Pasta in Heimarbeit Der Nudelzoff von Bari

Eine Schar älterer Damen in Italiens Südost-Metropole Bari lehnt sich gegen die Obrigkeit auf. Die will ihre handgemachte Pasta verbieten.
Ist das Kunst oder ein krimineller Akt? Eine Nudelexpertin aus Bari bei der Arbeit

Ist das Kunst oder ein krimineller Akt? Eine Nudelexpertin aus Bari bei der Arbeit

Foto: Grzegorz Banaszak/ imago images/ ZUMA Press

Eigentlich sollten die Polizeibeamten nur draußen, vor dem Restaurant am Corso Vittorio Emanuele, einer der Prachtstraßen in Bari, prüfen, ob dessen Stühle und Tische nicht über die amtlich zugebilligten Reviergrenzen hinausragten. Aber weil sie schon mal da waren, sahen sich die Uniformträger auch drinnen in der Küche ein wenig um, so geht es aus einem Bericht der Bari-Lokalausgabe der italienischen Tageszeitung "La Repubblica" hervor. Dabei stießen sie auf eine dicke Tüte mit drei Kilo Nudeln darin, aber ohne Etikett, mithin ohne Herkunftsnachweis und ohne all die übrigen Angaben, die heute auf einer Tüte Pasta zu stehen haben. Man ordnete von Amts wegen eine Strafe und die Vernichtung der illegalen Nudeln an.

Die Beamten lösten damit einen Streit aus, der in ganz Italien diskutiert wird und es unter dem Titel "Call it a Crime of Pasta" (deutsch etwa "Nenne es ein Nudel-Verbrechen") bis auf die Frontseite der "New York Times" brachte. Nun soll ein neues Gesetz die eigentlich ungesetzliche Nudelproduktion erlauben. Aber so einfach wird das nicht gehen.

Nudel-Künstlerinnen im Rentenalter

Die nicht etikettierte Pasta in der No-Name-Tüte war natürlich nicht irgendein Nudelprodukt: Es waren Orecchiette, in Heimarbeit hergestellt von Frauen aus Baris Altstadt, vor allem aus der früher berüchtigten, heute berühmten Arco-Basso-Straße. Orecchiette sehen aus wie kleine Öhrchen, deshalb heißen sie so. Außer denen stellen die Damen noch Orecchioni her, etwas größere Pasta-Ohren, und Cavatelli, etwas lang gezogene Ohren. Aber vor allem die kleinen Orecchiette. 

Die werden von den Nudelkünstlerinnen, zumeist im hohen Rentenalter, in unglaublicher Geschwindigkeit auf dem bemehlten Küchentisch gezaubert: Aus einem Batzen Teig wird, Stück für Stück, eine dünne Rolle geformt, und die wird mit einem kleinen, billigen Küchenmesser mit Plastikgriff und zwei geschickten Händen zu kleinen Mini-Ohren geschnitten und gedrückt. Drei Sekunden, fertig, nächste. 

Frisch und handgemacht: Die Nudelmacherinnen können noch mehr als Pasta

Frisch und handgemacht: Die Nudelmacherinnen können noch mehr als Pasta

Foto: Grzegorz Banaszak/ imago images/ ZUMA Press

Meist schauen die Nudelmacherinnen nicht einmal hin, sondern plaudern mit den Nachbarn. Denn bei schönem Wetter wird der Küchentisch draußen aufgestellt, vor der Haustür, die gleichzeitig die Pforte zur Küche ist, dem zentralen Raum der meist winzigen Wohnungen in den uralten Häusern der Altstadt. Unten sitzen die Nudelmacherinnen oben darüber, auf Leinen oder den Balkongittern, flattert die Wäsche. Ein Idyll, Italiens heile Welt. Oder?

Mäkelei im Internet

Nicht alle Italiener finden diese Art, Nudeln zu machen gut. Immer mal wieder gibt es Aufregung in den sogenannten "sozialen Netzwerken": ungesetzlich, unhygienisch, ungesund - unerträglich. Die Mäkler "müssen unsere Nudeln doch einfach nicht essen", sagt eine der Produzentinnen dem SPIEGEL - und damit hat die Frau, die ihren Namen nicht genannt wissen will, ja auch irgendwie recht. 

Gleichwohl ist das Wirken der Pasta-Damen, gemessen an den geltenden Vorschriften, eindeutig rechtswidrig. Ein paar kleine Beutelchen, für die Nachbarn, könnten vielleicht unter "Eigenbedarf" rubriziert und somit geduldet werden. Aber in den Gassen von Bari wird eine ziemliche Menge Öhrchen gedreht, geschnitten und gedrückt. Somit geht - so unsinnig die Vorschriften auch sein mögen - am Verbot eigentlich kein Weg vorbei. Denn auch wenn die Herstellerinnen bereit wären, auf jedes Tütchen einen Herkunftsnachweis zu pappen, finge ja das Problem erst richtig an. Hergestellt auf einem bemehlten Holzküchentisch? In einer Küche mit Opa, Enkel, Katze und Hund? Von einer Frau ohne Handschuhe und Haarschutz? Muss man weiter ins Detail gehen? Etwa die Steuerfrage stellen?

