DLRG-Wachleiter über Badetote »Fürs Schwimmen in freien Gewässern reicht das Seepferdchen nicht«

Die Sommerhitze trieb zuletzt Tausende ins Wasser, es kam zu tödlichen Unfällen. Ein DLRG-Experte fürchtet, dass sich die Zahl der Unglücke nach der Pandemie noch erhöhen könnte.
Ein Interview von Felix Keßler
DLRG-Helferin am Strand von Grömitz an der Ostsee: »Wir sind ja nicht die Badepolizei«

DLRG-Helferin am Strand von Grömitz an der Ostsee: »Wir sind ja nicht die Badepolizei«

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David Inderlied/Kirchner-Media / imago images

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Drei ertrunkene Mädchen im Rhein, ein toter Jugendlicher in der Elbe, zwei erwachsene Badetote in Baden-Württemberg und Bremen. Das vergangene Wochenende brachte nicht nur große Hitze nach Deutschland. Mehrere Menschen bezahlten eine Erfrischung im Wasser mit dem Leben.

Häufiger ging es glimpflich aus. Am Fühlinger See in Köln ereigneten sich binnen weniger Tage gleich zwei Unfälle, beide Male konnten die Betroffenen erfolgreich wiederbelebt werden. Auch in einem Schwimmbad im Sauerland wurde ein Junge reanimiert, nachdem andere Teenager ihn aus dem Wasser gezogen hatten.

SPIEGEL: Herr Rosenberg, warum scheinen sich Badeunfälle gerade zu häufen?

Rosenberg: Ich finde auffällig, dass offenbar vor allem Kinder und Jugendliche betroffen sind. Sie können wahrscheinlich häufig noch nicht gut schwimmen. Wenn sie nach mehr als einem Jahr ohne Übung und Training in einem freien Gewässer ohne Aufsicht baden, teilweise sogar mit Strömung, wird es lebensgefährlich.

SPIEGEL: Sie meinen, in der Pandemie haben die Menschen das Schwimmen verlernt?

Rosenberg: Ob in den aktuellen Fällen bereits ein Corona-Effekt durchschlägt, wage ich zu bezweifeln. Zu Beginn jedes Sommers gibt es vermehrt Badeunfälle. Ob es mehr Fälle sind als sonst, können wir erst später sagen. Problematisch ist aber, dass immer weniger Kinder sicher schwimmen können.

SPIEGEL: Weil es immer weniger Schwimmbäder gibt?

Rosenberg: Genau. Wer heute schwimmen lernen will, muss mancherorts ein Jahr warten, bis es freie Kurse gibt. Wegen Corona konnten im vergangenen Jahr kaum Schwimmtrainings stattfinden, jetzt ist der Andrang umso größer. Wir haben aktuell fast 400 Anmeldungen für den Sommer und stehen kurz davor, dass wir absagen müssen. Aber für Menschen aus der Region sind wir die einzige Anlaufstelle, das nächste Schwimmbad ist Dutzende Kilometer entfernt.

»Viele Kinder können schlecht schwimmen.«

SPIEGEL: In Zukunft wird die Zahl der Badeunfälle also womöglich noch steigen?

Rosenberg: Ich sehe bei uns schon jetzt eine Generation, in der viele Kinder nur schlecht schwimmen können. In der aktuellen Situation können sie ihre Rückstände nur schwer aufholen. Ein Seepferdchen ist ein Anfang, aber fürs Schwimmen in freien Gewässern reicht das nicht. Ich fürchte, dass sich das bemerkbar macht, wenn diese Kinder in einigen Jahren als Jugendliche unbegleitet und an unbeaufsichtigten Stellen ins Wasser gehen.

SPIEGEL: Sind die Badenden nach dem monatelangen Shutdown auch risikofreudiger?

Rosenberg: Die Menschen können es nicht mehr abwarten, endlich an den Strand und ins Wasser zu kommen. Da werfen manche keinen Blick mehr auf Wind und Wettervorhersage oder informieren sich über örtliche Besonderheiten. Auch an unserer Station fragen die Leute kaum noch nach, wie die Verhältnisse sind. Mein Eindruck ist, dass sich zudem in den vergangenen Jahren eine Servicementalität gebildet hat.

SPIEGEL: Was heißt das?

Rosenberg: Einige Eltern setzen sich an den Strand mit der Haltung: Wird schon nichts passieren. Und wenn, gibt’s ja noch die DLRG. Da werden Kinder beispielsweise auch auf Stand-up-Boards oder aufblasbaren Spielzeugen aufs Wasser gelassen, selbst wenn der Wind ablandig ist. Gerade mit Kindern haben wir es besonders schwer. Wenn die in Panik geraten und in tieferen Bereichen von ihren Luftmatratzen ins Wasser springen, weil sie zurückschwimmen wollen, bleibt uns nicht viel Zeit.

SPIEGEL: In diesem Sommer dürfte es an Deutschlands Seen und Stränden wieder voll werden. Was sagen Sie jenen, die dem Andrang ausweichen wollen und außerhalb der abgesteckten Bereiche baden gehen?

Rosenberg: Wir machen keine Vorschriften, wir sind ja nicht die Badepolizei. Aber wir wollen Unfälle vermeiden und nicht immer erst im Notfall eingreifen. Wer außerhalb der Badezonen schwimmt, muss sich darüber klar sein, dass es meist deutlich länger dauert, bis wir Menschen dort erreichen. Wenn wir sie überhaupt bemerken.

SPIEGEL: Was raten Sie Ihren Badegästen?

Rosenberg: Am Strand einmal kurz bei uns nach der Lage erkundigen. Wenn es eine Gefahr gibt, sagen wir Bescheid und zeigen das auch mit Flaggen an. Die Kennzeichnung ist weltweit einheitlich. Wer sich dann noch an die Baderegeln hält, ist sicher unterwegs.

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