöhtem Einsatz weiter. Bei einem weiteren Coup lief Vaujour der Polizei erneut in die Arme und wurde dieses Mal ins Pariser La Santé verlegt. Ein Ausbruch aus dem Hochsicherheitsgefängnis galt praktisch als unmöglich. Vaujour brütete trotzdem über einem Fluchtplan.

Sein ehemaliger Knastbruder Gilles bezahlte den Versuch, Geld für Vaujours Leben nach einer Flucht aus La Santé zu beschaffen, mit dem Leben. Aber aufgeben wollte die Bande immer noch nicht. 1986, drei Jahre nach Gilles Tod, verhalf dessen Schwester Nadine ihrem Ehemann Vaujour zum immerhin spektakulärsten Gefängnisausbruch in der Geschichte Frankreichs: Sie holte ihren Gatten mit dem Helikopter vom Dach des Hochsicherheitstraktes ab.

Der Showdown folgte nur wenige Monate später. Bei einem Banküberfall geschah das, was Vaujour heute "meinen schönsten Ausbruch" nennt: Eine Kugel aus der Waffe eines Polizisten trifft ihn im Kopf.

"Als ich da auf dem Trottoir lag, diese Kugel im Kopf, hörte ich noch den Polizisten zu seinem Kollegen sagen: 'Vergiss den, der ist schon tot!' Da dachte ich bei mir: 'Ich bin lebendiger, als du es jemals warst.'"

"Wir sind am Leben, das ist ein Geschenk"

Halbseitig gelähmt, ohne Sprachvermögen, kommt Vaujour schließlich im Krankenhaus zu sich. Es steht schlecht um ihn, sehr schlecht.

Zum ersten Mal verschließt sich Vaujour in einer Extremsituation die Chance zur Flucht nach draußen. Er tritt eine andere Reise an, "eine ins Innere".

Innerhalb von Monaten lernt er, seinen Körper zu bewegen und schließlich wieder zu sprechen und zu gehen. "Nach meiner Verletzung war es die Entdeckung der inneren Freiheit, die es mir erlaubt hat, mich aus meinem eigenen Gefängnis zu befreien. Denn im eigenen Körper ist man definitiv gefangen. Dieses Mal ging es um die Befreiung von mir selbst, und von der inneren Härte, die ich aufbauen musste, um die vielen Jahre zwischen Gefängnis und Flucht zu überstehen."

Seit seiner vorzeitigen Entlassung im Jahr 2003 lebt der Ex-Gangster mit seiner zweiten Frau zurückgezogen bei Paris. Er schreibt Drehbücher und berät Krimi-Autoren. Mit seiner Vergangenheit hat Vaujour abgeschlossen: "Wenn wir die schmerzlichen Erfahrungen der Vergangenheit mit uns herumtragen, dann trennt uns das von der Gegenwart, der wir uns in jedem Moment voll öffnen müssen", erklärt er und blinzelt ein wenig durch den Rauch seiner Zigarette.

"Heute ist es so, als ob ich gar nicht im Gefängnis gewesen wäre. Als ich rausgekommen bin, habe ich schnell gemerkt, dass sich die Leute an den kleinen Hürden des Alltags festbeißen. Ich habe mir nur gedacht: Wir sind am Leben, und das ist doch schon ein Geschenk! Wenn man das erst im Augenblick des Todes merkt, ist das ein bisschen spät, oder?"



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