Autobahnkirchen Im Stau zu Gott

Einkehr an der nächsten Ausfahrt: Während der Verkehr über die A1 donnert, kümmert sich Klemens Moormann in einer Kapelle auf dem Rastplatz Dammer Berge um Menschen, die vom Weg abgekommen sind.

SPIEGEL ONLINE

Von Nora Gantenbrink, Raststätte Dammer Berge


An der A1, Raststätte Dammer Berge, findet man schneller zum Klo als zu Gott. Die Kapelle liegt versteckt zwischen Busparkplätzen und der Tank- und Rastanlage.

Der Sound der Rastanlage ist ein Gemisch aus Vogelgezwitscher, Kindergeschrei und Lkw-Krach. Busreisende stretchen die eingewinkelten Beine und packen die Tupperdosen mit Lebenslang-Garantie aus. Nikotinsüchtige inhalieren gierig, zwei Halbstarke auf Klassenfahrt prollen sich an.

In einigen Bundesländern sind bereits Sommerferien, die Rastplätze sind voll. Wer auf einer Autobahnraststätte anhält, will entweder tanken, pinkeln, essen oder eine Zigarette rauchen. All das kann man nicht in Klemens Moormanns Kapelle. Dort kann man beten, sich besinnen, einen Gruß an Gott hinterlassen. Moormann betreut eine von 38 Autobahnkirchen bundesweit. "Die Schönste", wie er sagt.

"Die Schönste" ist ein überschaubares Territorium. Durchmesser neun Meter. Ein Altar, ein Kreuz, kleine, bunte Kirchenfenster und zwei Kerzenbänke. Die Kerze 30 Cent das Stück. Den Sankt Christophorus, Schutzpatron der Autofahrer, gibt es als Schlüsselanhänger für zwei Euro. An der Wand hängt eine Holz-Madonna, unter deren Mantel geschnitzte Autos ihre Wege ziehen.

Weil dieser Sonntag der Tag der Autobahnkirchen ist, gibt es ausnahmsweise eine Andacht. Wer nicht zum Zeitpunkt der Andacht rastet, der kann den Segen auch per SMS beantragen. Wer das Wort "Reisesegen" an eine Handynummer sendet, bekommt göttlichen Beistand auf 160 Zeichen.

Auf dem Altar liegt das Buch der Wahrheit - der Wahrheit der Reisenden

In einer Zeit, in der immer weniger Menschen Gottesdienste besuchen, wirken Autobahnkapellen wie Walkmans. Es sind Relikte aus einer anderen Zeit. Die Kapelle in Dammer Berge wurde 1970 eröffnet. Braucht heutzutage noch irgendjemand eine Kirche am Rastplatz?

"Ja", sagt Klemens Moormann. Die Begründung ist einfach: Sonst würde ja keiner mehr kommen. 40 bis 60 Leute kämen täglich in die kleine Kapelle. "Wenn Stau auf der A1 ist, dann sind es natürlich noch mehr", sagt Moormann. Was woanders die Christmesse ist, ist in Dammer Berge der Stau auf der A1.

Und wer kommt so? "Alle", sagt Moormann. Alte, Junge, Dünne, Dicke, Busreisende, Individualisten, Christen, Muslime. Ja, Muslime seien letztens erst dagewesen und hätten ihren Teppich Richtung Mekka ausgerollt. "Und Autos haben die gefahren, da wusste ich gar nicht, dass Mercedes und BMW solche Modelle überhaupt herstellen", sagt Moormann. Generell sei ihm das aber völlig wurscht, an was man glaubt. "Gibt eh nur einen Herrn", sagt er. Ökumene heißt in Dammer Berge nicht nur Christ sein. Sondern glauben.

Moormann, 72, pensionierter Eisenbahnangestellter, sorgt sich seit 13 Jahren ehrenamtlich um die kleine ökumenische Kapelle. Ihm macht das Freude. Für ihn fühlt es sich an, wie eine sinnvolle Aufgabe.

In der Kapelle liegen Hefte, die man kostenlos mitnehmen darf, mit Gebeten und Liedern für unterwegs. Manche Lieder sind mit dem Vermerk versehen, dass man sie auch rappen kann.

"Hier auf der Straße sind alle gleich,

die Inder und die Kinder und die Oma und der Scheich.

Schau sie an, guck dich um, Mann, sei nicht dumm!"

Moormann singt gerne, rappt nicht, hasst Unpünktlichkeit und mag Ordnung. Wenn jemand sein Territorium beschädigt, wird er laut. Wenn jemand Hilfe braucht, spricht er leise.

"Danke für meinen Arbeitsvertrag"

"Da stand hier mal eine Frau, völlig heruntergekommen mit ihrem Rollator", erzählt Moormann. "Die hat immer die Flaschen aus den Mülltonnen gesammelt, und irgendwann, da kam sie in die Kapelle. Wir haben ihr geholfen und sie zum Arzt gebracht. Die hat jetzt eine schöne Wohnung und sammelt nicht mehr."

Auf dem Altar liegt eine dickes Buch, in das die Reisenden ihre Sorgen, Wünsche und Sehnsüchte schreiben. Jeder Eintrag eine Geschichte. "Da steht alles drin", sagt Moormann. Er hat recht.

"Danke für meinen Arbeitsvertrag" steht da. Oder: "Hab Dank liebe Gottesmutter für die schöne Reise." "Danke, dass mein Arm wieder in Ordnung ist", schreibt ein Kind. "Kampfaufruf gegen das sozialbetrügerische und wirtschaftskriminelle, postfaschistische Staatsterrorsystem Merkel/ Westerwelle" ein anderer.

"Eine hat mal zwanzig solche Buchseiten vollgeschrieben", sagt Moormann. Eine Ungarin, die auf der Flucht vor ihrem Mann gewesen sei, weil der sie totschlagen wollte. Klemens Moormann und seine Frau haben sie in der Kapelle schlafen lassen, ihr zu essen gegeben. "Das konnte man sich ja nicht mitansehen", sagt Moormann.

Nur Gott weiß, wohin der Weg führt

Moormann ist keiner, der wegscheucht. Wenn abends Jugendliche mit Schlafsäcken in die Kapelle kommen, lässt er sie dort schlafen. Dreck machen und Drogen nehmen sind verboten.

Während an Weihnachten die meisten Kirchen voll sind, ist die in Dammer Berge bis auf ein, zwei verlorene Seelen leer. "Aber für die paar ist es doch gut, dass es uns gibt", sagt ein Pfarrer, der die Andacht gehalten hat.

Wenn man Klemens Moormann fragt, wo diese verfolgte Frau aus Ungarn denn jetzt sei, dann zuckt er die Achseln. Das wisse er nicht, sagt er, während er neue Kerzen auslegt. Auch das gehöre zu den Besonderheiten der Kapelle: Manche Menschen sehe man nie mehr wieder. Da wisse nur Gott, wo der Weg weitergeht.

Zwei Reisebusse fahren über den Busparkplatz Richtung Ausfahrt. Kerzen brennen ab, neue werden angesteckt. Viele Gemeindepfarrer begleiten Menschen von der Taufe bis zur Hochzeit. Der pensionierte Eisenbahnner Klemens Moormann sieht die meisten Menschen nur für wenige Minuten, dann reisen sie weiter.

Wichtig sei ja nur, sagt Moormann, dass man irgendwann auch ankommt.



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