Bäckerei Pane Brot (von gestern) für die Welt

Ein Grazer Bäcker verkauft sein altes Brot in einem eigens dafür eingerichteten Laden. Jeden eingenommenen Cent spendet er für wohltätige Zwecke. Wie viel kommt zusammen - und wie viel PR steckt in dem Projekt?

Martin Auer vor dem Pane in Graz
Claus Hecking

Martin Auer vor dem Pane in Graz

Ein Interview von


Es duftet nach nicht mehr ganz frischem Brot in der Mariahilfergasse, Graz, Österreich. Nach Landbrot, Herzbrot, Roggen Pur, Spargelbrot oder Kartoffelbrot. Zu Dutzenden liegen die dunkelbraunen Laibe nebeneinander in den Verkaufsregalen der kleinen Bäckerei Pane. Sie alle sind von gestern: Übrig gebliebene Ware, die der Grazer Filialbäcker Martin Auer am Vortag nicht losgeworden ist.

Jetzt stehen sie alle an für die Restposten: Hausfrauen und Rentner, Studenten und Anzugträger. Die Schlange reicht weit aus dem Laden heraus. So sei das ständig, erzählt einer der Wartenden. Denn erstens bekommen sie bei Pane das Brot von gestern zum halben Preis. Und zweitens tun sie Gutes, wenn sie hier einkaufen. Denn Auer spendet nach eigenen Angaben den gesamten Umsatz von Pane für Hilfsbedürftige und Flüchtlinge.

Zur Person
  • Privat
    Ronny Kühnert, 18, hat in diesem Jahr sein Abitur in Heilbronn gemacht. Nun reist er um die Welt, um seine Instagram-Follower zu treffen. Auf der Social-Media-Plattform ist er unter @rmkhnert__ zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Herr Auer, viele Bäcker verkaufen ihr Brot kurz vor Ladenschluss mit Rabatten ab...

Martin Auer: ...mein Vater hat früher auch den klassischen Abverkauf am Abend gemacht: mit 30 oder 50 Prozent Rabatt. Aber das haben wir nach meiner Übernahme rasch beendet. Fast jeden Tag sitzen unsere Bäcker und ich zusammen, diskutieren, wie wir unsere Brote und Backwaren besser machen können, reißen uns einen Haxen aus. Und dann sollen wir das Ergebnis zum Sonderpreis weghauen? Es ist am Abend doch nicht weniger wert.

SPIEGEL ONLINE: Stattdessen verkaufen Sie es jetzt am Tag danach: in dieser speziellen Filiale, für wohltätige Zwecke. Was hat Sie auf diese Idee gebracht?

Auer: Eine Aktion von Studenten. Sie haben hier in diesem Viertel auf einem Straßenfest eine Kunstinstallation gezeigt: eine Art Triumphbogen, den sie mit altem Brot gefüllt haben, um auf die enorme Lebensmittelverschwendung hinzuweisen. Es stimmt ja auch: Wir leben hier im Luxus, und Menschen anderswo hungern. Und dann sah ich auf dem Heimweg dieses leer stehende Geschäft hier - und hatte die Idee.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie bis dahin mit Ihrem Brot und Gebäck vom Vortag gemacht?

Auer: Wir haben das meiste von einem befreundeten Schweinebauern abholen lassen, für wenig Geld. Der hat es an seine Tiere verfüttert.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie es nicht einer Lebensmittel-Tafel für Bedürftige gegeben?

Auer: Wir beliefern auch solche Tafeln, allerdings hat Pane Vorrang.

Pane in Graz
Martin Auer

Pane in Graz

SPIEGEL ONLINE: Sie beklagen die Lebensmittelverschwendung, aber Sie tragen selbst dazu bei. Warum stellen Sie nicht einfach weniger Brot her?

Auer: Wir können unsere Kunden nicht enttäuschen. Wer um 17 Uhr zu uns kommt, will auch noch eine gute Auswahl haben. Wir haben lange daran gearbeitet, Überangebote so gut wie möglich zu vermeiden. Denn mir tut es weh, wenn das gute Brot im Müll oder bei den Schweinen landet. Aber im Schnitt machen wir zehn bis elf Prozent Überschuss. Weniger bekommen wir bislang leider nicht hin.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt wandert der meiste Überschuss zu Pane. Wie viel Umsatz machen sie mit dem Brot von gestern?

Auer: Wir nehmen etwa 40.000 Euro im Jahr ein.

SPIEGEL ONLINE: Und wie viel davon bleibt nach Abzug der Kosten übrig für die Bedürftigen?

Auer: Jeder Cent, der reinkommt, wird gespendet. Die Mitarbeiterinnen sind Ehrenamtliche. Miete und Betriebskosten zahlen meine Frau und ich aus eigener Tasche.

 Im Geschäft
Martin Auer

Im Geschäft

SPIEGEL ONLINE: Sie machen gerne von sich selbst reden. Kürzlich etwa haben Sie landesweit Schlagzeilen gemacht, als Sie Österreichs erstes Geschäft eröffnet haben, in dem man nur bargeldlos zahlen kann. Auch Pane bringt Ihnen Aufmerksamkeit. Geht es Ihnen wirklich um die Bedürftigen - oder vor allem um Ihr eigenes Firmenimage?

Auer: Ich sehe das nicht als entweder oder. Unser Ziel ist, dass unser Tun Substanz und Relevanz hat. Und wenn man authentisch und ohne Rücksicht auf Konventionen agiert, wird das eben diskutiert. Wissen Sie: Wir leben hier in Österreich in einem Umfeld, das uns einen sehr hohen Lebensstandard ermöglicht. Ich möchte einen Hauch dazu beitragen, dass es anderen Menschen besser geht. Aber natürlich tut Pane auch meinem persönlichen Selbstwertgefühl und meinem Gewissen gut. Und ja: Es passt zum Image unseres Unternehmens. Nur wenn das Image stimmt, können sich die Kunden und Mitarbeiter mit uns identifizieren.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Ihre Angestellten von Pane?

Auer: Als wir gestartet sind, ging es uns finanziell nicht so gut. Da hat mein Buchhalter gesagt: "Martin, ich glaub, wir sollten jeden Euro lieber zweimal umdrehen." Darüber hinaus habe ich noch keine Kritik gehört, das würde mich auch wundern. Man sollte unseren Beitrag aber auch relativieren: Bill Gates hat bislang mehr als 30 Milliarden gespendet, Martin Auer gibt jährlich 40.000 Euro.

SPIEGEL ONLINE: Unseres Wissens hat bisher niemand Ihre Idee kopiert. Warum nicht?

Auer: Weil das bei den anderen den Gewinn um 40.000 Euro schmälern würde. Wenn Sie in einem Unternehmen fremde Investoren haben oder viele Anteilseigner, dann regiert das ökonomische Kalkül. In unserem Betrieb entscheiden meine Frau und ich alleine. Und wir leisten diesen kleinen Beitrag gerne.



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