Andererseits traut sich keiner so recht, den nudelaktiven Bari-Omas das Handwerk zu legen. Das hat etwas mit der Geschichte der Stadt und deren sagenhaftem Aufstieg in der jüngsten Zeit zu tun.

Sylvester Stallone tanzt mit den Nudeldamen

Noch vor kaum mehr als zwei Jahrzehnten galt das Viertel als heißes Pflaster: düster und heruntergekommen. Viele Männer arbeitslos, die Kinder mit dem Messerchen am Pastatisch, daneben die Mütter, die neben den Nudeln aus dem Balkan eingeschmuggelte Zigaretten verkauften. Die Stadt war arm, die Einwohnerzahl schrumpfte bis Mitte der Neunzigerjahre.

Etwa um die Jahrtausendwende brachten die Stadtregenten Licht und Farbe in die Problemviertel. Investoren schufen - mit Blick auf den Hafen - im Umland Arbeitsplätze. Die Reisenden, die schon immer per Schiff via Bari nach Griechenland oder auf den Balkan fuhren, stiegen plötzlich in Bari aus, blieben sogar eine Nacht. Dann kamen die Kreuzfahrtschiffe. Und heute ist die Stadt voll. Lonely Planet setzte Bari voriges Jahr auf die Liste der zehn Top-Tourismus-Ziele in Europa. Ein Dolce-&-Gabbana-Spot zeigt Sylvester Stallone beim Tanzen mit den Frauen von Arco Basso und beim Fingerspiel mit den Orecchiette.

Die Altstadt von Bari: Aus dem einstigen Problemviertel wurde ein beliebtes Touristenziel

Die Altstadt von Bari: Aus dem einstigen Problemviertel wurde ein beliebtes Touristenziel

Foto: Grzegorz Banaszak/ imago images/ ZUMA Press

So ziehen nun Zigtausende Menschen durch Bari und an den Nudeltischen vorbei. Auf eigene Faust oder mit Reiseführer, für 15 bis 100 Euro pro Person. Sie wollen sehen, wie die Frauen Nudeln machen, probieren, kaufen. Nicht trotz fehlender Etiketten, sondern gerade deswegen erzählen sich die Touristen: "Mensch, da unten in Bari, da machen die Frauen auf der Straße die Nudeln noch mit der Hand, wie vor hundert Jahren, Toll. Muss man gesehen und gegessen haben."

Illegal ja - aber verbieten nein

Nun ja, sagen Polizei, Justiz und manche rechtschaffene Bürger: Illegal ist es trotzdem. Man muss es verbieten oder regeln. Dann, drohen die Nudelköniginnen, ziehen wir zum Protest vors Rathaus, und die ganze Welt wird uns helfen. Bürgermeister Antonio Decaro kapitulierte gleich, ohne Protestmarsch: "Die Nudeln sind ohne Herkunftsnachweis, aber ich esse sie trotzdem, sie sind hervorragend", sagte er bei einem Empfang zum Jahreswechsel. Nun ist der Bürgermeister zur Tourismus-Messe in New York gereist, gemeinsam mit Signora Nunzia, einer der Wortführerinnen der Pastadamen. Die präsentiert dort - auf Einladung der "New York Times" - ihre Öhrchen. Und die sollen daheim verboten werden?

Nein, sagt Bürgermeister Decaro, nebenbei Präsident von ANCI, der Vereinigung aller italienischen Kommunen, und hat schon eine Idee: Seine ANCI soll dem Parlament in Rom einen Gesetzentwurf vorlegen, der den Streit "endgültig löst", sagte seine Sprecherin Aurelia Vinella dem SPIEGEL. Ein Gesetz mit "stark vereinfachten Vorschriften" nicht nur für die Öhrchen-Produktion, sondern "für alle handgemachten, traditionellen Lebensmittel in Italien", vom "hausgemachten Käse, von Honig, Marmelade und Brot bis zu getrocknetem oder in Öl eingelegtem Gemüse". Für die Handarbeit müsse es andere Regeln geben als für die Fabrikproduktion, sagt Dottoressa Vinella.

Ein heldenhaftes Vorhaben - leider mit nur geringen Erfolgsaussichten. Denn einfache Vorschriften in Italien, das ist ein Widerspruch per se. Das haben schon viele versprochen. Geklappt hat es nie.